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Entwicklungshilfe: Besuche in den Slums

Die Evangelische Studierendengemeinde Frankfurt organisiert den etwas anderen Austausch mit Indien.

        

Beim  Holifest spielt die Kaste keine Rolle: Frankfurter Studenten mittendrin im farbenfrohen indischen Festtreiben.
Beim Holifest spielt die Kaste keine Rolle: Frankfurter Studenten mittendrin im farbenfrohen indischen Festtreiben.
Foto: Philipp Müller

Lachende Menschen rennen mit blauen Nasen, grünen Wangen und rosa Bärten durcheinander: Beim Holifest bewerfen sich die Menschen in Indien ausgelassen mit Farbpuder. Wer welcher Kaste zugehört, ist für einen Moment nicht mehr so wichtig. Im Alltag jedoch ist die Kastentrennung nach wie vor Realität. „Die Dalits, die Kastenlosen, haben eine sehr benachteiligte Stellung in der indischen Gesellschaft“, sagt Philipp Müller von der Evangelischen Studentengemeinde Frankfurt. Er organisiert seit 1990 einmal jährlich einen Austausch für acht bis zehn Studierende, bei dem der Kontakt zur armen Bevölkerung Indiens im Vordergrund steht.

Fünf, sechs Wochen verbringt die Studierendengruppe im Land. Die nächste Gruppe mit diesmal acht Studierenden hat ihre Reise nach Anand im indischen Staat Gujarat gerade am 12. Februar angetreten. Dabei stehen neben einer Rundreise mehrere Wochen lang tägliche Besuche in einem Armenviertel auf dem Programm.

Traditionell durften Dalits, die auch die „Unberührbaren“ genannt werden, nur sogenannte unreine Berufe wie Straßenfeger, Totengräber oder Toilettenputzer haben. „Heute gibt es zwar an den Universitäten Dalit-Quoten, dennoch haben sie es nach wie vor sehr schwer, wenn sie eine akademische Karriere einschlagen wollen“, sagt Müller. „Sie können damit rechnen, von ihren kastenhöheren Kollegen in keiner Weise unterstützt zu werden.“ Eine ähnlich würdelose Stellung haben in der indischen Gesellschaft die Adivasi, die Ureinwohner des zweitbevölkerungsreichsten Landes der Erde, sowie Muslime.

Thorsten Schmidt, der an der FH Frankfurt soziale Arbeit studiert, nahm 2010 am Indien-Austausch teil. „Ich hatte vorher nicht viel über das Land gewusst“, erzählt er. Während des Aufenthalts wohnten die Studenten bei Mittelstandsfamilien, besuchten aber täglich die Menschen in den Slums. „Es war nicht immer leicht sich zu verständigen, da die meisten armen Menschen in Indien kein Englisch sprechen“, erzählt Schmidt. „Aber irgendwie hat es doch funktioniert.“

Vom Ehemann geschlagen, von der Polizei weggeschickt

Neben Besuchen in Kindergärten stellten Schmidt und die übrigen Austauschstudenten mit den jungen Slum-Bewohnerinnen, die in einer nahe gelegenen Kosmetikschule ihre Ausbildung machten, ein Theaterprojekt auf die Beine. „Wir haben einzelne Szenen geprobt und diese am Ende collagenartig zusammengefügt.“ Viele der Frauen aus dem Armenviertel hätten gesellschaftskritische Themen vorgeschlagen: „Eine Inderin wollte eine Szene einstudieren, die zeigt, wie eine Frau ihren Mann bei der Polizei anzeigen möchte, weil er sie schlägt“, erinnert sich Schmidt. „Die Polizei hingegen glaubt ihr nicht und schickt sie weg.“

Für arme und vor allem kastenlose Frauen ist eine solche Abfertigung durch die indische Polizei leider oft bittere Realität.

Thorsten Schmidt feierte während des Indien-Aufenthalts seinen 27. Geburtstag, was für ihn ein besonders schönes Erlebnis war. „Es gab Kuchen und alle haben für mich gesungen.“ Bezahlen mussten die Studierenden die Hinreise und Verpflegung selbst. Die Vorbereitung beginnt jeweils ein halbes Jahr vorher. Im Zwei-Wochen-Rhythmus trifft sich der Indien-Arbeitskreis in den Räumen der ESG an der Fachhochschule Frankfurt. Vor der Abreise ist die Teilnahme am Seminar „Asiability“ Pflicht. Philipp Müller unterrichtet hier im Wechsel mit anderen Dozenten. „Das Seminar soll auf Aufenthalte in Asien vorbereiten, ich lege meinen Fokus auf den Umgang mit marginalisierten Menschen in Indien.“

Am 19. März wird die diesjährige Austauschgruppe nach Deutschland zurückkehren. Der Gegenbesuch durch indische Auszubildende und Studenten erfolgt im Mai 2013. Finanziell unterstützt werden diese dann von der „Community Development Society“, einer Organisation, die Armen und Kastenlosen hilft.

Autor:  Julia Frese
Datum:  17 | 2 | 2012
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