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Bildungsstreik: "Freiheit auch für Lernkaninchen"

Die Studenten leiden an einer Überdosis Lernstoff. Schüler klagen über G-8. Zehntausende gehen in 50 Städten für eine bessere Bildungspolitik auf die Straße. Professoren und Politiker zeigen Verständnis. Von Jeannette Goddar

In rund 50 Städten demonstrierten mehr als 50.000 Schüler und Studierende. Die größten Demonstrationen fanden in Berlin und München statt.
In rund 50 Städten demonstrierten mehr als 50.000 Schüler und Studierende. Die größten Demonstrationen fanden in Berlin und München statt.
Foto: dpa

Die Blätter sind gefallen, die Temperatur auch. Außerdem steht dort, wo im Juni eine Bühne stand, heute ein Riesenrad: Wie überall wird auch vor dem Roten Rathaus in Berlin der alljährliche Weihnachtsmarkt aufgebaut.

Sonst aber ist hier alles genau wie knapp ein halbes Jahr zuvor. Die gleichen Studenten und Schüler und eine Handvoll Lehrer und Gewerkschafter stehen auf der Straße und fordern bessere Bildung: "Gegen Leistungsterror und Lernfabriken" und für "Freiheit auch für Lernkaninchen." Und täglich grüßt das Murmeltier?

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In rund 50 Städten demonstrierten gestern nach Angaben der Projektgruppe Bildungsstreik mehr als 50.000 Schüler und Studierende. Die größten Demonstrationen fanden in Berlin und München statt.

In Berlin sind nach den großen drei Universitäten inzwischen auch mehrere Fachhochschulen besetzt. Neubesetzungen wurden seit Montag aus Erlangen, Braunschweig und Paderborn, Freiburg und Gießen gemeldet. In einigen Städten lassen die Präsidien der Universitäten die Studierenden, die in der Regel einzelne Gebäude oder das Audimax besetzt halten gewähren. Allerdings nicht in allen: In Bielefeld und Duisburg-Essen, Münster und Marburg wurden Besetzer geräumt.

Weitere größere Aktionen sind in Planung: Am kommenden Dienstag will das Netzwerk Bildungsstreik die Tagung der Hochschulrektorenkonferenz in Leipzig stören. Auch eine "Blockade-Aktion" der Kultusministerkonferenz am 10. Dezember in Bonn wird nicht ausgeschlossen.

In rund 50 Städten demonstrierten mehr als 50.000 Schüler und Studierende. Die größten Demonstrationen fanden in Berlin und München statt.
In rund 50 Städten demonstrierten mehr als 50.000 Schüler und Studierende. Die größten Demonstrationen fanden in Berlin und München statt.
Foto: dpa

Nun ja, schimpft Julia Teschlade, "es hat sich ja auch überhaupt nichts verändert." Immer noch jagten sie und ihre Kommilitonen von einer Veranstaltung zur nächsten, hier die Anwesenheitspflicht erfüllen, dort noch ein paar Leistungspunkte abgreifen. Immer an der Grenze zur Überdosis Stoff, immer ohne Zeit, sich ernsthaft mit etwas zu beschäftigen. "Politisches Engagement - wann denn?" hat die Studierende der Sozialwissenschaften an der Humboldt-Uni auf ein Plakat geschrieben. Also weg mit dem Bachelor und Master?

Ein Studium muss studierbar sein

"Nicht unbedingt," sagt sie, "wie das heißt, ist mir egal. Aber ein Studium muss studierbar sein." Und ihres, das sie nun nach sechs Jahren mit einem Master zu Ende bringt, sei das nicht. Der Einwurf, das Wort Studierbarkeit trüge inzwischen auch jeder Kultusminister im Munde, löst bei der Aktivistin nur spontanes Gelächter aus. "Aber tun die etwas? Seit ich studiere, kämpfe ich für bessere Bedingungen. Nix passiert."

Dass die Bildungsverantwortlichen der Länder sich nicht wohlmeinend äußerten, lässt sich inzwischen wirklich nicht mehr behaupten. Alleine am gestrigen großen Protesttag des Bildungsstreiks vom Sommer erklärten sie sich quer durch die Republik solidarisch: Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) zeigte für die Proteste in mehr als 30 Städten "in vielen Bereichen grundsätzlich Verständnis". Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) sagte, die Hochschulen müssten aus den Fehlern der Vergangenheit ihre Lehren ziehen.

