kalaydo.de Anzeigen

Frankfurter Kunstverein: Ein Amt für drei Tage

Wie bildet sich eine gesellschaftliche Ordnung heraus? Antwort auf diese Frage gibt die Ausstellung „Demonstrationen“ - eine Kooperation von Universität und Kunstverein.

        

Kein Treppenwitz: demonstrative Dimension des Banners.
Kein Treppenwitz: demonstrative Dimension des Banners.
Foto: A. Arnold

Sie haben einen Umbruch in Ihrem Leben zu bewältigen und wissen nicht wie? Frankfurt hilft – als höchstwahrscheinlich erste Stadt der Welt mit einem „Amt für Umbruchsbewältigung“. Aber nur für kurze Zeit: vom 27. bis 29. Januar.

Ausstellung

„Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“: 20. Januar bis 25. März im Steinernen Haus, Markt 44; Dienstag bis Freitag ab 11 Uhr, Wochenende ab 10 Uhr geöffnet, bis 19 Uhr (Mittwoch 21 Uhr); Eintritt 6 (4) Euro.

Das komplette Programmheft mit allen Terminen, auch der Performances und der Vorträge auf dem Campus Westend, ist dort erhältlich.

Amt für Umbruchsbewältigung: Freitag, 27. Januar, von 21 bis 23 Uhr, Samstag 15 bis 19, Sonntag 16 bis Uhr (im Presseamt der Stadt, Römerberg 32).

Mehr Infos: www.fkv.de (Telefon 2193140), www.normativeorders.net

Was wie ein schräger Einfall aus einem Monty-Python-Film klingt, ist alles andere als ein Gag. Vielmehr ist es der wohl spektakulärste Aspekt der Ausstellung „Demonstrationen“, die von heute an im Frankfurter Kunstverein läuft und auf einer Zusammenarbeit beruht mit der Goethe-Universität, genauer: dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Kunst und Uni, das passt sehr wohl zusammen, wie bei der Präsentation der Schau mit dem ebenfalls sperrig klingenden Untertitel „Vom Werden normativer Ordnungen“ klar wurde. Cluster-Sprecher Peter Siller erläuterte, dass es um alles andere gehe als die Pflege des wissenschaftlichen Elfenbeinturms: „Wir wollen die Forschung hinaus in die Bürgergesellschaft tragen.“ Ein wesentlicher Teil davon ist, sagte der Direktor des Kunstvereins, Holger Kube Ventura, den „sehr wissenschaftlichen Begriff“ der normativen Ordnungen zu „übersetzen“.

Das genau ist das Stichwort für Siller. Eigentlich gehe es um etwas sehr Einfaches: „Warum denken wir, wir sollten so oder so handeln in einer bestimmten Situation?“ Oder, nur geringfügig komplexer gefasst: Wie bildet sich eine gesellschaftliche Ordnung heraus? Damit befassen sich die 180 Forscher des geisteswissenschaftlichen Exzellenzclusters seit vier Jahren. Die „Demonstrationen“, so Siller, könne man als ein „Zwischenergebnis“ betrachten.

Er wertet die Schau als „doppelten Glücksfall“ für die Universität. Durch den Dialog mit der Kunst ergäben sich neue Perspektiven, und der Ort mitten in der City sei ideal. Die Frankfurter Spitzenforschung ist, trotz so spektakulärer Erfolge wie jüngst der Vergabe des hoch dotierten Leibniz-Preises an Professor Rainer Forst, einer breiteren Öffentlichkeit wenig bekannt. Mit der Ausstellung (und dem Amt für Umbruchsbewältigung) könnte sich das ändern. Die rund 50 beteiligten Wissenschaftler und die Kuratoren haben es geschafft, den sperrigen Gegenstand auf griffige Bilder zu verdichten. Bilder, die zum Teil zum kollektiven Gedächtnis gehören. Goyas „Erschießung der Aufständischen“ etwa, die Germania als Leitfigur der 48er-Revolution oder auch eine ritualisierte Form von Machtdemonstration, wie sie in den Kupferstichen der Kaiserkrönungen zu Frankfurt aufscheint.

Der Historie haben die Macher Bilder, Videos und Installationen aus dem Umfeld allerjüngster revolutionärer Ereignisse gegenübergestellt; arabische Welt und G8 sind Stichworte dafür. Begleitend laufen Performances in der halben Stadt. Ein Brückenschlag über die Jahrhunderte, der Parallelen aufzeigt und „Inspiration für aktuelle Fragen“ bringt, so Siller. Es wird sichtbar, „welch legitimierende Kraft Bilder haben“. Allerdings, räumt er ein, sei der „diskursive Anteil“ recht hoch, sprich: Es gibt einen 480 Seiten starken Ausstellungskatalog, der die Bilderwelt mit viel Text aufarbeitet und so erst wirksam zum Sprechen bringt.

Erheblich weniger diskursiven Anteil dürfte das Amt für Umbruchsbewältigung verlangen. Obwohl das für die Wissenschaftler der wohl anstrengendste Teil der Veranstaltung werden dürfte. Drei Tage lang bieten sie den Bürgern persönliche 20-minütige Gespräche an, reden über Gerechtigkeit, Anerkennung im Arbeitsleben oder über Islam und Geschlechtergleichheit. Kooperationspartner ist das städtische Presseamt, das dafür auch seine Räume zur Verfügung stellt. Vielleicht lässt sich dort ja auch die Handvoll Occupy-Aktivisten beraten, die vor den Türen des Kunstvereins mit Flugblättern demonstrierten. Sie sehen in der Ausstellung „die Gefahr der Musealisierung des Protests“.

Autor:  Alexander Kraft
Datum:  20 | 1 | 2012
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Frankfurter Zoo
Bonobo-Dame im Frankfurter Zoo

Gorilla-Damen, Giraffe & CD. Die FR ist live im Zoo dabei - und hält Sie auf dem Neuesten.

Aus dem Gericht

FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.

Spezial

Mit neuen Ideen und Kreativität stellt sich die Szene den steifen Bürokraten.

Video