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Große Koalition
Von der Bundestagswahl zur Bildung der Großen Koalition.

15. November 2012

Katrin Göring-Eckardt: Die neue Hoffnung der Grünen

 Von Thorsten Knuf
Katrin Göring-Eckardt, 46 Jahre alt, ist eine kluge, freundliche und ruhige Frau. Jemand, der sich nicht in den Vordergrund drängt, den man aber keinesfalls unterschätzen sollte. Foto: Paulus Ponizak

Tief bürgerlich und ohne besserwisserische Attitüde: Katrin Göring-Eckardt will die Grünen mit Jürgen Trittin in die Regierung führen. Doch ihre präsidiale Art stößt auch auf Kritik.

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Berlin –  

Es war in der Wendezeit, als die DDR kollabierte und plötzlich alles möglich schien. Als die Straße und der Runde Tisch regierten und nicht mehr das Politbüro. Es war Anfang 1990, die Grenzen waren schon offen, die ersten freien Wahlen in Sicht.

In einem Gebäude in Erfurt schleppt in jenen Tagen eine junge Mutter ihren Kinderwagen fünf Treppen hoch. Sie ist Anfang zwanzig, voller Tatendrang und auf der Suche nach Orientierung. Die Frau öffnet eine Tür – und erlebt eine bittere Enttäuschung. Zigarettenqualm vernebelt den Raum. Mittendrin sitzen fünf bärtige Männer, die angeregt darüber diskutieren, ob man Wahlplakate an Bäume nageln darf. Das interessiert mich nicht, diese Grünen sind nicht meine Welt, denkt die junge Frau. Sie sucht das Weite und wendet sich wieder den kirchlichen Gruppen zu, in denen sie sich heimisch fühlt.

Es war am vorigen Sonnabend, einem schönen Novembertag des Jahres 2012 in Berlin. Deutschland wird von Angela Merkel und ihrer schwarz-gelben Koalition regiert. Aber die nächsten Wahlen sind in Sicht.

In einem Kulturzentrum im Stadtteil Wedding steht Katrin Göring-Eckardt vor einer grünen Wand und strahlt. Blitzlichtgewitter, Mikrofone, Kameras: Sie ist die Frau der Stunde. Die neue Spitzenkandidatin der Grünen, soeben von der Basis in einer Urwahl dazu bestimmt.
46 Jahre ist sie heute alt. Sie sagt selbstbewusst: „Wir sind die Alternative für eine bessere Gesellschaft!“ Die Partei will regieren, sie will Rot-Grün. Neben Göring-Eckardt steht der Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin, ein forscher und stets gut gekleideter Mann. Mit ihm soll sie im Tandem den Machtwechsel 2013 möglich machen. Ihre erste Begegnung mit den Grünen, mit diesen rauchenden und zweifelnden Zauseln in Erfurt, liegt in jeder Hinsicht eine Ewigkeit zurück.

Katrin Dagmar Göring-Eckardt seit 24 Jahren verheiratet mit dem Pfarrer Michael Göring, zwei erwachsene Söhne, zu Hause in Ingersleben/Thüringen. Über Bündnis 90 kam sie dann schließlich doch zu den Grünen. Seit 1998 ist sie im Bundestag, seit 2005 dessen Vizepräsidentin: Das ist sie also, die neue Hoffnungsträgerin der grünen Partei.

Sie ist eine kluge, freundliche und ruhige Frau. Jemand, der sich nicht in den Vordergrund drängt, den man aber keinesfalls unterschätzen sollte. „Ich glaube, dass sie ein sehr ausgeprägtes Machtbewusstsein hat. Nur schlägt sich das bei ihr nicht in rüpelhaften Umgangsformen nieder“, sagt ein Kollege aus der grünen Fraktion, der ihr eher fern steht und nicht mit Namen genannt werden will.

"Sie ist gekommen um zu bleiben"

Wenn man ihr Büro vis-à-vis vom Reichstag betritt, fällt der Blick zuerst auf einen riesigen Obstteller. Obst ist bunt, hat aber oft auch einen harten Kern.

„Sie ist gekommen um zu bleiben“, sagt ein Spitzen-Grüner. An diesem Freitag beginnt in Hannover der Bundesparteitag, Katrin Göring-Eckardt wird ihre Position in der Partei dort voraussichtlich weiter stärken. Am Sonnabend werden die Führungsgremien neu gewählt. Die Spitzenkandidatin bewirbt sich um einen Sitz im einflussreichen Parteirat. Ein gutes Ergebnis gilt als sicher. An ihr kommt nun keine andere Frau mehr vorbei. Und viele Männer auch nicht. Falls es denn reichen sollte im Herbst 2013 für den angestrebten Machtwechsel, könnte sie am Kabinettstisch Platz nehmen.

