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Die Gesänge Afrikas

Ethnologe Mamadou Diawara erforscht mündliche Traditionen und lokales Wissen der Länder südlich der Sahara

        

Mamadou Diawara ist seit 2004 Professor an der Goethe-Uni. E ist in Mali aufgewachsen und kennt die Traditionen Afrikas.
Mamadou Diawara ist seit 2004 Professor an der Goethe-Uni. E ist in Mali aufgewachsen und kennt die Traditionen Afrikas.
Foto: Michael Schick

Zum Glück gibt es Emails und Internet. Sonst müsste Mamadou Diawara kistenweise Bücher, Manuskripte und Unterlagen aus seinem Büro auf dem Campus Westend nach Kanada verfrachten. So aber ist alles per Mausklick erreichbar. Im Oktober wird der Professor für Ethnologie der Goethe-Universität für ein Jahr an die Université Laval in Quèbec wechseln, die älteste Universität im Land. Der Ethnologe hat den Diefenbaker-Preis des kanadischen Kulturministeriums gewonnen, der deutschen Sozial- und Geisteswissenschaftlern einen zwölfmonatigen Forschungsaufenthalt ermöglicht.

Unbekanntes Terrain wird der Professor dort nicht betreten. Diawara kennt die Kollegen der literaturwissenschaftlichen Fakultät und die Universität Laval bereits von Konferenzen. „Ich freue mich darauf, ein Jahr lang forschen zu können“, sagt der 56-Jährige. Der afrikanische Professor ist ein polyglotter Weltenbürger. In Mali in Westafrika geboren, studierte er an der Sorbonne in Paris, kam als Humboldt-Stipendiat an die Goethe-Uni, würde später Professor an der amerikanischen Elite-Hochschule Yale, nach Harvard eine der renommiertesten Unis in den USA. 2004 wechselte er nach Frankfurt. Die Stadt gefiel ihm schon während seines Stipendiums. „Frankfurt ist sehr weltoffen, ebenso die Forschung an der Uni“, lobt der 56-Jährige. Seine Familie fühlt sich wohl hier.

1986 kam er als junge Forscher zum Frobenius-Institut der Goethe-Uni – „dem ältesten Afrika-Institut in Deutschland“. Heute ist er der Geschäftsführer des Institutes. Afrika und seine Heimat Mali sind Mamadou Diawaras Hauptforschungsgebiet in all den Jahren geworden. Der Professor beschäftigt sich mit den mündlichen Traditionen, der Geschichte und auch den Medien in den Ländern südlich der Sahara. Mit diesem Schwerpunkt ist er Mitglied im Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnung“ der Goethe-Universität.

Diawara untersucht, ob und wie lokale Medien, wie Jahrtausende alte Traditionen der mündlichen Überlieferung in Afrika von der Globalisierung beeinflusst werden. „Von Fernsehen, Internet oder Radio“, erklärt er. Der Professor befasst sich mit den „Griot“, den Sängern, Dichtern und Instrumentalisten in Westafrika, die seit dem 6. Jahrhundert schon epische Geschichten, traditionelles Wissen mündlich weitergeben. Meist sind das stundenlange Gesänge und Erzählungen zu Dorffesten, Hochzeiten oder Beerdigungen. „Sie sind eine Art Lokalarchivare“, so Diawara. Meist wurde das Wissen exklusiv nur an bestimmte Familien weitergeben. „Das sind ganz eigene Normen“, sagt der Afrikaner. Er ist in Mali aufgewachsen, kennt die Gesänge aus eigenem Erleben.

All das ist in Bewegung, verändert sich mit dem Wechsel der Generationen, der Kolonialisierung, Religion oder Migration. „Hochdynamisches Material“, so der Professor. Wie treffen die afrikanischen Traditionen nun mit den Medien und Normen der Globalisierung zusammen. Harmonisieren sie oder prallen sie aufeinander? Der Frage spürt der Professor mit unzähligen Tonaufnahmen in Mali, Mauretanien oder Senegal nach. So hat er die traditionellen Gesänge in den Dörfern mit Aufnahmen für TV und Radio verglichen. „Stundenlange Formate sind da nicht möglich“. Die Geschichten ändern sich, und ihre Formen, hat Diawara festgestellt. Die Griot sind heute teilweise moderne Musiker mit elektronischen Instrumenten und internationalem Erfolg bis hin zu Grammy Awards.

Diawara will das traditionelle, lokale Wissen Afrikas erhalten. 1997 hat er in Bamako in Mali das Forschungszentrum „Point Sud“ gegründet, das von der Goethe-Uni und der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wird. Ein Mitarbeiter und Nachwuchsforscher arbeiten dort.

Diawara ist als Sohn eines Landwirtes aufgewachsen. Er gehörte zur ersten Schulgeneration nach der Unabhängigkeit von Frankreich. Bildung hat aus dem Bauernsohn einen Universitätsprofessor gemacht.

Der Staat habe ihn damals gefördert, sagt er. Das will er zurückgeben. „Ich fühle mich für Mali verantwortlich.“ Das Jahr in Kanada will er nutzen und ein Buch über seine Afrika-Forschung schreiben.

Autor:  Astrid Ludwig
Datum:  30 | 7 | 2010
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