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Leitartikel: Spare, spare, Bildung baue

Die Koalition lockt mit mehreren, auch finanziell attraktiven Konzepten für bessere Schulen und Hochschulen. Doch sie haben alle nur die akademische Elite im Blick.

Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Die Koalition lockt die Länder mit einem Zuckerle. Wenn sie sich beim Thema Steuersenkung und Wachstumsförderung weniger kratzbürstig anstellen, will sich der Bund erkenntlich zeigen und mehr Geld für Hochschulen und Schulen lockermachen. Das Paket könnte beim Bildungsgipfel nächste Woche eingetütet werden. Es wäre ein Kuhhandel, um Koalitionsinteressen zu retten, nicht die Bildung.

Das neue Pokerspiel mit der Bildung ist nicht das erste Signal, mit dem Schwarz-Gelb auf Ruhigstellung setzt. Während Schüler und Studenten seit Wochen für mehr Bildungsgerechtigkeit demonstrieren, versuchte Ministerin Annette Schavan (CDU) den Protest mit Sparschweingeklimper zu übertönen und versprach staatliche Förderung für jeden zurückgelegten Euro. Ihr Ex-Job als Bildungsministerin von Baden-Württemberg, dem Bundesland mit der höchsten Dichte an Bausparverträgen, hat Spuren hinterlassen. Zur Lösung der Bildungsmisere wird aber auch ihr Spar-Konzept kein Quäntchen beitragen.

Was schon der Riester-Rente mit all ihren Unzulänglichkeiten nicht gelingt, wird ein neuer Bildungs-Bonus mit einem Startguthaben zur Geburt schon gar nicht schaffen: nämlich jene zur privaten Vorsorge zu animieren, die wenig bis nichts haben. Die hat Schavan wohl auch gar nicht im Blick, wenn sie vom Zukunftskonto für den Nachwuchs spricht. Aber wenn ihre Initiative ausschließlich auf die Sparkonten der Bildungselite zielt, dann ist ihr Vorstoß so sinnlos wie Bausparen für Obdachlose.

Die Belohnung trifft die Falschen

Wer für seine Kinder ein Studium plant, der muss zum Bildungssparen nicht angehalten werden. Er tut es sowieso - auch wenn es mit der ein oder anderen Entbehrung verbunden ist. Bei den Banken und Sparkassen ist das Produkt "Bildungssparen" seit langem etabliert. Mag sein, dass ein staatlicher Anreiz zusätzlich anspornt. Allein: Die Belohnung trifft die Falschen.

Wer darüber grübelt, woher das Geld für die Winterstiefel kommen soll, für den ist die Universität so weit weg wie der Mond. Unabhängig davon, ob Sohn oder Tochter das Potenzial zum Studium hätten oder nicht. In der Lebensplanung dieser Familien wird der Werdegang oder das Scheitern der Eltern zum Maßstab für die nächste Generation. Das ist die Crux. Doch genau hier liegt die größte und wichtigste Baustelle für die Bildungspolitik. Hier muss sie ansetzen, will sie langfristig erfolgreich sein und sich nicht mit Bafög-Erhöhung und Bologna-Nachbesserungen begnügen. Sie muss politische Mündigkeit und Partizipation als Breitenbewegung fördern, nicht als akademische Gruppenveranstaltung.

Das von der Koalition als harmonischer "Dreiklang" gepriesene Paket aus Bildungssparen, Bafögerhöhung und Studienstipendien greift viel zu kurz. Etliche Familien können nicht sparen, weil sie nichts haben. Ihnen hilft auch nicht die Aussicht auf Bafög, weil ihre Kinder nie eine Uni von innen sehen werden. Und von Stipendien, so belegen Studien, profitieren vor allem Kinder aus gebildeten Schichten. Den Familien am unteren Rand der Gesellschaft nützt vermutlich nicht einmal ein Bildungsscheck, wie ihn Schavan für Hausaufgabenhilfe oder Musikunterricht verteilen möchte. Wenn ihre Söhne und Töchter das Schulalter erreicht haben, stehen viele von ihnen bereits auf der Verliererseite.

"Bildungsaufstieg darf an finanziellen Hürden nicht scheitern." So steht es im Koalitionsvertrag von CDU und FDP. Leider konzentriert sich Schwarz-Gelb auf die Stolpersteine am Ende des Wegs. Wer aber eine Bildungsrepublik will, der muss am Anfang investieren. Anders als beim Bildungssparen wäre die Breitenwirkung enorm, denn weit über 90 Prozent aller Kinder, also auch jene der bildungsfernen Schichten, besuchen einen Kindergarten. Wer hier klug investiert, schafft Zukunft.

Selbst wenn der Bund-Länder-Kuhhandel gelingt und die Bildungsausgaben tatsächlich bis 2013 um zwölf Milliarden Euro steigen, ist fraglich, ob damit nennenswerte Effekte erzielt werden. Ein Teil wird im System versickern, weil dahinter kein Sanierungskonzept steht. Die Debatte ums Betreuungsgeld zeigt, dass der Regierung die Ruhigstellung ihrer Klientel wichtiger ist, als mit strukturellen Maßnahmen langfristige Veränderungen anzustoßen: mehr und bessere Betreuungseinrichtungen etwa, die berufstätigen Eltern ebenso helfen würden wie jenen Kindern, die in ihren Familien nicht auf Förderung hoffen können.

Wenn dieser Grundstein gelegt ist, kann Bildungsministerin Schavan gern wieder übers Sparen nachdenken.

Autor:  Katja Irle
Datum:  8 | 12 | 2009
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