Wir schreiben das Jahr 2010, Europa jubelt. Der Bologna-Prozess hat sein glückliches Ende gefunden. Hoch die Tassen und Haken drunter. So wird es kommen.
Schon jetzt sind die europäischen Bildungsminister, die gerade im belgischen Leuven tagten, voll des Lobes über das, was sie seit 1999 zustande gebracht haben: Binnen einer Dekade wollten sie einen gemeinsamen Hochschulraum schaffen.
Wenn sie sagen, dies sei fast geschafft, ist das nicht gelogen: Zwei Drittel aller Studiengänge zwischen Albanien und Zypern sind auf die neuen Studiengänge Bachelor und Master umgestellt. Wer hierzulande sein Studium beginnt, kann es in Großbritannien ebenso fortsetzen wie im Vatikan. Zumindest theoretisch.
Wie die Politik aber ein bisschen hübsche Statistik als Erfolg verkauft, ist peinlich und lebensfern. Erinnern wir uns: Mindestens jeder zweite Akademiker in spe sollte, so die ursprüngliche Idee, auch mal ins Ausland gehen können. Ohne die Sorge, dass die Matheklausur, die in Bochum geschrieben wurde, in Lyon schon nichts mehr gilt. Dafür haben bis heute 46 Euro-Staaten ein länderübergreifendes Punktesystem eingeführt und Studieninhalte zu Modulen gebündelt, die sich dann - wieder theoretisch - miteinander vergleichen lassen sollten.
Unis kleben an den Diplom- und Magister-Studiengängen
Auf solche Rahmenbedingungen haben die Länder wohl die meiste Zeit verwendet, nur so recht hineinpassen will dort nichts: Immer noch gibt es mit der wechselseitigen Anerkennung von Studienleistungen Probleme. Nur 15 Prozent der Studenten gehen während des Bachelors ins Ausland. Schon ein innerdeutscher Vergleich zeigt zudem: Viele Unis kleben bis heute an den Diplom- und Magister-Studiengängen und versuchen, alte Inhalte in neue Studiengänge zu pressen.
Weil das nicht funktionieren kann, ernten Studenten heute vor allem Mitleid: Wer nicht gleich zu dem Viertel gehört, das sein Studium vorzeitig abbricht, beißt sich durch ein völlig überfrachtetes Studium, in dem das gerade angehäufte Wissen maximal bis zur nächsten Klausur reicht. Der Blick über den universitären Tellerrand bleibt versperrt: Soziales Engagement? Vergiss es. Jobben? Wäre nötig, nur wann? Bologna hat eine neue Generation hervorgebracht.
Keine neugierige, mobile, sondern eine verunsicherte: Sie will alles richtig machen, Studium und Karriere stemmen, für ein bisschen Sicherheit zwischen Finanzkrise und Schweinezyklen. Und bleibt doch mit dem Gefühl zurück: Da fehlt was: Lernen fürs Leben. Lebenslang. Auch das war mit Bologna mal irgendwann gedacht. Heute müssen sich die ersten Absolventen unverschämt fragen lassen, ob das dreijährige Erststudium sie nicht verdummt hat.
Und dennoch bleibt Bologna eine Riesenchance - Politiker und Hochschulen brauchen nur den Mut zur Entschleunigung. Im Klartext heißt das, dass Unis ihre Studienordnungen entrümpeln und den Studenten Zeitfenster schaffen müssen: für Inhalte, die interessieren, auch wenn sie sich nicht unmittelbar für den künftigen Job verwerten lassen. Und auch für Auslandsaufenthalte.
Niemand hat die Unis dazu verdammt, den Bachelor auf drei Jahre zu beschränken. Entlastung aber kostet Geld. Mindestens 15 Prozent mehr Personal, so hat die Hochschulrektorenkonferenz errechnet, wird gebraucht, wenn Bologna tatsächlich ein Erfolg werden soll.
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