Fasching hat das Nachrichtenmagazin Der Spiegel ganz blöde erwischt: Wegen Rosenmontag erschien das Magazin bereits am Samstag. So kam es, dass die Druckmaschinen längst liefen, als Christian Wulff am Freitagvormittag von seinem Amt als Bundespräsident zurückgetreten ist.
Zwar hatten die Redakteure damit gerechnet. Solange der Rücktritt aber nicht vollzogen war, schrieben sie weiterhin vom „Bundespräsidenten Wulff“, der nun „im Amt nicht mehr zu ertragen“ sei. So stehen nun in der Titelgeschichte Sätze wie „Wulff weiß jetzt, dass er die Vorwürfe nicht mehr als Petitessen abtun kann. Welche Konsequenzen wird er ziehen?“.
Das Cover, immerhin, ist so zweideutig, dass es noch immer funktioniert: „Der unvermeidliche Rücktritt“ steht darauf. Es zeigt Wulff auf einem Archivbild, wie er eine Treppe herabsteigt. Insofern hat der Spiegel die Kurve gerade noch gekriegt, wenn auch „quietschend“, wie Redaktionssprecher Hans-Ulrich Stoldt einräumt.
Gibt es eine Medienallianz gegen Wulff?
Zeitweilig sei überlegt worden, die Maschinen zu stoppen und das Erscheinen auf den heutigen Montag zu verlegen, sagt Stoldt. Aber zum einen wäre die Kioskbelieferung südlich der Elbe faschingsbedingt problematisch geworden. Außerdem interessiert am heutigen Montag ohnehin weniger der Rücktritt als die Frage, wer Wulff folgen könnte. „Wir haben getan, was wir konnten“, resümiert Stoldt. Das war mehr, als der Konkurrent Focus versucht hat. Das Burda-Magazin hat das Thema sicherheitshalber ganz ausgeklammert. „Die 25 härtesten Scheidungstricks“, titelt das Blatt.
Bereits in den Sonnabendausgaben der Tageszeitungen ging es um die Frage, wer der nächste Bundespräsident werden könnte. Dazu passte Marcus Jauers Vergleich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit der Nachfolgersuche bei „Wetten, dass ..?“. Tatsächlich hagelte es noch am selben Tag auch hier die ersten Absagen.
Der Spiegel hatte sich damals in einem der unter Chefredakteur Georg Mascolo häufiger gewordenen klaren Bekenntnisse für Joachim Gauck („Der bessere Präsident“) und immer wieder gegen Wulff („Der falsche Präsident“) ausgesprochen. Maßgeblich war der Spiegel in der Causa Wulff dennoch nicht, und das lag daran, dass das Hamburger Magazin zwar erfolgreich die Einsicht in den Grundbuchauszug von Wulffs Haus in Großburgwedel eingeklagt hatte.
Die Ernte dieser Recherche, wer der wahre Finanzier war, fuhr jedoch die Bild-Zeitung ein, die damit wiederum der ebenfalls in dieser Sache recherchierenden Illustrierten Stern zuvorkam. In der Folge schienen in der Sache alle anderen Medien hinterherzuhecheln, und alle liefen sie dabei in dieselbe Richtung, ob aus dem eher linken oder dem eher konservativen Lager kommend, ob mit eher regionaler oder überregionaler Verbreitung.
So festigte sich bei vielen der Eindruck, es gebe eine breite Medienallianz. Gar von Gleichschaltung der Presse war die Rede, was Berthold Kohler in der FAZ mahnen ließ: Bemerkenswerterweise kannten oft jene, die der Presse den Verlust aller Maßstäbe vorwarfen, selbst kein Maß mehr bei ihrer Kritik, bis hin zu Nazi-Vergleichen.
Wulff wurde nicht weggeschrieben
Ein wenig erinnerten die Kritiker an jenen Geisterfahrer, der sich auf der Autobahn wundert, dass ihm so viele „Geisterfahrer“ entgegenkommen. Denen, die konsequent von einer Medienhatz sprachen, kam wohl nicht der Gedanke, dass so viele Medien möglicherweise aus gutem Grund in derselben Richtung unterwegs waren.
Allein die Quoten der zahlreichen Talksendungen zu diesem Thema belegen: Das Interesse des Publikums war groß, auch wenn der Verdruss über die ständig neuen Details stieg. Normalerweise, sagt Hans Leyendecker, Rechercheur der Süddeutschen Zeitung, heißt es nach dem vierten, fünften Artikel: Nun ist aber gut. In diesem Fall jedoch kamen immer neue Ungereimtheiten hoch, sodass in Zeitungen wie in Talkshows das Publikum sogar um Entschuldigung gebeten wurde, dass das Thema schon wieder Wulff sei. Das Interesse des Publikums blieb hoch.
Umso lauter wurde die Kritik, dass die Vorwürfe gegen Wulff nicht von einer Größenordnung seien, die einen Rücktritt erzwinge. Doch nicht über die Medien, sondern über die Staatsanwaltschaft sei Wulff gestolpert, sagte der ehemalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) bei Günther Jauch, der noch am Tag des Rücktritts, am Freitag, im Ersten mit einer Sondersendung aufwartete.
Insofern mag mancher Journalist, manches Medium auch einmal über die Stränge geschlagen haben. Rückblickend, sagt Leyendecker, zählten solche Fehler nicht mehr. Auf das Ergebnis, den Rücktritt, komme es an, und der sei richtig gewesen, auch wenn er auf merkwürdigen Wegen zustande gekommen sei.
Man wird ja noch fragen dürfen
Womöglich aber liegt bei jenen, die weiterhin behaupten, die Medien hätten Wulff aus dem Amt gejagt, ihn „weggeschrieben“, ein grundlegendes Missverständnis vor, was Journalismus ist, und wie er funktioniert.
So beschwerte sich in eben jener Jauch-Sendung der Drogeriemarkt-Unternehmer und Wulff-Freund Dirk Rossmann, ein Redakteur habe ihn am Telefon mit einem unzutreffenden Vorwurf in Zusammenhang mit Bettina Wulffs Arbeitsverhältnis bei ihm konfrontiert. Zu Recht entgegnete Jauch: „Aber fragen wird man doch dürfen.“ – „Nein, das sehe ich anders“, antwortete Rossmann.
Betroffene mit Vorwürfen zu konfrontieren, ist ureigenstes journalistisches Handwerk. Zum Wesen des Journalismus gehört zudem Misstrauen, das nicht Halt macht vor dem Amt oder einem noch so sympathischen Amtsträger. Selbst Geheimnisbruch gehöre zum Wesen des Journalismus, sagte Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo in dieser Zeitung einmal, denn er befördert Missstände zutage, die andere gern verschwiegen hätten. Journalismus bedeutet jedoch nicht, jemanden durch Verzicht auf Recherche oder Veröffentlichung zu schonen.
Dennoch sagte Wulff in seiner Rücktrittsrede, die Berichterstattungen der vergangenen Wochen hätten ihn und seine Frau verletzt. Das erinnerte an Karl-Theodor zu Guttenberg, der am Ende ebenfalls die Medien beschuldigt hatte. In der Causa Wulff war es jedoch die Leistung der freien Presse als vierter Gewalt im Staat, die nun möglicherweise strafrechtlich relevanten Vorgänge zutage gefördert zu haben. Die Staatsanwaltschaft kann sie schließlich erst jetzt verfolgen, da Wulff nicht mehr durch seine Immunität geschützt ist.
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Fragen von Journalisten, die Antworten von Wulff - Dokumentation im durchsuchbaren pdf-Format.
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