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Große Koalition
Von der Bundestagswahl zur Bildung der Großen Koalition.

11. Januar 2013

Peer Steinbrück, SPD und Grüne: Augen zu und durch

 Von Steffen Hebestreit und Thorsten Knuf
Seite an Seite: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und der Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin.Foto: dpa

Grüne und SPD hoffen gemeinsam, dass sich der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück noch fängt. Steinbrück selbst weiß, dass es gerade ziemlich schlecht für ihn läuft. Da müsse man jetzt durch.

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WEIMAR/BERLIN –  

Natürlich fällt der Name Peer Steinbrück früh. Ob die rot-grüne Machtperspektive nicht zusehends schwinde mit diesem SPD-Kanzlerkandidaten, fragt ein Journalist am Freitag in Weimar. Jürgen Trittin verzieht schalkhaft sein Gesicht. Er würde wohl gerne etwas Derbes entgegnen, das kann er ja ganz gut. Aber vor den Kameras verbietet sich das.

Also schaltet der grüne Spitzenkandidat in den Staatsmann-Modus, den kann er inzwischen auch ganz gut: „In Deutschland wird nicht über Personen abgestimmt. In Deutschland entscheiden sich die politischen Machtverhältnisse über Stimmen für Parteien.“ Und so viel trenne Rot-Grün ja derzeit gar nicht von der Mehrheit in den Umfragen. „Ich finde, neun Monate Wahlkampf für zwei Prozentpunkte sind eine lohnende Perspektive.“

Das böse S-Wort

Nächster Versuch, diesmal über Renate Künast: Ob sie sich einen anderen SPD-Kanzlerkandidaten wünsche. „Mir fällt spontan keiner ein, der mir lieber wäre“, sagt die Fraktionschefin – und muss selbst über ihre absurde Antwort lachen.

Steinbrück − das ist bei den Grünen inzwischen das böse S-Wort. Zwei Tage lang hat die grüne Bundestagsfraktion in Weimar getagt, um die Weichen zu stellen für das Wahljahr 2013. Die Botschaft, die die Partei angesichts der Irrfahrt des SPD-Kanzlerkandidaten aussenden will, lautet: Wir wollen Rot-Grün, aber wir machen unseren eigenen Wahlkampf mit unseren eigenen Themen. Wenn die SPD in den Umfragen abstürzt, müssen wir eben noch mehr zulegen, damit es am Ende dennoch reicht. „Grün oder Merkel“ heiße die Alternative.

Die Abgeordneten nehmen bei ihrem Treffen ein Papier an, in dem sie ihre inhaltlichen Schwerpunkte umreißen. Sie lauten Energiewende, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Europa. Sieben Seiten umfasst das Dokument. Die SPD, mit der man doch Schwarz-Gelb ablösen möchte, kommt darin ein einziges Mal vor: Im vorletzten Satz.

Applaus tut Steinbrück gut

Sonntagsfrage
Sonntagsfrage
Foto: FR/BLZ

Der Vielgescholtene steht am Donnerstagabend im großen Saal der Hamburger Landesvertretung in Berlin und genießt den Applaus. 66 Jahre alt ist Peer Steinbrück am Donnerstag geworden, die SPD-Fraktion feiert ihn mit einem kleinen Empfang. Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier überreicht als Geschenk ein Monument von einem Werk: Die Tagebücher des Hamburger Rechtsanwalts und Politikers Ferdinand Beneke, der von 1792 bis 1848 aufgeschrieben hat, was ihm widerfahren ist – auf 15000 Seiten.

Der Applaus tut Steinbrück gut, denn die Lage ist mies. „Ich habe jetzt ein paar Steine in meinem Rucksack“, gesteht der Kanzlerkandidat tags darauf bei der Fraktionsklausur. Doch sein Rücken sei stark, der halte das aus. Er weiß selbst, dass es gerade ziemlich schlecht für ihn läuft. „Ich kann aber nicht auf einen Knopf drücken, damit alles besser wird.“ Da müsse man jetzt durch. Dann skizziert er, welche Themen er setzen möchte: soziale Gerechtigkeit, bezahlbare Mieten, aber auch Wirtschaft und Arbeit, die kämen ihm gegenwärtig zu kurz.

Manch SPD-Abgeordneter empfindet den Auftritt als Eingeständnis von Fehlern, aber auch als klares Bekenntnis, dass der Kandidat durchhalten will. Fragen nach den miserablen Umfragewerten ihres Frontmannes begegnen SPD-Leute mit Augenrollen. „Sie sind ein Umstand des Tages und Auftrag, dies zu ändern“, sagt Steinmeier. Kraft saugen die Sozialdemokraten gerade einzig aus der Tatsache, dass Rot-Grün in Niedersachsen in aktuellen Erhebungen vorne liegt, obwohl die Demoskopen die FDP neuerdings wieder im Landtag sehen.

Sieg in Niedersachsen wäre wichtig

Bundeskanzler
Bundeskanzler
Foto: FR/BLZ

Ja, ein Sieg in Niedersachsen wäre jetzt wichtig, um die Gemüter zu beruhigen, sagt ein erfahrener Abgeordneter. Und wenn nicht? „Darüber will ich jetzt lieber gar nicht nachdenken.“ Natürlich wundern sie sich in der Fraktion, weshalb der mediengewandte Steinbrück seit Wochen schwächelt. Vom Liebling der Medien ist er zum Buhmann geworden. „Erst hast Du kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu“, bemühen sie Weisheiten des Fußballs. Und Steinbrück? „Der ist und bleibt unser Kandidat.“

300 Kilometer entfernt in Weimar sind sich die Grünen da nicht so sicher. Ihre Parlamentarier spekulieren bereits, dass es sich die SPD noch mal anders überlegen und Steinbrück austauschen könnte. „Die große Frage ist, wie die den noch vom Eis kriegen können“, sagt ein einflussreiches Fraktionsmitglied. Falls es tatsächlich passiere, müsste SPD-Chef Sigmar Gabriel selbst ran oder die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in die Pflicht nehmen. Mit diesem Gefühl starten sie ins Bundestagswahljahr, die Roten und die Grünen.

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