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15. November 2012

Frankfurter Goethe-Universität: Onkel Dagobert als Forschungsobjekt

 Von Astrid Ludwig
Baden im Geld wie Dagobert Duck. Foto: Goethe-Uni/Disney

Literaturwissenschaftler Bernd Dolle-Weinkauff kennt den wahren Charakter der Comic-Helden und ihre Historie. Er ist der einzige Comic-Forscher Frankfurts.

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Es gibt Dinge, die wiederholen sich einfach in jeder Generation. Als Bernd Dolle-Weinkauff zur Schule ging, schenkten ihm seine Eltern „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas. Nicht die gebundene Romanausgabe, sondern ein Heft aus der Reihe „Illustrierte Klassiker“. Das war die Antwort der Intellektuellen auf die Schundliteratur, die da aus den USA in die Kinder- und Jugendzimmer schwappte. Shakespeare, Goethe und Co statt Disney’s Donald und Dagobert.

„Comics galten als anrüchig“, sagt Dolle-Weinkauff. Sie standen auf dem Index, fielen in den 50er Jahren unter den Jugendschutz. Erst recht in einem Deutschland, das gerade Nationalsozialismus und Krieg hinter sich gelassen hatte. Der „amerikanische Dreck“, die verruchten Heftchen, förderten angeblich die Jugendkriminalität, und lesen könnten die Kinder bestimmt auch nicht mehr, wenn sie erst einmal zu viele davon konsumiert hätten. Kommt einem irgendwie bekannt vor? „Das Gleiche sagt man heute von Computern und Computer-Spielen“, sagt Dolle-Weinkauff.

Gelesen hat er sie damals natürlich trotzdem, die geschmähten Heftchen – im Schulbus oder unter der Bettdecke. Und geschadet hat es ihm auch nicht. Es war eher prägend. Der 60-Jährige ist Literaturwissenschaftler geworden, hat seinen Doktor gemacht. Dolle-Weinkauff arbeitet am Institut für Jugendbuchforschung an der Frankfurter Goethe-Universität. Donald und Dagobert haben ihn nie losgelassen.

Wandelndes Comic-Lexikon

Heute ist er international bekannt und der einzige Comic-Forscher in Frankfurt. 2005 hat Dolle-Weinkauff die deutsche Gesellschaft für Comicforschung „ComFor“ mitbegründet. Ach ja, und richtige Bücher hat er auch verfasst – über die „Geschichte des Comics in Deutschland seit 1945“.

So kam er auch ans Institut für Jugendbuchforschung. Die Historie der Comics zu ergründen und aufzuschreiben, war Mitte der 80er Jahre ein Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Auch Literaturwissenschaftler fassten Comics noch mit spitzen Fingern an, „aber es stellte sich langsam ein Mentalitätswandel ein“, erinnert sich der Forscher.

Bernd Dolle-Weinkauff im Comic-Archiv der Goethe-Uni.
Bernd Dolle-Weinkauff im Comic-Archiv der Goethe-Uni.
Foto: Michael Schick

Dolle-Weinkauff ist heute ein wandelndes Comic-Lexikon. Er kennt die Anfänge in den USA von 1897, als Rudolph Dirks mit „Hans und Fritz“ und den „Katzenjammer-Kids“ die ersten Bildergeschichten mit Sprechblasen schuf. Und Wilhelm Busch zählt er als entfernten Ahnherrn irgendwie auch dazu. Seine Texte mit den Zeichnungen der bösen Lausbuben Max und Moritz waren international bekannt und Inspiration vielleicht auch für Dirks und alle, die danach kamen.

Inbegriff des Comics sind jedoch für die meisten nach wie vor die Disney-Figuren Micky Maus und Donald und Dagobert Duck. 1944 erfand Carl Barks das legendäre Duckburgh und seinen schrulligen Protagonisten Scrooge McDuck. Ein schottischer Geizhals aus Entenhausen, der erst 1951 von der langjährigen deutschen Übersetzerin der Micky-Maus-Hefte, Erika Fuchs, in Dagobert Duck umbenannt wurde. In den Anfängen, berichtet Dolle-Weinkauff, war Dagobert eher der verschrobene Misanthrop im grünen Hausgewand.

„Sein Charakter war durchaus noch nicht fertig“, sagt der Frankfurter Forscher, der Dagoberts Wandlungen genau verfolgt hat. Es gab sogar Geschichten, in denen er der nette Opa war, der seinen Neffen um Hilfe bittet, nicht der heimtückische Griesgram. Erst im Laufe der Zeit bildete sich daraus die einheitliche Seriengestalt des reichen und unangenehmen Zeitgenossen, der nichts lieber tut, als im Geld zu baden.

„Barks musste Dagoberts Verhalten zum Geld erst entwickeln.“ Orientiert habe er sich an Charles Dickens viktorianischer Figur des Ebenezer Scrooge aus der Erzählung „A Christmas Carol“ von 1843. Den typischen Kapitalisten sieht Dolle-Weinkauff in Dagobert nicht. „Ein Kapitalist gibt sein Geld für Autos, Villen oder ähnliches aus. Dagobert hortet es, und es gibt keine einzige Geschichte, wo er sein Geld für etwas ausgibt.“

Forscher hütet Schatz im Keller

Wie Dagobert Duck hütet übrigens auch Dolle-Weinkauff einen Schatz in seinem Keller – vielmehr in seinem Institut. Als er die Tür im Untergeschoss des IG-Farben-Hauses öffnet, grinst erst einmal Alf, der Außerirdische, Besucher an. Das Plüschtier aus der US-Serie haben Studenten an eines der Regale gehängt. Dahinter liegen Karton auf Karton, reihen sich Heft an Heft, gebundene Hardcover an komplette Gesamtausgaben. Regalweise Lucky Luke, Flash Gordon, Spider-Man, Micky Maus, Tim und Struppi oder Mangas. Die japanischen Comics sind der Renner bei jungen Leuten und auch bei Dolle-Weinkauff. Mangas seien innovativ, griffen aktuelle Konflikt-themen auf, sagt der Forscher. „Die junge Generatioin will nicht ewig von den Klassikern der Eltern und Großeltern leben.“

Mangas nehmen daher auch im Archiv viel Platz ein. Insgesamt stapeln sich hier rund 60.000 Medien, Bücher, Hefte auf engstem Raum. Es ist die älteste und größte Comic-Sammlung Deutschlands.

Die Sammlung existiert seit 1963, das Archiv seit 1990. „Einmalig in Deutschland“, sagt Dolle-Weinkauff. Und offen für alle Bibliotheksnutzer der Goethe-Universität, für Doktoranden und Forscher. Es darf geschmökert werden. „Nur mitnehmen dürfen Besucher nichts“, sagt er.

Seinen Kindern hat Dolle-Weinkauff die Leidenschaft für Comics übrigens nicht vererbt. Sie haben Jura und Ingenieurwesen belegt. Das Interesse bei seinen Studenten an der Goethe-Uni ist indes ungebrochen. Mittlerweile muss der Forscher alle seine Comic-Kurse für mehr als hundert Studenten doppelt geben. „Die Nachfrage ist kaum zu befriedigen“, freut er sich.

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