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Streitgespräch: "Armutszeugnis für ein reiches Land"

Eliteforscher Michael Hartmann und FDP-Vize Andreas Pinkwart streiten im FR-Gespräch über Aufstiegschancen und den Wert von Bildungsgipfeln.

Gute Bildung darf nicht nur vom Geld abhängig sein.
Gute Bildung darf nicht nur vom Geld abhängig sein.
Foto: dpa

Herr Pinkwart, Herr Hartmann, ihre politischen Vorstellungen könnten konträrer kaum sein. Beim Start in die Bildungskarriere hatten Sie jedoch viel gemeinsam: Sie haben beide Abitur an konservativen, katholischen Gymnasien gemacht. War das die Grundlage für Ihren Aufstieg?

Pinkwart: Ich kann mich als Protestant nur glücklich schätzen, an einer von Salesianern gegründeten Schule mein Abitur gemacht zu haben. Wir sind als geburtenstarker Jahrgang mit 50 Schülern in der 5. Klasse gestartet, und uns wurde wenig geschenkt. Trotzdem war es eine sehr schöne Zeit.

Zur Person

Andreas Pinkwart ist seit 2005 Minister für Innovation, Wissenschaft und Forschung in Nordrhein-Westfalen. Außerdem ist er stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP. Zum Bildungsgipfel schlägt Pinkwart unter anderem vor, bundesweit 5000 neue Stellen für Juniorprofessoren und wissenschaftliche Mitarbeiter zu schaffen.

Michael Hartmann ist Soziologe und Eliteforscher. Er lehrt an der Technischen Universität Darmstadt. In seinem Buch "Der Mythos von den Leistungseliten" hat er den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Zugangschancen untersucht. Sein Fazit: Die Eliten reproduzieren sich immer wieder aus dem selben Milieu.

Hartmann: Wir starteten mit 90 Schülern in der Sexta. Dafür mussten wir eine Aufnahmeprüfung machen. Nicht mal 20 von uns haben es ohne Ehrenrunde bis zum Abi geschafft. Das hat mit der Struktur des Gymnasiums zu tun, wo eine massive soziale Selektion stattfand - obwohl es ein Begabtenseminar der katholischen Kirche gab, das Kinder aus allen Schichten aufnahm. Die meisten von denen blieben später auf der Strecke. Die wenigen Arbeiterkinder, die es auf der Schule gab, gingen mit dem "Einjährigen", also nach der zehnten Klasse ab.

Pinkwart: Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Ich selbst komme ja auch nicht aus einem Akademikerhaushalt und viele meiner Klassenkameraden auch nicht. Wir haben es trotzdem geschafft.

Heißt das, man muss in Deutschland nur klug und fleißig sein, um nach oben zu kommen?

Pinkwart: Wir brauchen für alle Begabungen beste Bedingungen, damit sie sich überhaupt entfalten können. Das sind wir nicht nur dem Einzelnen schuldig, sondern unserem Land insgesamt. Es muss endlich Schluss sein mit dieser Mittelmaßorientierung. Die haben wir uns viel zu lange geleistet. Wir sind ja schon zufrieden, wenn wir bei der Pisa-Studie vom mittleren zum gehobenen Mittelfeld aufsteigen. Wir müssen endlich wieder das Land mit den besten Schulen und Hochschulen werden.

Hartmann: Was heißt wieder? In der Zeit, von der Sie gerade sprechen, waren die wirklich guten Schulen und die Hochschulen weitgehend reserviert für einen ganz kleinen Teil der Bevölkerung.

Das ist heute anders. Seit den 50er Jahren und der folgenden Bildungsexpansion hat sich die Zahl der Studenten immerhin verzehnfacht. Ist das nichts?

Hartmann: Das ist prinzipiell eine gute Entwicklung. Aber es stimmt einfach nicht, dass es die Besten allein mit ihrer Leistung schaffen, nach oben zu kommen. Um eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen, muss das Kind eines ungelernten Arbeiters sehr viel bessere Leistungen erbringen als das Kind eines Akademikers. An dieser Stelle werden Entscheidungen getroffen, die mit der individuellen Begabung des Kindes nur zum Teil zu tun haben. Das dreigliedrige Schulsystem verhindert Bildungsgerechtigkeit.

Pinkwart: Die Aufhebung des dreigliedrigen Systems wäre genau der falsche Weg. Dann leidet die Qualität. Wir müssen nicht das Schulsystem verändern, sondern seine Durchlässigkeit verbessern. Ich stimme Ihnen allerdings zu, Herr Hartmann, dass wir die Übergänge von einer Bildungsinstitution in die andere deutlich verbessern müssen. In Nordrhein-Westfalen wollen wir deshalb neben den Gymnasien mit einer regionalen Mittelschule versuchen, passgenaue Angebote für die Schüler zu schaffen.

Das alles kostet Geld. Die FDP kämpft in der Koalition gerade für Steuersenkungen. Gleichzeitig sollen die Bildungsausgaben von Bund und Ländern auf zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) steigen. Wie soll das gehen?

Pinkwart: Wir müssen klare Prioritäten in unseren Haushalten setzen. Der Bund sollte hier eine Vorreiterrolle spielen. Deshalb gibt es den Beschluss, dass zwölf Milliarden Euro für die Bildung zusätzlich fließen bis 2013. Damit wollen wir den Ländern aber auch privaten Investoren mehr Anreize geben. Die Herausforderung beim Bildungsgipfel wird sein, dass der Bund den Ländern gute Angebote macht, damit auch sie ihre Bildungsanstrengungen erhöhen.

Hartmann: Ich kann bislang kein Konzept der Regierung erkennen, wie sie das finanzieren will. Beim Hotelgewerbe hat die Koalition den Steuersatz gesenkt. In der Bildung kenne ich keinen einzigen derart konkreten Beschluss, sondern lediglich Absichtserklärungen. Jeder weiß um die Belastungen von Bund und Ländern durch die Finanzkrise. Manche Bundesländer haben ja deshalb schon mit sehr kreativer Buchführung angefangen. Sie meinen, dass sie die zehn Prozent des BIP bereits erreicht haben, weil sie beispielsweise die Pensionszahlungen der Lehrer mit einrechnen. Das macht mich mehr als skeptisch für einen Erfolg des Bildungsgipfels.

Wenn Sie Bildungsminister wären, Herr Hartmann, würden Sie vermutlich den Spitzensteuersatz anheben...

Hartmann: Ja, und zwar massiv! Das würde vor allem die Leute treffen, die selbst kostenfrei studiert haben und davon dauerhaft profitieren. Einen Teil davon könnten sie ruhig in Form von Steuern an die nächste Generation zurückgeben. Ansonsten reproduzieren sich die Eliten immer wieder aus dem selben Milieu.

Pinkwart: Nur zur Erinnerung: Es waren CDU und FDP, die die Absichtserklärungen der schwarz-roten Vorgängerregierung wasserdicht gemacht haben, die drei Pakte für die Hochschulen zu finanzieren. Damit sind zusätzliche Studienplätze sowie Verbesserung bei der universitären und außeruniversitären Forschung finanziert mit insgesamt 18 Milliarden Euro. Das ist kein Pappenstiel!

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Datum:  15 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
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