Dutschke war gestern. Heute gibt es den großen Schwarm. Wie damals am großen Studentenführer wird man am heutigen Dienstag genauso wenig am großen Bildungsstreik vorbeigucken können. Schließlich gehen wieder Tausende Schüler und Studenten auf die Straße - gegen Studiengebühren, G8 und eine teils missglückte Studienreform sowie für mehr Mitsprache an Schulen und Universitäten. "Die" führenden Köpfe des Bildungsstreiks wird man dabei vergeblich suchen. Bleibt die Frage: Wer organisiert eigentlich den "heißen Herbst?"
Seit sich Oskar Stolz für bessere Bildung engagiert, ist er viel unterwegs: Vor ein paar Tagen war er noch in Wien, um sich mit den österreichischen Kommilitonen zu solidarisieren. Sie hatten als erste angefangen, Hörsäle zu besetzen, aus Frust über die katastrophalen Zustände an ihren Unis. "Unsere Forderungen sind brutal ähnlich", sagt Oskar. Die Schwächen der neuen Studiengänge Bachelor und Master nerven auch die Studenten hinter der Grenze. "Die leiden seit Bologna genauso unter dem Bulimielernen und den Knockout-Prüfungen wie wir", sagt der 22-Jährige. Das verbindet. Um sich von den Österreichern selbst etwas Schützenhilfe bei Audimax-Blockade und Bildungsstreik zu holen, hat der Student der Geoökologie ein paar Mädels mit nach Berlin gebracht.
Durchschnittlich kommen auf einen Professor laut Statistischem Bundesamt 63 Studenten. In Massenfächern wie Betriebswirtschaft oder Jura ist aber oft ein Professor für hundert bis zweihundert Studenten zuständig, vor allem die Erstsemester-Veranstaltungen sind überfüllt. In Vorlesungen sitzen zum Teil einige hundert angehende Akademiker vor einem Dozenten.
Verglichen mit anderen Ländern fristet die Lehre immer noch ein Schattendasein, obwohl sie das Kerngeschäft sein sollte. Lehre wird kleingeschrieben, Forschung groß - für sie fließen Drittmittel.
Wer als Dozent einen guten "Unterricht" macht, taucht vielleicht in der Top-Ten von www.meinprof.de auf, für die Karriere bringt das bislang wenig. Neuere Initiativen, auch die Bologna-Reform, versuchen das zu ändern. Die Lehre soll wieder in den Mittelpunkt rücken. ki
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Oskar ist seit Anfang an beim Bildungsstreik dabei. Weil er sich für linke Politik interessierte, schloss er sich beim G8-Gipfel in Heiligendamm dem Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband (SDS) an. Dass er heute für ein gerechteres Bildungssystem protestiert, hat auch mit seiner eigenen Biografie zu tun: Er selbst gehörte zu jenen, denen es der Freistaat Bayern mit seinem dreigliedrigen Schulsystem schwer machte: Weil Oskar in Deutsch Probleme hatte, ging es für ihn zunächst auf die Hauptschule und erst über einige Hürden Richtung Abitur.
Heute gehört der Student zum Koordinationsteam des Bildungsstreiks. Das erzählt der bundesweiten Presse etwa, worum es beim Streik überhaupt geht oder sammelt Geld für Flyer und anderes Demomaterial. Es geht auch darum, sich mit anderen Organisationen wie Attac, Deutschem Gewerkschaftsbund und Verdi für die Bildungssache zu vernetzen und allen, die den Streik unterstützen wollen, via Internet einen Überblick zu verschaffen, welche Aktionen gerade lokal laufen.
Den festen Kern des Teams bilden etwa 20 Leute. Man könnte sie als Zentrale des Streiks bezeichnen. Für sie selbst aber ist ein solcher Titel tabu: Die Studentenbewegung, sagen Leute wie Oskar, lebt von ihrer Arbeit in den lokalen Bündnissen. Dass einige wenige für die ganze Masse sprechen sollen, kommt für die meisten Schüler und Studenten überhaupt nicht in die Tüte.
Groß ist bei vielen offenbar die Sorge, eine der vielen Gruppen, die hier zusammenarbeiten, reiße sich den Bildungsstreik als Einzelleistung unter den Nagel. In einem internen Papier ziehen einige Mitglieder des "KoKreises" eine selbstkritische Bilanz zum ersten Bildungsstreik im Sommer. Darin kommen sie zu dem Schluss, dass der Streik nach den ersten Bundestreffen "an einer Unkultur des politischen Misstrauens bis hin zu selbstzerstörerischen Tendenzen" gelitten habe. Viele, die sich monatelang engagierten, hätten letztlich entnervt das Handtuch geworfen. Hinzukommen jene, die ihre Freizeit nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag dem Streik opfern wollen.
Entsprechend ausgedünnt kommt das Koordinationsteam daher, das jetzt zum "heißen Herbst" aufruft. Ungeklärt bleibt dabei etwa, wie die Streiker ihr nachweisliches Finanzierungsproblem auf Bundesebene in den Griff bekommen wollen. Solche Fragen hat sich auch Michael Kolain gestellt. Der Grund dafür, warum er sein Amt im Epizentrum der Streikorganisation aber vorerst ruhen lässt, sind sie nach seiner Aussage nicht. Trotz aller Probleme, die sich seit dem Sommer zeigten, kommt er zu dem Schluss: "Unsere Generation ist nicht unpolitisch; sie wird unpolitisch gemacht."
Für ihn selbst lief bislang alles glatt: Abi, kein Thema. Gerade macht er an der Uni Heidelberg sein erstes Staatsexamen in Jura. Dennoch sieht Kolain Bildung ganz klar als gesellschaftliches "Querschnittsthema". "Es kann nicht sein, dass so viele hier nicht die Möglichkeit haben, zur Uni zu gehen." Nicht zuletzt, weil sie es sich nicht leisten könnten. Den 23-Jährigen regt das auf.
Nicht jeder weiß dabei, dass es beim Bildungsstreik nicht allein um die Hochschulen geht. Das wiederum ärgert Ana Müther. Dabei fallen auch der 17-jährigen Schülerin aus Münster eine Menge Gründe ein, für eine bessere Schulbildung zu protestieren. Dass ihre kleine Schwester bangen muss, ob es fürs Gymnasium reicht, findet sie fies. Mindestens so wie Kopfnoten: Sie selbst hat dabei eine Eins in "Sozialverhalten". Warum, versteht sie selbst nicht ganz. Es hat wohl mit ihrem Einsatz für den Streik zu tun.
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