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Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

22. Februar 2014

Europäisches Institut für Humanwissenschaften: Problematisches Islaminstitut

 Von 
Mitgründer Abdullatif Hussein mit einem Koran in den Händen.  Foto: Peter Jülich

In Frankfurt hat sich eine private islamische Hochschule gegründet. Hier wird der Islam, Arabisch und Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. So ganz an die Öffentlichkeit wollen sie nicht gehen, da eine gewisse Nähe zur umstrittenen Muslimbruderschaft nicht zu leugnen ist.

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Europäisches Institut für Humanwissenschaften“ steht auf dem Briefkasten des Bürogebäudes im Frankfurter Ostend. Auf Deutsch und Arabisch. Und das ist auch schon der einzige Hinweis darauf, dass sich hier in der ersten Etage in der Ostparkstraße 45 eine private islamische Hochschule befindet. Seit Mitte Oktober wird hier Islam, Arabisch und Deutsch als Fremdsprache unterrichtet.

Oben im ersten Stock wartet Abdullatif Hussein. Er ist ehrenamtlicher Leiter für Verwaltung und Finanzen des neugegründeten Europäischen Instituts für Humanwissenschaften und Geschäftsführer des gleichnamigen Trägervereins. „Wir haben oft diskutiert, ob wir in die Öffentlichkeit gehen sollen“, sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs. Denn die Schule kann eine gewisse Nähe zur umstrittenen Muslimbruderschaft nicht leugnen.

Yusuf Qaradawi hat Lehrpläne miterstellt

Die neue Frankfurter Hochschule gehört zum „Verbund der Europäischen Institute für Humanwissenschaften“ (IESH). Ableger gibt es in Chateau-Chinon, Paris, Birmingham und im walisischen Llanybydder. Unterstützt und gefördert wird der IESH durch die „Föderation Islamischer Organisationen in Europa“ (FIOE). Auf Initiative der FIOE wurde der „Europäische Rat für Fatwa und Forschung“ gegründet. Dessen Vorsitzender ist Yusuf al Qaradawi ist – Chefideologe der Muslimbruderschaft. Der Rechtsgelehrte genießt in großen Teilen der arabischen Welt hohes Ansehen, seine Fatwas, unverbindliche Rechtsgutachten, sind jedoch höchst umstritten, unter anderem fordert er die Todesstrafe für außerehelichen Sex und rief zuletzt zum „Heiligen Krieg“ gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad auf.

Qaradawi hat die Lehrpläne für die Europäischen Institute für Humanwissenschaften miterstellt. Die dort vermittelte Theologie wird in Deutschland schon länger vom Deutschen Informationsdienst über den Islam (DIDI) verbreitet, der Islamfernkurse mit den Lehrinhalten der IESH anbietet. Die Institutsgründung war also nur der nächste logische Schritt.

Ein Blick in die Lehrbücher des Islamfernkurses von DIDI entlarvt eine zumindest fragwürdige Einstellung zur Verfassung. So heißt es im Lehrbuch „Islamische Geschichte“, geschrieben von Samir Murad von DIDI in Kapitel 6, dass es die Aufgabe der muslimischen Gemeinschaft sei, „...zum Aufbau von Zivilisation und im Speziellen Aufbau einer islamischen Gesellschaft, das heißt einer Gesellschaft, die nach dem Gesetz Gottes regiert wird“, beizutragen.

Islamverständnis des 8. und 9. Jahrhunderts

„Dieser Aspekt ist demokratiefeindlich und desintegrativ, weil die Demokratie durch eine islamische Gesellschaftsordnung ersetzt werden soll“, kritisiert Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin. Es sei zwar nicht verboten so etwas zu wollen. Leute nach dieser Maxime auszubilden, sei aber durchaus kritisch zu sehen.

Institutsleiter Abdullatif Hussein bestreitet eine politische Dimension des Institut. Es gehe lediglich darum, der hohen Nachfrage vieler junger Leute nachzukommen, islamische Wissenschaften mit Bezug zum Hier und Heute zu lernen. Dabei werde die Meinung aller vier islamischen Rechtsschulen abgebildet. Als Konkurrenz zu den vier deutschen islamischen Theologiezentren in Frankfurt, Münster, Osnabrück und Tübingen, will sich das Institut nicht verstehen, sondern als Ergänzung.

Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien, beschäftigt sich seit Jahren mit der Ideologie und Theologie der Muslimbruderschaft und steht Instituts-Gründung kritisch gegenüber: „Der Unterricht orientiert sich am Islamverständnis des 8. und 9. Jahrhunderts“, sagt Aslan, der die Lehrinhalte der IESH genauestens kennt. Die Theologie beinhalte keinerlei geistige Entwicklung und keine Orientierung für die Gegenwart. „Die Institute professionalisieren die Isolation und fördern Parallelgesellschaften“, erklärt Aslan.

Dozenten aus Saudi-Arabien werden abgelehnt

50 Studenten hat das Frankfurter Institut, davon 20 Fernstudenten. Sie sind zwischen 19 und 70 Jahren alt – 80 Prozent von ihnen sind weiblich, berichtet Hussein. Zudem gibt es weitere 30 Studenten in Berlin und München, die am Wochenende unterrichtet werden. Die meisten sind arabischstämmig, da der Unterricht ausschließlich in arabischer Sprache erfolgt. Es gibt zwei Arabischlehrer und zehn Islamlehrer. Bis auf Studiendekan Abu-Obaida Ali arbeiten sie auf Honorarbasis. Die Dozenten haben in Ägypten, Marokko, Jemen, Malaysia oder Indien „mindestens den Master“ gemacht, sagt Hussein, der aus dem Jemen stammt. Lehrer aus Saudi-Arabien werden aufgrund der dort vorherrschenden wahabitisch-salafistischen Lehre abgelehnt. Ausgewählt werden die Dozenten vom Ägypter Khaled Hanafy, der den wissenschaftlichen Teil des Instituts leitet . Hanafy ist Imam des Islamischen Informations- und Servicezentrum (IIS) in Frankfurt.

Voraussetzung für ein Studium ist entweder ein Hochschulabschluss, ein Realschulabschluss plus abgeschlossener Ausbildung oder den Koran auswendig zu können. Wer das nicht vorweisen kann, darf trotzdem am Unterricht teilnehmen, bekommt aber kein Zertifikat.

Das Budget des Instituts von monatlich rund 10 000 Euro kommt laut Hussein zu 60 Prozent von den Studiengebühren, der Rest seien Spenden von muslimischen Vereinen und Privatpersonen. Ein Semester kostet 600 Euro, das Semester im Fernstudium 400 Euro. „Nach dem dreijährigen Grundstudium, das vom Umfang den Bachelor ähnelt, könnten sie Aufgaben in ihren Moscheegemeinden übernehmen“, sagt Hussein.

Abschluss noch ohne Anerkennung

Einen Bachelorabschluss könnten die Studenten und Studentinnen nur erlangen, wenn die Hochschule staatlich anerkannt wird. Doch dafür müsste das Institut sechs Professoren-Stellen vorweisen können oder Zweigstelle einer bereits anerkannten Universität sein.

Ersteres wird aufgrund der Kosten nicht möglich sein. Doch Studenten haben noch die Möglichkeit ihren Abschluss an der Frankfurter Islamhochschule von einer arabischen Universität anerkennen zu lassen und dann dort ihr Studium fortzusetzen. Institutsleiter Hussein befindet sich darüber bereits in Gesprächen mit einer Universität in Tunesien.

„Die Abschlüsse an den Instituten in Frankreich und Großbritannien werden bereits in arabischen Ländern anerkannt und ausgestellt“, sagt Muslimbruderschaftsexperte Ednan Aslan.

Er geht davon aus, dass es auch dem Frankfurter Institut gelingen wird, seinen Abschluss an arabischen Universitäten anerkennen zu lassen. „In den deutschen Theologiezentren muss man deshalb vorsichtiger bei der Auswahl der Lehrer mit Abschluss aus dem Ausland sein“, warnt Aslan.

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