Sein niedersächsischer Kollege Lutz Stratmann (CDU) kündigte konkrete Pläne an, um die Bologna-Reform an den Hochschulen an entscheidenden Stellen zu korrigieren. Auch aus Baden-Württemberg kam in Ansätzen Unterstützung: Es gehöre "mehr Flexibilität in das System," um "den Studierenden mehr Luft zu geben", erklärte Peter Frankenberg (CDU) in Stuttgart.

Auch Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) kündigte Reformen bei Bachelor-Studiengängen an. "Es geht zum einen darum, die Kleinteiligkeit der Studieninhalte aufzubrechen", sagte er der Oldenburger "Nordwest-Zeitung". Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Auch Hochschulpräsidenten stellen sich in diesen Tagen reihenweise hinter den Protest.

Die Schüler und Studierenden vor dem Roten Rathaus - an die zehntausend werden es sein - halten den für mindestens vier Jahre gewählten Verantwortlichen an diesem trüben Novembertag ein ziemlich schlagkräftiges Argument entgegen: Wir haben nicht so viel Zeit!

Kleine bis mittlere Unwägbarkeiten

Rechnerisch müsste er nach drei Semestern wohl ein halb fertig ausgebildeter Umwelttechniker sein, erzählt der Fachhochschul-Student Robert Fischle. Und? "Stattdessen musste ich mir meine Praxis in einem Ökologischen Jahr in einer Solarfabrik abholen. An der Hochschule wird nur gekürzt, Labore geschlossen, Dozenten eingespart." Statt wie die angeblich so umgarnten Klimaschützer von morgen fühlten er und seine Kommilitonen sich wie "Lohnschwätzer" in spe: "Reden können wir. Aber wir sollten doch das Machen lernen!"

Die meisten Studierenden, die das Protestieren nach den langen Semesterferien nicht verlernt haben, beschäftigen nach wie vor mehr die kleinen bis mittleren Unwägbarkeiten: Die Anwesenheitspflichten, der Leistungsdruck, die Verschultheit, manchmal noch kleineres: Einer wünscht sich einfach einen Sitzplatz im Anglistik-Studium. Es geht viel um Geld.

"Ich will eine Bank sein" steht auf einem Transparent, "be berlin. be bankrupt." auf einem anderen, "Reiche Eltern für alle" auf einem dritten. Um das große Ganze geht es vor allem denen, die den Lautsprecherwagen bespielen: "Wir wollen Ihre Korrekturen nicht!", ruft ein Studierender der Freien Universität aus dem stehenden Auto Bildungsministerin Annette Schavan entgegen: "Wir wollen die Abschaffung dieses ganzen neoliberalen Bildungssystems!" Nur vereinzelt applaudiert einer.

Zehntklässler Jan wäre schon froh, wenn er eine einzige Reform der letzten Jahre abschaffen könnte: Die Verkürzung der Abiturzeit. G-8 statt G-9, sagt der Junge mit dem Palästinensertuch um den Hals, das sei genau derselbe Stoff in kürzerer Zeit. "Jeder Lehrer meint, sein Thema sei das Wichtigste," klagt er, "auf nichts wird verzichtet. Dreimal habe ich den Nationalsozialismus und fünfmal das Auge durchgenommen." In einer Klasse mit 31 Schülern; unterrichtet von Lehrern, die er schlicht für überfordert hält: "Wir kriegen willkürliche Noten, keine Antworten auf Nachfragen, dauernd lernen wir irgendwas auswendig.

Halbe Klassen unterrichten, das würden die vielleicht hinbekommen." Jan ist erst 16, stammt aus einer der reichsten Gegenden Berlins und wird mit ziemlicher Sicherheit in ein paar Jahren sein Abitur schon schaffen. Dennoch sagt er heute: "Mein Frustrationsfaktor ist bei hundert Prozent."

Autor:  Jeannette Goddar
Datum:  17 | 11 | 2009
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