Das Jahr 2009 war das Jahr der Bildungsstreiks: Lernende zogen auf die Straßen, besetzten Rektorate und Hörsäle. Laut und grell lief es auf allen Kanälen, Hinz und Kunz äußerten sich. Das "Gestrige" (Bundesbildungsministerin Annette Schavan) wurde medial bedeutsam zur "berechtigten" Forderung nach "mehr Bildung", vor allem: nach einer "Reform der Reform". Bolognas Exzellenzkarosserie erhielt Kratzer. Sein einseitig auf Verwertungswissen getakteter Motor aber wurde nicht angezweifelt. Dagegen setzen wir Stichworte einer potentiell menschengerechten und demokratisch angemessenen Universität des 21. Jahrhunderts.
Urteilsfähige Menschen sind das Ziel. Kurze, schmale, fachlich idiotisierende Studiengänge sind falsch: Sie befähigen die Menschen nicht, die geballten Probleme der Gegenwart und Zukunft menschengemäß anzupacken. Um sich dem Ziel der Urteilsfähigkeit anzunähern, müssen die zusammengehörigen kognitiven und habituellen Lernbedingungen ernst genommen werden.
Neue Lehr-Lernmodelle in prinzipiell ganztägigen Formen während der sekundären und tertiären Sozialisation sind erforderlich. Fächer- und Arbeitsteilung, so wenig sie naturgegeben sind, sind nicht mehr prinzipiell zu reduzieren. Darum kommt es darauf an, die Studierenden (und durch periodische Weiterbildung ein Leben lang) dahin zu begleiten, mehr-fachsprachenfähig zu werden, die Logik fremden Fachdenkens und seine Gegenstände kompetent zu durchschauen.
Das ist weder durch Allgemeinbildung noch durch eine starr gestaltete Verabreichung oberflächlicher Kenntnisse möglich. Die Curricula aller Fächer sind vielmehr in Inhalt, Methode und Form so zu bilden, dass sie von der besonderen Fachausbildung allmählich ausweitend allgemeinere Verständnis- und Fertigkeitskreise zu berühren vermögen.
Dazu sind lange bekannte, aber universitär nie systematisch entwickelte Lehr- und Lernformen zu kombinieren: Learning by doing, fallanalytisch erprobte Interdisziplinarität, fächerübergreifende Blockkurse zu aktuellen gesellschaftlichen Problemkomplexen.
Diese Lehr- und Lernformen lassen sich wahrhaft innovativ nur in überschaubaren Einheiten realisieren: Die jetzigen universitären Einrichtungen sind darum systematisch zu teilen, in kleine Hochschulen mit drei- bis viertausend Lernenden und Lehrenden. Was überschaubar ist, bedarf keiner verschlungenen Verwaltung, keiner wuchernden teuren Bürokratiekomplexe.
Lernformen werden damit befreit von der Verdinglichung bürokratischer Denklogik und ermöglichen Formen der Kommunikation, die die Fächer wechselseitig anregen. Dann allein wären partizipativ-demokratische Handlungsräume effektiv machbar.
Die Streiks und Sit-ins 2009 galten prinzipiell Schulen und Hochschulen. Falsch wäre es, ein Bildungssystem aus einem Guss zu verlangen. Aber es gilt doch, Bildungs- und Lehr-/Lernformen von der Vorschule bis zur beruflichen Nachbildung einzurichten, die demokratische Lernprozesse für jeden adäquat ermöglichen.
Den Vorwurf der Utopie ertragen wir. Denn wer sich nicht vorstellen kann, wie Menschen heute urteilsfähig werden können, sollte das Gerede von der "Evaluation" sein lassen.
Wolf-Dieter Narr ist politikwissenschaftlicher Emeritus und lehrte bis 2002 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er ist Mitstreiter im Bildungsstreik.
Friedemann Vogel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg. Er ist Gründer des Heidelberger Forums für kritische Theorie und Wissenschaft und gestaltete die Bildungsproteste im vergangenen Jahr mit.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.