Bundesweiter Bildungsstreik. Klingt gut. Hat was von Rebellion. Schüler und Studenten tun sich erstmals zum gemeinsamen Protest gegen ihre Lernbedingungen zusammen. Da ist er, der Aufstand. Endlich lehnt sie sich auf, diese junge Generation. Stampft mit dem Fuß auf und brüllt: Jetzt reicht's.
Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass sich Schüler und Studenten zusammentun. Die ersten waren die 68er, die ja bei vielem, was mit Protest zu tun hat, ihre Finger im Spiel haben. So auch beim aktuellen Bildungsstreik. Die ersten Meldungen über die Aktion in dieser Juni-Woche waren nämlich schon Anfang des Jahres eingetroffen, gesendet von unterstützenden Berliner Professoren im besten 68er Alter. Ohnehin stehen allein in Berlin zwei Uni-Präsidenten hinter dem Aufstand der Jungen. Die Lehrergewerkschaft GEW ruft ihre Mitglieder auf, am Mittwoch auf die Straße zu gehen, Eltern marschieren mit.
Aufstand der Jungen? Tja.
Wer ruft denn eigentlich zum Streik? Neben Eltern, Lehrern, Professoren sind es laut Veranstalter "dezentrale Bündnisse" der "von der Bildungsmisere Betroffenen". Schon wettern die ersten dagegen. Der Allgemeine Studierendenausschuss der Uni Bonn etwa will nichts mit dem Streik zu tun haben, der "keine zielführende Form der Auseinandersetzung" sei. Die Haltung ist bei einem Asta-Vorsitzenden aus der konservativen Hochschulgruppe RCDS auch nicht weiter verwunderlich.
Vor allem links oder gesellschaftskritisch eingestellte Schüler- und Studentenvertretungen sind es also offenbar, die zum Streik und Widerstand aufrufen gegen ja, gegen was eigentlich? Oder wäre es klüger zu fragen: Gegen was nicht? Die Schüler sind gegen das mehrgliedrige Schulsystem, gegen das um ein Jahr verkürzte Gymnasium G8, gegen Lehrermangel und Zentralabitur; die Studierenden meckern über den Bologna-Prozess, die Studiengebühren, die Verflachung der Studieninhalte. Zusammen fordern sie mehr Geld und "Bildung für alle".
Aufstand der Jungen?
Es werden sich selbst bei intensiver Suche in den politischen Zirkeln der Republik nur wenige finden, die diese Kritik rundweg zurückweisen würden. Klar, Zentralabitur und Bolognareform werden, wo eingeführt, nicht rückgängig gemacht werden. Aber dass die Einführung der neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse in vielen Universitäten noch nicht rund läuft, bestreitet kaum einer.
Zu Recht klagen Professoren und Studierende über das Schmalspurstudium Bachelor, das in den wenigsten Fachrichtungen nach nur sechs Semestern tatsächlich so etwas wie eine akademische Ausbildung bietet. Von der Verschulung, dem dicht gedrängten Stundenplan, dem Lernen für die Prüfung statt der Arbeit an der Verfeinerung des Geistes nicht zu schweigen.
Dass auch das in vielen Ländern überhastet eingeführte G8-Gymnasium oft noch nicht funktioniert, sagen alle. Lehrermangel? Keine Frage. Bildung für alle? Brauchen wir, natürlich. Mehr Geld für Schulen und Hochschulen? Und was ist mit den Milliarden, die gerade via Hochschulpakt und Konjunkturpaket ins Bildungssystem gepumpt werden?
Es ist ja nicht so, dass nach drei mächtigen Pisa-Watschen und dem einsetzenden Fachkräftemangel und der angesichts der Wirtschaftskrise erst recht dräuenden Forschungswüste Deutschland das Problem nicht erkannt sei. Dass etwas geschehen muss, wissen sie in allen Parteien, nur einig sind sie sich wie üblich nicht. Die bildungspolitisch desaströse Föderalismusreform macht das Ganze nicht einfacher.
Wenn wirklich, wie angekündigt, Zehntausende Schüler und Studierende am Mittwoch auf die Straße gehen, rennen sie offene Türen ein. Doch die werden dann bis zur Bundestagswahl schnell wieder geschlossen. Ende der Diskussion.
Und vielleicht provozieren die erwartbaren vagen Reaktionen der Politiker, die wie üblich einen Schritt vor- und zwei Schritte zurückgehen, dann ja doch noch einen Aufstand, dann, wenn die Generation Krise merkt, dass sogar ihre pragmatischen, parteiübergreifend konsensualen Forderungen ins Leere laufen, bloß weil die Politik handlungsunfähig geworden ist. Vielleicht steht diese junge Generation, deren größter gemeinsamer Nenner die Angst vor der Zukunft jenseits des elterlichen Wohlstands ist, dann wirklich auf und sagt: Jetzt reicht's. Aber dann müssen ein paar mehr auf die Straße als die angekündigten 150.000.
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