Normalerweise liebt Claudia Roth ja Gewänder in knalligen Farben. Pink, Türkis, Orange: Je greller, desto besser. Diesmal aber trägt sie Schwarz – die Farbe der Trauer.
Da steht sie nun, die Grünen-Chefin, am Montagmorgen in der Parteizentrale in Berlin-Mitte. Die Stimme ist belegt, ihre Mundwinkel sind heruntergezogen. Sie hat nach eigenem Bekunden ein grauenhaftes Wochenende hinter sich.
Bis vorgestern galt die 57-Jährige als Mutter der Partei, als Idol der Basis. Doch die hat ihr die Liebe entzogen und sie durchrasseln lassen bei der Urwahl der Spitzenkandidaten für den bevorstehenden Bundestags-Wahlkampf. Roth kam nur auf Platz vier, sie erhielt nur etwas mehr als ein Viertel der Stimmen. Es ist eigentlich ein unhaltbarer Zustand für eine Parteivorsitzende. Sie selbst spricht von einer „herben Klatsche“ und einer „bitteren Enttäuschung“.
Claudia Roth wächst in Bayern auf, sie wird Dramaturgin am Theater und managt die Kultband Ton Steine Scherben.
Foto: ddpPolitik ist Claudia Roths Leben. Sie hat kein anderes und will auch kein anderes haben. Als die Bundesgeschäftsführerin ihr am vergangenen Sonnabend um 9.53 Uhr das Ergebnis der Urwahl mitteilte, tauchte Roth ab und dachte darüber nach, die Brocken hinzuschmeißen. Am kommenden Wochenende findet der Parteitag der Grünen in Hannover statt. Roth hätte ihre erneute Kandidatur für den Vorsitz zurückziehen können, dann wäre sie raus gewesen.
„Die vergangenen Stunden waren schwere Stunden. Wer mich kennt, weiß, dass nach dem bitteren Ergebnis der Urwahl mich Zweifel und große Zerrissenheit durchgerüttelt haben. “
„Viele Parteikollegen haben mir gesagt: ,Die Wahl zur Spitzenkandidatin war nicht die Abwahl der Parteivorsitzenden‘.“
„Ich habe Hunderte von Mails bekommen aus der Partei, aber weit über die Partei hinaus. Besonders berührt hat mich – weil ich das nicht kannte bisher – ein Candystorm, in dem ich direkt aufgefordert werde zu kandidieren.“
„Ich biete meiner Partei an, alles für den Wechsel zu tun. Es geht um die Ablösung von Schwarz-Gelb.“
„Als Parteivorsitzende sage ich Ihnen: Ich würde immer wieder für eine Urwahl eintreten.“
Claudia Roth am Montag
Den ganzen Sonnabend und Sonntag über haben Parteifreunde sie bearbeitet, jetzt nicht aufzugeben. Auch etliche aus dem Realo-Lager riefen bei der linken Frontfrau an und ermunterten sie, erneut anzutreten.
Am Montag gibt Roth schließlich bekannt, dass sie es noch einmal wissen will. Sie sagt: „Es geht in erster Linie nicht um mich. Und es geht in erster Linie nicht um meine Enttäuschung. Sondern es geht um etwas Wichtigeres: Es geht um die Ablösung von Schwarz-Gelb.“
Die Urwahl sollte den Grünen eigentlich neuen Schwung geben und die Basis für den Machtwechsel mobilisieren. So war es geplant, und lange Zeit sah es auch so aus, als ob es tatsächlich so kommen würde. Nun hat die Partei mit Fraktionschef Jürgen Trittin und Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt zwar zwei starke Spitzenkandidaten. Aber sie hat auch eine Parteichefin, die nachhaltig beschädigt ist. Und, ganz nebenbei, mit Renate Künast auch eine Fraktionsvorsitzende, die sich ebenfalls auf dem absteigenden Ast befindet. Künast kam bei der Urwahl mit deutlichem Abstand hinter Göring-Eckardt auf Platz drei, lag aber noch immer zwölf Prozentpunkte vor Claudia Roth.
So beginnt die Zeit nach der Urwahl bei den Grünen erst einmal mit Aufräumarbeiten und dem Versuch, den entstandenen Schaden zu begrenzen. Wer immer vom grünen Führungspersonal an diesem Montag ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt, sagt artig, dass er sich sehr über Claudia Roths Beschluss freue, erneut für den Vorsitz zu kandidieren. Und dass er ganz, ganz sicher sei, dass sie ein großartiges Ergebnis erzielen wird.
Petra Kelly (Mitte), hier bei einer Demonstration gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen, gilt als die erste Gallionsfigur der Grünen in Deutschland. Sie ist zugleich bis zu ihrem Tod 1992 in der europäischen Frauen-, Friedens- und Anti-Atombewegung engagiert.
Foto: dpaAuch Cem Özdemir, der Co-Vorsitzende, versucht, den Blick nach vorn zu richten. Er tritt einige Stunden nach Roth vor die Kameras. Dazwischen hat der Bundesvorstand der Partei getagt, und Özdemir sagt, das Gremium habe „die neuen Spitzenkandidaten gefeiert“. Das Ergebnis der Urwahl bringe Klarheit. Die Grünen seien entschlossen, bei der Bundestagswahl ihr Potenzial maximal auszuschöpfen und und tief ins bürgerliche Lager vorzustoßen. Man wolle „an die 15 Prozent drankommen“, damit es für Rot-Grün reicht.
Özdemir erinnert daran, dass es beim kommenden Parteitag auch um Sachfragen gehen soll. Die Sozialpolitik werde im Mittelpunkt der Debatten stehen, die Grünen wollten eine gerechtere Gesellschaft.
Es klingt so, als sei das auch bei den Grünen ein wenig in Vergessenheit geraten angesichts der Debatten über das Personal.
Merkel oder Steinbrück - wer bekommt die Mehrheit im Bundestag hinter sich? Das Spezial.
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.