Lange hat Katrin Göring-Eckardt gezögert, ob sie sich überhaupt auf das parteiinterne Rennen um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl einlassen sollte. Der grüne Realo-Flügel, dem sie angehört, bearbeitete sie so lange, bis sie sich schließlich dazu bereit erklärte. Mit ihr können die Grünen weit ins bürgerliche Lager vorstoßen, lautet das Kalkül. Sie ist selbst durch und durch bürgerlich, hat keine Revoluzzer- oder Anarcho-Vergangenheit.

Die studierte Theologin ist seit 2009 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Jemand wie sie kann im kommenden Jahr womöglich ganz neue Wählerschichten für die Partei erschließen. So wie Winfried Kretschmann, der etwas biedere Gymnasiallehrer, der es zum grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gebracht hat.

In der Urwahl flogen Göring-Eckardt die Stimmen der Mitglieder nur so zu. Sie ließ die Ko-Fraktionsvorsitzende Renate Künast und Parteichefin Claudia Roth um Längen hinter sich. Das Ergebnis war für viele eine Überraschung, wohl auch für sie selbst.

Im Grunde genommen ist Katrin Göring-Eckardt ein politisches Phänomen: Sie hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, sich komplett neu zu erfinden. An der Basis und in den Medien wird sie als frisches, unverbrauchtes Gesicht wahrgenommen. Ganz so, als habe ihre Karriere gerade erst begonnen. Das ist eine beachtliche Leistung.

Wesentliche Stütze von Rot-Grün

Als die Partei das Ergebnis der Urwahl bekanntgab, da sagte die Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke, die Mitglieder hätten sich entschieden für eine Balance zwischen Kontinuität und Erneuerung.

Mit Kontinuität war Trittin gemeint. Der rauflustige Fraktionschef, einst Umweltminister unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder, verfügt über jede Menge Regierungserfahrung und ist auch in der Partei seit vielen Jahren eine große Nummer.

Der Begriff Erneuerung zielte auf Katrin Göring-Eckardt. Sie ist Mitte vierzig und nicht Mitte fünfzig wie die meisten anderen grünen Spitzenpolitiker.

Doch war auch sie ehedem eine der wesentlichen Stützen von Rot-Grün. Als Fraktionschefin im Bundestag hielt sie 2002 bis 2005 die Abgeordneten auf Regierungslinie und sicherte damit Schröder und ihrem Mentor Joschka Fischer die Mehrheiten.

Es war die Zeit der Agenda-Politik und der Hartz-Reformen. Deutschland galt als kranker Mann Europas, und die Koalition versuchte, das Land mit harter Hand umzukrempeln. Rot-Grün war entschlossen, dafür notfalls vorübergehend auch den sozialen Frieden aufs Spiel zu setzen. Katrin Göring-Eckardt trommelte im Parlament und in Interviews für die umstrittenen Arbeitsmarktreformen, die sie mutig und notwendig nannte.

Heute gilt sie als mitfühlende Sozial- und Familienpolitikerin. „Bündnis 90/Die Grünen sind die Partei, die für ein solidarisches Gemeinwesen und für eine gerechte Gesellschaft steht“, heißt es in ihrem Bewerbungsschreiben für die Wahl zum Parteirat. Sie fordert einen „menschenwürdigen Regelsatz“ für Hartz-IV-Empfänger und die Einführung einer neuen Sozialleistung namens Kindergrundsicherung.

Jürgen Trittin, der sich neuerdings sehr für die Finanzpolitik interessiert, versucht gerade hinter den Kulissen, ihr das auszureden. Vielleicht gelingt ihm das, vielleicht auch nicht. Ein erfahrener Parlamentarier, der Katrin Göring-Eckardt sehr mag, sagt: „Sie kann sich schnell auf dem Absatz drehen.“ In der Politik muss das kein Nachteil sein. Wichtig ist nur, dass es nicht gleich jeder mitbekommt.

Es gibt noch ein zweites Moment, das Göring-Eckardts Wiederaufstieg bei den Grünen befördert hat. Nach dem Machtverlust 2005 wechselte sie vom Fraktionsvorsitz ins Präsidium des Bundestags. Raus aus dem Nahkampf, rauf auf die Bühne. Gleichzeitig machte sie Karriere in den Gremien der Evangelischen Kirche. Mit Macht hat das alles nichts zu tun. Es ist das komplette Gegenteil davon. Wenn es schlecht läuft, sind solche Wechsel der Anfang vom Ende einer politischen Karriere.

Dennoch bieten solche Positionen auch ganz neue Möglichkeiten zur Profilierung. Plötzlich müssen sich die Amtsinhaber nicht mehr aufreiben in der Tagespolitik. Sie sind raus aus dem Kleinklein und können sich in ihren Reden und Schriften dem großen Ganzen widmen. Dem Guten und Schönen. Dem Wahren und Klaren.

