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Stimmen gegen Bologna: "Bachelor und Master müssen weg"

Pädagogik-Dozent Matthias Burchardt erlebt einen Polizeieinsatz gegen Studenten. Er ist empört und sammelt nun Unterschriften. Von Karl-Heinz Heinemann Spezial: Bologna-Reform

Ein Protestschild gegen die Bologna-Reform.
Ein Protestschild gegen die Bologna-Reform.
Foto: dpa

Die Mannschaftswagen rollten im Morgengrauen an. Am 20. November räumten sie die Aula der Uni Köln, die Studenten seit drei Tagen besetzt hatten. Die diskutierten dort nicht nur über die Abschaffung von Studiengebühren und die Pleite mit dem neuen elektronischen System, das helfen sollte, Seminarplätze zu verteilen, Studierende und Dozenten aber nur in die Verzweiflung trieb. Sie redeten sich auch die Köpfe heiß über ein Studium ohne Verwertungsdruck.

Mit dabei war auch der Pädagogik-Dozent Matthias Burchardt. "Die Studenten wollten den Dialog, die diskursive Aktion" - und dann der Polizeieinsatz. Burchardt war empört, und so brachte er seinen ohnehin jahrelangen Frust über eine konfektionierte Lehre und die Entmündigung von Wissenschaftlern im Namen des nordrhein-westfälischen Hochschulfreiheitsgesetzes, wie er sie empfand, in einer "Kölner Erklärung" zu Papier.

Herausgekommen ist eine Solidaritätserklärung von Dozenten mit den streikenden Studierenden. Mittlerweile hat sie etwa 1300 Unterstützer gefunden. Studenten sind darunter, aber auch Wissenschaftler von Nairobi bis zum Kernforschungszentrum in Jülich, von Fachhochschulen wie Exzellenzunis. Dabei fristete der Appell ein recht verborgenes Dasein auf der Website der Kölner Bildungsstreiker.

Unterschriften von überall

Laut Burchardt überfordern Bachelor und Master durch ständige Prüfungen und Anwesenheitskontrollen und unterfordern, weil an den Hochschulen nicht mehr eine tiefere Reflexion von Wissen gefragt ist. Neu sind diese Kritikpunkte dabei nicht mehr.

Doch die zentrale Aussage der Erklärung ist deutlich radikaler als andere: Der Bologna-Prozess ist nicht zu retten. Sein Kernstück, die Bachelor- und Master-Studiengänge, müssten nicht optimiert, sondern ganz abgeschafft werden, fordert Burchardt. Bildung, findet er, lässt sich nicht modularisieren. Man könne vielmehr zu den alten Studiengängen mit Diplom und Magister zurückkehren, um sich an eine sachorientierte Umgestaltung der Studiengänge zu machen - diesmal mit Lehrenden und Studierenden.

Der Bologna-Prozess habe dem Anspruch einer universalen Bildung ebenso den Garaus gemacht wie der zweckfreien Grundlagenforschung. Die stehe dabei nicht im Gegensatz zu Verwertung und Anwendung. Vielmehr sei sie deren Voraussetzung. Mit den Akkreditierungsagenturen und Hochschulräten hätten Externe die Entscheidungsgewalt über das Studium übernommen.

Die Situation der Lehrenden habe sich dabei nicht nur wegen der höheren Lehrbelastung verschlechtert. Viele würden nur noch befristet eingestellt und seien häufig schon verschwunden, wenn die Studierenden zu gemeinsam erarbeiteten Themen geprüft werden.

Will Burchardt zurück in den Elfenbeinturm, zu einem zweckfreien und anwendungsfernen Studium für eine kleine Elite? Unsinn, meint er. Das Gegenteil sei richtig: Die gesellschaftliche Relevanz von Themen lasse sich einfach nicht vorausplanen, so Burchardt. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, wie wichtig uns heute die Islamwissenschaften sind? Die Uni müsse daher Raum bieten für "Zweckfreiheit".

Und die Studenten? "Die aktuellen gesellschaftlichen Probleme wie Klimakatastrophe und Armut", so Burchardt, "können nur gelöst werden, wenn wir Generalisten haben, die an jeder potenziellen Arbeitsstelle mit einem breiten Horizont Verantwortung übernehmen. Wenn wir das Studium auf Schmalspur zuschneiden, werden die jungen Leute am Arbeitsmarkt vorbei ausgebildet."

Auf einer Studentenvollversammlung an der Kölner Uni am 7. Dezember löste Burchardt mit seinen Thesen Begeisterung aus. Endlich gebe es jemanden, der verstehe, dass es ihnen, den Studenten, nicht nur um Leistungspunkte und Bafög gehe, sondern um ein anderes Studium, das Freiräume zulasse.

Burchardt ist überrascht über das breite Echo. Und enttäuscht, weil auf der politischen Bühne niemand offen zugebe: Bologna war ein Irrweg. "Wenn wir nun nicht umkehren, schlittern wir in eine Katastrophe."

Also: Alles auf Anfang? Schon, sagt Burchardt. Aber nicht zurück in die 60er oder 90er Jahre, sondern nur ein vernünftiger Neubeginn - unter Beteiligung der Hochschulangehörigen. Wohin die Reise genau gehen soll, kann Burchardt noch nicht sagen. Erstmal müsse die Ideologie vom unvermeidlichen Sachzwang Bologna hinterfragt werden.

Im Januar wird es einen bundesweiten Kongress geben. Unter prominenter Beteiligung, so viel könne er schon versprechen. Und dann werde es eine neue Erklärung geben - auf breiterer Basis, sagt Burchardt.

Autor:  Karl-Heinz Heinemann
Datum:  19 | 12 | 2009
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