November 2009. Streikzeit in Deutschland. Zu Tausenden demonstrieren Schüler und Studenten für eine bessere Bildung und besetzen einen Hörsaal nach dem anderen. Mitte Dezember ist dann die Kultusministerkonferenz (KMK) dran, die sich zur Abwechslung mal nicht nur selbst blockieren soll. Wird es für sie, für Bildungspolitiker und Uni-Leitungen also gerade ungemütlich? Denkste.
Man reibt sich verwundert die Augen. Da haut die junge Generation den Verantwortlichen gerade deren Fehler um die Ohren, beim neu eingeführten Bachelor-Studium etwa. Das hat kurzfristiges Büffeln, auch als "Bulimielernen" bekannt, und vollgestopfte Stundenpläne mit sich gebracht. Und was machen die Angeklagten? Sie nicken verständnisvoll.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, gestehen einmütig "handwerkliche Fehler" bei der Studienreform. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, findet´s dufte, dass die Studierenden sich zu Wort melden. Und Länderminister wie der Berliner Jürgen Zöllner (SPD) und der KMK-Vorsitzende Henry Tesch (CDU) klopfen den Streikenden auf die Schultern: Ihr habt ja so recht! Die neuen Studiengänge müssten endlich studierbar (Tesch) und den Studenten durch Verzicht auf Studiengebühren und ein höheres Bafög der finanzielle Druck genommen werden (Zöllner).
So viel Harmonie bei einem Bildungsprotest, so viel vermeintliches Einfühlungsvermögen der Kritisierten war nie. Für die Demonstranten wird das zum Problem. Sie tun sich zunehmend schwer, ein klares Feindbild zu finden. Sie wissen, gegen was sie protestieren, aber nicht mehr genau, gegen wen. Während Fachpolitiker zum Aussöhnungsgespräch laden und Hochschulrektoren bei Besetzungen die Polizei (anders als vor Jahrzehnten) weitgehend außen vor lassen, richtet sich der Protest gegen ein Abstraktum: Bei den Schülern ist es G8, die Umstellung von 13 auf zwölf Schuljahre, bei den Studenten die Bologna-Reform.
Verantwortung für die desaströsen Entwicklungen der Reformen aber will niemand übernehmen. Stattdessen lässt sich seit dem ersten großen Bildungsstreik im Sommer ein peinliches Versteckspiel beobachten. Annette Schavan prahlt, der Bund zeige mehr als deutlich, dass ihm an der Bildung liege, wenn er in den kommenden vier Jahren zwölf Milliarden Euro zusätzlich ins System pumpe. Bei der Korrektur der neuen Studiengänge aber seien die Länder in der Pflicht. Dass der Bund laut Hochschulrahmengesetz immer noch bei Hochschulzugängen und -abschlüssen mitreden kann, verschweigt sie lieber. Die Länder wiederum spielen den Schwarzen Peter den Hochschulen zu. Nie, argumentieren sie, sei etwa die Rede davon gewesen, dass die Studenten mit dem Bachelor nach nur sechs Semestern fertig sein müssen. Stimmt. Tatsache aber ist auch: Bachelor und Master dürfen zusammen nur fünf Jahre dauern. Die Hochschulen müssen sich die finanziellen Mittel dafür gut einteilen und knapsen beim Bachelor, damit für den Master noch was übrig bleibt. Da diese Rechnung ohne Qualitätsverluste nicht aufgehen kann, müssen die Länder die Studienreform besser finanzieren und die Beschränkung auf fünf Jahre ad acta legen.
Und die Hochschulen? Sie wollten autonomer werden, jetzt sind sie es. Ärgerlich stimmt dabei, dass einige Fakultäten die neue Freiheit nutzen, um verstockt an der Konservierung alter Studieninhalte festzuhalten. Dabei liegt es in ihrer Verantwortung, Lernstoff zu überdenken und gegebenenfalls darauf zu verzichten, ohne gleich Schmalspurstudiengänge zu schaffen.
Einige haben das begriffen und überschütten ihre streikwilligen Studenten für deren Engagement mit Komplimenten. Dabei gehen die auch für sie auf die Straße. Oder an ihrer statt. Der Mut der Professoren geht über Kritik im geschützten Seminarraum nicht hinaus. Sie berufen sich darauf, dass ihnen ihr Beamtenstatus aktive Solidarität mit den Studierenden nicht gestattet. Man könnte sagen: Sie sind feige.
Dabei geht es auch anders. In Österreich, Italien und Frankreich wird ebenfalls für eine bessere Hochschulbildung gestreikt, besetzt, blockiert. Im streikerprobten Frankreich riefen die Professoren sogar selbst zum Protest; schon vor Monaten boykottierten sie den Lehrbetrieb - Hand in Hand mit ihren Studenten.
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