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Alfred-Grosser-Gastprofessur: Vielfalt als Stärke

Die kanadische Integrations-Expertin Ratna Omidvar lehrt für eine Woche an der Goethe-Universität und will sich auf die Suche machen nach dem, was sie "Frankfurter Werte" nennt.

        

Ratna Omidvar: An der Goethe-Uni debattiert sie  darüber, was Deutschland vom kanadischen Integrations-Modell lernen kann.
Ratna Omidvar: An der Goethe-Uni debattiert sie darüber, was Deutschland vom kanadischen Integrations-Modell lernen kann.
Foto: Boeckheler

Mit einer solchen Eiseskälte hat selbst die wintererprobte Kanadierin nicht gerechnet. „Zu Hause in Toronto sind es derzeit vier Grad plus“, sagt Ratna Omidvar – draußen und im Präsidentenzimmer auf dem Campus Westend der Goethe-Uni dagegen herrschen reale und gefühlte Minusgrade. Übers Wochenende war dort die Heizung abgedreht. Zumindest meteorologisch eine Einstimmung auf das, was sich die gebürtige Inderin für ihren einwöchigen Aufenthalt am Main alles vorgenommen hat.

Ratna Omidvar ist die neue Inhaberin der Alfred-Grosser-Gastprofessur für Bürgergesellschaftsforschung an der Goethe-Universität. Bis zum Samstag wird die international anerkannte Expertin für Migration und Integration nicht nur mit Studenten der Uni oder Frankfurts Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg darüber debattieren, was Deutschland als Zuwandererland von der multikulturellen Gesellschaft Kanadas lernen kann.

Alfred-Grosser-Gastprofessur

Die Alfred-Grosser-Gastprofessur für Bürgergesellschaftsforschung am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Uni wurde 2009 von der Polytechnischen Gesellschaft gestiftet. Dritte Gastdozentin ist vom 6. bis 11. Februar die kanadische Expertin für Migration und Integration, Ratna Omidvar.

Erster Gastdozent war Grosser selbst. Der in Frankfurt geborene jüdische Politologe gilt als Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft nach dem 2. Weltkrieg. Grossers Familie musste 1933 nach Frankreich emigrieren.

Öffentliche Termine der Gastprofessur: „Stadtpolitik, Zivilgesellschaft und Integration“: Podiumsgespräch zwischen Ratna Omidvar und der Frankfurter Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg am Mittwoch, 8. Februar, 19 Uhr, Hörsaal-Zentrum, Hörsaal HZ4, Campus Westend, Goethe-Uni.

Movie Night: „Little Mosque on the Prairie“, Präsentation des gleichnamigen Films von Zarqa Nawaz und anschließende Diskussion mit Ratna Omidvar zum Umgang der Medien mit Integration und Migration am Freitag, 10. Februar, 20 Uhr, Casino, Raum 1.812, Campus Westend.

Alle Veranstaltungen sind in deutscher und englischer Sprache.

Offizielle und inoffizielle Version einer Stadt

Sie will sich – trotz Eiseskälte – auch auf die Suche machen nach dem, was sie „Frankfurter Werte“ nennt. Und die finden sich ihrer Ansicht nach am besten auf den Straßen der Stadt. „Ich hoffe, viel unterwegs sein zu können“, sagt sie.

Es gebe immer die offizielle und inoffizielle Version einer Stadt. Omidvar will beide erleben. Die Kanadierin kennt Deutschland seit den 70er Jahren. Viel habe sich verändert. „Im Eckladen gab es früher Kartoffeln und Käse, heute Koreander und Zitronengras“, nennt sie ein Beispiel.

Um eine gelungene Integration, die aus der gesellschaftlichen Vielfalt eine Einheit werden lässt, geht es seit Jahren bei Omidvars Engagement. Und das sei auch Thema der Alfred-Grosser-Gastprofessur, die sich mit „ausgewählten Aspekten der Forschung zur Bürgergesellschaft auseinandersetzt“, sagt Roland Kaehlbrandt, Vorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Seit 2009 stiftet die Gesellschaft die Gastaufenthalte der Wissenschaftler.

Kanada als Vorbild in der Bildungspolitik

Das multikulturelle Kanada gilt als vorbildlich – gerade in der Bildungspolitik. Omidvar arbeitet in Frankfurts Partnerstadt Toronto für die Maytree Foundation, die sich für mehr Chancengleichheit und Wohlstandsgerechtigkeit einsetzt. Kaehlbrandt lobt sie als internationale Expertin, eine auf die Menschenrechte ausgerichtete Sozialwissenschaftlerin, Pragmatikerin und scharfsinnige Kritikerin, die erfolgreich die Politik berate. Omidvar hat für ihr Engagement den „Order of Canada“ bekommen, die höchste Auszeichnung für Zivilpersonen. Eine Zeitung wählte sie 2010 zum „Nation Builder“ des Jahrzehnts.

Eine kluge Frau, die mehrere Sprache spricht, Heinrich Böll liebt und Thomas Manns Buddenbrooks gleich mehrmals gelesen hat – auf Deutsch. Eine Frau, die wie über 80 Prozent der Kanadier von der Idee der multikulturellen Gesellschaft überzeugt ist. Für die eine erfolgreiche Integrationspolitik schon mit den Geschichten und Beispielen im Schulbuch beginnt. Für die ein intensiver Sprachunterricht für Kinder ebenso dazugehört wie gelebte Integration im Alltag.

Mittelpunkt für Einwanderer, berichtet sie, sind in Kanada die öffentlichen Bibliotheken. Dort treffen sich die Mütter, dort gibt es Sprachunterricht oder Job-Beratung. „Der Service kommt zu den Menschen, nicht umgekehrt“, sagt sie. Keine politische Partei, nennt sie weitere Unterschiede zu Deutschland, könne es sich in Kanada leisten, auch nur ein Wort gegen die multikulturelle Gesellschaft zu sagen.

Vielfalt an "Communities"

Dennoch ist auch in dem nordamerikanischen Staat nicht alles rosig. Sechs von zehn Migranten können nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten. „Das ist ein großes Problem“, sagt Omidvar. Und obwohl es eine Vielfalt an „Communities“ gibt – etwa koreanische Gemeinden, chinesische, ukrainische oder deutsche – bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass sie untereinander Kontakt haben.

Rainer Klump, Vizepräsident der Goethe-Uni, ist gespannt auf die Debatten und Vorlesungen: Das Forschungsthema der Gastprofessur entspreche „dem Kern der Universität“, die ja aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden sei. Er sieht viele Parallelen zwischen Frankfurt und Toronto. Auch Frankfurt sei eine multikulturelle Stadt, deren Internationalität spiegele sich auch in der Hochschule wider. Seit vier Jahren unterhält die Goethe-Uni zudem einen regen Austausch mit der Uni in Toronto.

Autor:  Astrid Ludwig
Datum:  7 | 2 | 2012
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