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Klemens Himpele: "Der Druck hat sich massiv erhöht"

Studenten stehen unter Dauerkontrolle, sagt Klemens Himpele im FR-Interview. Er ist Autor einer Studie zum Bologna-Prozess.

Klemens Himpele ist einer der Autoren der Studie Der Bologna-Prozess zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Klemens Himpele ist einer der Autoren der Studie "Der Bologna-Prozess zwischen Anspruch und Wirklichkeit."
Foto: privat

Herr Himpele, fragte man Studierende im Bildungsstreik nach ihrer Bologna-Realität, lautete die Antwort immer: Null Leben, nur Lernen. Ist der Bachelor tatsächlich so wenig studierbar?

Ja. Der Druck hat sich massiv erhöht - vor allem durch die enorm dichte Kontrolle der Studierenden. Ständig wird ihre Anwesenheit überprüft, dauernd ihre Leistung kontrolliert. Eine flexible Studiengestaltung ist im Angesicht permanenter Prüfungs- und Abgabetermine nicht möglich. Dies war früher längst nicht so. Und: Es müsste auch gar nicht sein - viele Instrumente wurden im Zuge der Umstellung gleichsam eingeführt.

Zur Person

Klemens Himpele ist einer der Autoren der Studie "Der Bologna-Prozess zwischen Anspruch und Wirklichkeit." Die Expertise entstand im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung und beschreibt den Stand der Umsetzung der Studienreform in Deutschland.

Basis sind Umfragen und statistische Erhebungen aus Wirtschaft, Forschung und Politik. Am Donnerstag stellte Himpele die Studie auf einer Konferenz der Bildungsgewerkschaft GEW vor.

Bologna als Disziplinierungsinstrument für den klischeehaften Langschläferstudenten?

So sieht es aus. In den Bologna-Dokumenten steht nirgends, dass der Bachelor mit ständiger Kontrolle einhergehen muss. Dass es so ist, ist aber der Hauptgrund dafür, dass Studierende zu nichts anderem kommen, und zwar mit ernsten Folgen: Indizien weisen darauf hin, dass auch psychische Erkrankungen unter Studierenden wegen des Drucks zunehmen. Auch die steigenden Abbrecherquoten zeigen ja deutlich, dass viele Studiengänge nicht studierbar sind. Zwei Drittel der Studierenden müssen neben dem Studium arbeiten. Sitzt jemand nicht im Seminar, heißt das also meist nicht, dass er gerade ausschläft.

Die OECD, die am Dienstag ihre jährliche Bildungsstudie vorstellte, geht davon aus, dass Bologna in Deutschland die Abbrecherquote sinken lassen wird ...

Dafür gibt es bisher keine Hinweise. Alle uns vorliegenden Daten, allen voran die des Hannoveraner Hochschul-Informations-Systems, sagen das Gegenteil.

Bekommen jene, die den Bachelor absolvieren, denn einen Job?

Für eine Analyse des Arbeitsmarktes ist es zu früh. Fest steht aber: Die meisten Studierenden glauben nicht, dass sie mit dem Bachelor eine Perspektive haben. Zwei Drittel der Studienanfänger, die sich gegen einen Bachelor entscheiden, begründen dies mit Skepsis in Bezug auf die Arbeitsmarktchancen. Noch vor ein paar Jahren wurden die Chancen deutlich besser eingeschätzt. Regelrecht überrascht hat uns, wie schlecht Arbeitgeber in Deutschland immer noch auf die Abschlüsse vorbereitet sind. Nur in großen Unternehmen mit vielen Akademikern ist der Bachelor überhaupt ein bekannter Abschluss. Kleine bis mittlere Unternehmer haben sich meist keinerlei konzeptionelle Gedanken gemacht, wo und wie Bachelor beschäftigt werden sollen. Eine Führungsposition ohne Master zu bekommen ist eher schwierig.

Das muss man ja auch nicht. Im Sinne von Bologna wäre: Ein Bachelor sammelt Praxis in einem Unternehmen, sattelt den Master oben drauf - und kehrt in eine gehobene Position zurück.

Darauf sind die Universitäten nicht vorbereitet. In Bezug auf das Bologna-Ziel "Lebenslanges Lernen" hat sich kaum etwas getan. Sowohl die Zahl der Weiterbildungs- wie der Teilzeitstudiengänge ist nach wie vor verschwindend gering. Mit klassischen Vollzeit-Masterstudiengängen wird man dem flexiblen Lernen und den Anforderungen der Berufsqualifizierten aber nicht gerecht.

Bundesministerin Annette Schavan und der Präsident der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch, (beide CDU) haben baldige Gespräche mit Studierenden über die Bologna-Praxis angekündigt - wie im Juni vereinbart. Worüber sollten sie vor allem sprechen?

Zu diskutieren gibt es einiges. Viele Ziele des Bologna-Prozesses sind ja nicht falsch - aber die Umsetzung in Deutschland ist in vielerlei Hinsicht missglückt. Die zentrale Frage ist, ob es in Zukunft gelingt, Bildung nicht zu verhindern, sondern zu ermöglichen.

(Interview: Jeannette Goddar)

Datum:  11 | 9 | 2009
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