Über den Dingen

Die Menschen mögen Politiker, die Ruhe und Würde ausstrahlen und über den Dingen zu stehen scheinen. Nicht umsonst sind in Deutschland Bundespräsidenten so beliebt – ganz egal, wer gerade das Amt innehat. Und auch Angela Merkel ist populär, weil sie mit ihrer präsidialen Art losgelöst scheint vom alltäglichen Chaos ihrer Koalition.

Der Nimbus der Überparteilichkeit umgab in den vergangenen Jahren auch Katrin Göring-Eckardt. Sie konnte sich auf Kirchentagen in Szene setzen und in Talkshows auftreten als jemand, der Politik in größeren Zusammenhängen denkt. Im Rennen um die grüne Spitzenkandidatur dürfte ihr das enorm geholfen haben. Und wahrscheinlich hilft ihr das auch im bevorstehenden Wahlkampf.

Es ist die demonstrative Unaufgeregtheit, die Katrin Göring-Eckardt zu einer erfolgreichen Politikerin macht. Werner Schulz, der sie einst in der DDR-Bürgerrechtsbewegung kennenlernte und heute für die Grünen im EU-Parlament sitzt, ist sogar der Ansicht, dass sie vor allem deshalb Karriere gemacht hat. „Sie ist eine, die sehr langsam, aber stetig gekommen ist. Sie hat kontinuierlich gelernt“, sagt er. „Irgendwann setzten sich Kompetenz und Ruhe durch.“

Wenn man sich umhört unter heutigen und ehemaligen Parlamentariern und fragt, was Katrin Göring-Eckardt in ihren vierzehn Jahren als Abgeordnete inhaltlich eingebracht hat bei den Grünen, dann lautet die Antwort mitunter: nicht viel. Einer, der in den rot-grünen Jahren zur Fraktion gehört und inzwischen der Politik den Rücken gekehrt hat, sagt: „Das war kein inhaltliches Arbeiten. Das war ein effizientes, zuverlässiges Management.“

Ein anderer, der heute für die Partei im Parlament sitzt, berichtet, dass sie in der Fraktion sehr zurückhaltend auftrete. Auch hier gelte: „Sie hat eher eine präsidiale Rolle eingenommen.“ Katrin Göring-Eckardt sei im guten Sinne wertkonservativ, beteilige sich aber nicht an jeder Debatte.

Lob aus ungewöhnlichem Mund

Und doch hat sie an einem Punkt bereits jetzt deutliche Spuren in der Partei hinterlassen: Sie war es einst, die den Grünen den Begriff der Generationengerechtigkeit nahebrachte. Heute redet man eher von Nachhaltigkeit, was aber das gleiche meint. Sie, der Familienmensch, machte den grünen Individualisten klar, dass Umweltschutz, gesunde Staatsfinanzen, ein funktionierendes Bildungs- und Sozialwesen nur verschiedene Seiten derselben Medaille sind.

Jene Generation, die gerade die Geschicke des Landes bestimmt, muss den nachfolgenden geordnete Verhältnisse hinterlassen. „In meiner Erinnerung verknüpfe ich den Begriff mit ihrem Namen“, sagt anerkennend der ehemalige Grünen-Chef Ludger Volmer, der heute als freier Publizist und Politikberater tätig ist.

Da ist sie wieder, die Schnittmenge mit mit dem bürgerlichen Lager. Bei den Grünen machen sie keinen Hehl daraus, dass sie 2013 nicht der SPD und der Linken, sondern der Union Stimmen abspenstig machen wollen. Umfragen sehen die Grünen derzeit bei rund 15 Prozent. Das ist ziemlich viel für eine kleine Partei, aber vielleicht ist ja auch noch mehr drin. 15 oder 16 oder 17 Prozent scheinen derzeit möglich. Wenn die SPD es schafft, am Wahltag mehr als 30 Prozent zu erzielen, könnte es reichen. Das wäre dann auch Katrin Göring-Eckardts Verdienst.

In der Union sehen sie in diesen Tagen, dass jemand wie sie für die Konservativen eine reale Gefahr darstellt. Sie hat zwar ganz andere Ansichten, fischt aber in den selben Gewässern.

Am Donnerstag erhält Göring-Eckardt plötzlich ein Lob aus ungewöhnlichem Mund. CDU-Familienministerin Kristina Schröder sagt, ihr gefalle, wie die Kollegin in der Familienpolitik argumentiere. Gespräche zwischen Schwarzen und Grünen nach der Wahl solle man nicht grundsätzlich ausschließen. Es ist ein vergiftetes Lob, denn nichts brauchen die Grünen derzeit weniger als eine neue Koalitionsdebatte.

Aber schlecht ist es dennoch nicht für Katrin Göring-Eckardt. Ein vergiftetes Lob ist schließlich auch ein Zeichen dafür, dass man vom Gegner ernst genommen wird.

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