Den Kopf leicht schief gelegt, mit mildem Lächeln um die Mundwinkel: In ihrem Videoblog präsentiert die Kanzlerin sich diese Woche schon im Auftreten ausgesprochen pastoral. Das passt zum Thema: Religion und christlicher Glaube. Eine Theologiestudentin darf ihr kreuzbrave Fragen stellen, Merkel nennt die Gestaltung der Welt aus dem Glauben einen „Rahmen für mein Leben, den ich sehr wichtig finde“.
Geht die CDU-Chefin ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl auf Stimmenfang im schwindenden kirchlichen Kernmilieu? Will sie nach allerhand Irritationen um Kritik am Papst und liberalen Positionen zur Stammzellforschung beweisen, dass Christen in Deutschland bei ihrer Glaubensschwester gut aufgehoben sind? Genau solche Verdächtigungen in Frageform sind Merkel von Grund auf zuwider. Gerade in Sachen der Religion möchte sie nicht als Taktiererin wahrgenommen werden. Deshalb pflegte sie ihren Glauben früher eher als Privatsache denn als öffentliche Angelegenheit zu deklarieren.
„Inzwischen hat sie erkannt, dass das Bekenntnis als Christin wichtig ist – als Signal in die säkulare Gesellschaft, aber auch an die Parteileute, die ihr gern vorwerfen, mit dem C nichts im Sinn zu haben“, sagt Merkel-Biograf Volker Resing. Er stellt die Kanzlerin als „protestantische Preußin“ dar, die durch das elterliche Pfarrhaus und den christliche Glauben intensiver geprägt worden sei als etwa durch ihr Physik-Studium und das naturwissenschaftliche Denken.
Trotzdem versteht sie sich aufs Rechnen und Berechnen. Ein Grußwort an die EKD-Synode, die derzeit in Timmendorfer Strand an der Ostsee tagt, oder der regierungsamtliche Jubel, dass die Reformierte Weltgemeinde ihren Sitz von Genf nach Hannover verlegt und die Stadt somit zu einem „internationalen Zentrum des Protestantismus“ werde – all das sind sehr bewusste Entscheidungen Merkels, mit denen sie ihre Sympathie für die Kirchen und deren Geschäft bekundet.
In den CDU-Führungsgremien hat sie schon mal Besinnungsaufsätze darüber schreiben lassen, was jedem Mitglied das „C“ im Parteinamen bedeute. Und sie selbst erweist sich im Zweifel bibelfester als die meisten Bundeskanzler vor ihr.
Sobald sie dabei persönlich werden soll, wirkt sie freilich immer noch, als müsste sie sich zu jedem Satz einzeln durchringen. „Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche. Ich glaube an Gott, und die Religion ist auch mein ständiger Begleiter – eigentlich in meinem ganzen Leben – gewesen.“ Eine höhere Dosis Emphase ist von der Politikerin Merkel kaum zu bekommen. Deshalb ist es wohl auch ein Stück Aufforderung an sich selbst, wenn sie sagt: „Wir sollten vor allen Dingen uns als Christen auch nicht scheuen, für unseren Glauben einzutreten.“
Bei solchen Appellen spielt es für Merkel auch eine Rolle, wie stark die islamische Gemeinschaft in Deutschland sich seit geraumer Zeit präsentiert. Denn für publicityträchtiges Auftreten hat Merkel als Frau der Öffentlichkeit ein untrügliches Gespür. Etwas mehr Bekenntnis, etwas mehr Diskurs, selbstbewusst und tolerant zugleich – das stünde den Christen gut an. Doch sei das nun eben nicht in erster Linie ihre Sache, findet sie.
Besser in Fahrt kommt Merkel daher, wenn es um Fragen der Struktur und Organisation geht. Da lobt sie vehement das sozial-karitative Engagement der Kirchen und mahnt diese zugleich, sich auf veränderte Rahmenbedingungen – weniger Mitglieder und sinkende Steuereinnahmen – einzustellen. Dafür müsse die Kirche „fit“ sein. Ein unfrommes Wort für Merkels fromme Prognose, dass die „Volkskirche eine Zukunft hat“.
Was führende Pastoraltheologen längst bestreiten, werden Kirchenoffizielle aus dem Mund der Kanzlerin lieber hören als die Warnung vor Hochmut. Weil kirchliches Brauchtum längst nicht mehr geläufig ist, muss die Verkündigung der Kirchen einfacher, elementarer, basisnäher werden, sagt die Kanzlerin. Als Erklärerin und Deuterin der Euro-Krise muss sie wissen, wovon sie redet.
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