Bis der dritte Bauabschnitt auf dem Campus Westend steht, wird noch Zeit vergehen. Viel Zeit. 2014, hieß es mal, solle er fertig sein. Für das aufwendigste Vorhaben, den Neubau der Zentralbibliothek, kursiert mittlerweile der Termin „nicht vor 2019“. Und für Bibliotheksdirektor Berndt Dugall ist auch das kein fixes Datum: „Die Formulierung lautet ja immer ‚nicht vor‘. Aber ein genaueres Wann ...“ Der Satz bleibt unvollendet im Raum hängen.
Auch das Präsidium der Frankfurter Uni kann keine Termine nennen. Pressesprecher Olaf Kaltenborn verweist auf den Zusammenhang mit der neuen Musikhochschule: Die soll an die Stelle der heutigen Unibibliothek, „spätestens dann“ werde der Neubau „erforderlich“. Vielleicht wird es auch nie etwas mit der neuen Zentrale, in der alle Bestände aus Bockenheim – das sind rund fünf Millionen Medieneinheiten – und die in der Nationalbibliothek zwischengelagerten 500.000 Bände zusammengeführt werden.
Das Undenkbare ist nicht mehr unrealistisch
Was vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen wäre, mittlerweile halten es viele Mitarbeiter der Bibliothek nicht mehr für unrealistisch: Ein deutlich abgespeckter Bau im Westend könnte die zentralen Funktionen übernehmen, ein Großteil der Bücher aber würde in den Magazinen an der Bockenheimer Warte bleiben. Wenngleich Kaltenborn sagt: „Ein solches Szenario wurde bislang in der Universitätsleitung nicht diskutiert.“
Gedankenspiele oder nicht – den Nutzern müsste die geteilte Zentrale gar nicht mal zum Nachteil gereichen. Die Bücherversorgung lässt sich per Fahrdienst sicherstellen – genau das Modell, das jetzt in Betrieb geht, nur größer: In der kommenden Woche eröffnet im Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften eine Dependance mit Ausleih- und Rückgabetheke, die täglich mit dem bedruckten Stoff aus der Zentrale versorgt wird und bis zu 1000 Medieneinheiten am Tag schaffen soll.
Das Lernverhalten hat sich verändert
Doch wie hoch der Anteil dieser „klassischen“ Bibliotheksnutzung 2020 oder 2030 sein wird – keiner kann es sagen. Dugall: „Vor zehn Jahren haben wir in großen Mengen Computerarbeitsplätze eingerichtet.“ Das sei heute passé. Heute kommt der Student, will einen leeren Tisch und passende Anschlüsse oder W-Lan, damit er seinen Laptop mit Material befeuern kann. Auch das Lernverhalten habe sich verändert. Grübelte man einst einsam im Studierstübchen, so geht man heute gruppenweise in die Bibliothek.
Sicher sind für den Herren über insgesamt acht Millionen Bücher beim geplanten Umzug nur drei Aspekte: „Wir müssen unser Personal dort unterbringen“; er geht von rund 170 Mitarbeitern aus. Die „historische Substanz“, also der wertvolle Altbestand mit Handschriften und Inkunabeln, müsse fachgerecht untergebracht werden. Den Zustand an der Bockenheimer Landstraße nennt er mittlerweile provisorisch. Und drittens: „Wir werden künftig weniger Stellfläche brauchen.“
Dornröschenschlaf an der Warte
Eine Zentrale mit Platz für Rara und weitere wichtige Bestände könnte, so Dugalls Schätzung, mit einer Million Bände auskommen. Dabei schwingen auch noch ganz andere Überlegungen mit. „Wenn man in zehn Jahren im Netz frei über alles verfügen kann, weil das Urheberrecht in der heutigen Form nicht mehr existiert – dann kann ich, überspitzt gesagt, alle Texte digital anbieten.“
Das wäre ein Grund mehr, dass die alte Bibliothek an der Warte so stehen bleibt wie bisher und das Gedruckte in einen Dornröschenschlaf geschickt wird. „Wir sehen ja, wie sich die Umzugsdiskussion zunehmend auf den Teil südlich der Bockenheimer Landstraße verengt.“ Alles hänge „in der Luft“, für einen Neubau gebe es keine Planung, keinen Architektur-Wettbewerb, nichts. Vom Land ist dazu nur zu hören, dass nichts in der „mittelfristigen Finanzplanung“ stünde, so Ministeriumssprecher Stefan Löwer.
Häuser für Bücher müssen massiv sein
Ein Vorteil der kleinen Variante liegt auf der Hand: Sie würde billiger als die bis zu 130 Millionen Euro für einen Neubau, die zur Zeit durch die Debatte geistern, auch wenn das Unipräsidium auf den schon vor Jahren veranschlagten 90 Millionen beharrt. Der Kostentreiber, erklärt Dugall, der früher selbst Bibliotheksbau unterrichtete, ist die Statik. Häuser für Bücher sind mit das Massivste, das man sich vorstellen kann. Die Tragkraft müsse zwei- bis dreimal höher sein als bei normalen Gebäuden – jeder, der mal mit Bücherkartons umgezogen ist, kann ein Lied davon singen.
Bei alldem ist für Dugall nur eines sicher: „In meiner Amtszeit bewegt sich am Bau nichts mehr.“ Er geht Mitte 2013.