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04. Dezember 2012

Gastvortrag: Obama, der Antichrist und die Apokalypse

Erscheint fundamentalistischen Christen in den USA als personifizierter Teufel: Präsident Barack Obama.Foto: REUTERS

Der Historiker Matthew Sutton hat den christlichen Fundamentalismus in den USA erforscht. Nun präsentiert er seine Thesen an der Goethe-Uni.

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Herr Sutton, Sie sind Professor für Geschichte an der Washington State University. Diesen Mittwoch halten Sie einen Vortrag an der Goethe-Uni. Was hat Sie hierhin geführt?

Dieses Semester unterrichte ich  am University College Dublin in Irland mit einem Fulbright Stipendium. So hatte ich schon zahlreiche Gelegenheiten durch Irland und Europa zu reisen und Vorträge über meine Forschungsgebiete zu halten. In Frankfurt war ich bisher nur kurz auf der Durchreise nach Heidelberg, aber ich bin gespannt darauf die Stadt diese Woche näher zu erkunden.

Hatten Wissenschaftler der Goethe-Uni Interesse, mit Ihnen zu kooperieren?

Ja, ich habe schon mit dem Amerikanisten  Thomas Clark vom Institut für England- und Amerikastudien hier an der Goethe-Uni zusammengearbeitet.  Clark unterrichtet  politische Ideengeschichte, hat aber auch eine Vertretungsprofessur an der Uni Münster gehalten, wo es einen  Exzellenzcluster Religion und Politik gibt, an dem auch Amerikahistoriker beteiligt sind. Daraus erklärt sich das Interesse an meiner Forschung und so  kam auch die Einladung zum Vortrag zustande. Mein Thema ist, denke ich, für Europäer von großem Interesse, weil sie oft ratlos vor der tief wurzelnden Verschränkung von Politik und Religion in den USA stehen.

Furcht vor dem Staat

Thema Ihres Vortrags sind religiöse Gruppierungen, die im US-Präsidenten den Antichristen ausgemacht haben. Worum geht es genau?

Ich erforsche das Aufkeimen des christlichen Fundamentalismus mit seiner apokalyptischen Dimension vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Ein Großteil derer, die ich erforscht habe, glauben jedoch nicht daran, dass der amerikanische Präsident der Antichrist ist wie er in der Bibel beschrieben wird. Was sie jedoch glauben, ist, dass gemäß der biblischen Apokalypse in den letzten Tagen ein großer religiöser wie sozialer Anführer die Macht innehaben wird. Er wird demnach aus der Region des alten römischen Reiches stammen und die meisten Nationen hinter sich vereinen. Einige amerikanische christliche Fundamentalisten befürchten jedoch, dass im Zuge eines politischen Machtzuwachs in Washington und engerer Kooperationen des Präsidenten mit Institutionen wie der UN, Amerika schlussendlich seine Souveränität verlieren wird. An diesem Punkt, so die Vorstellung, wird Amerika sich dem Antichristen anschließen, wer auch immer das sein mag.

Mensch und Vortrag

Matthew Avery Sutton ist Professor für Geschichte an der Washington State University in Pullman, USA. Seine Schwerpunkte sind die US-Geschichte des 20. Jahrhunderts, Kultur- und Religionsgeschichte. Sutton hat derzeit den prestigeträchtigen Mary Ball Washington Lehrstuhl des University College Dublin in Irland inne.

Sein Vortrag „The Antichrist and the Rise of the American Christian Right“ organisiert vom Institut für England- und Amerikastudien findet in englischer Sprache am Mittwoch, den 5.12. um 18:15 Uhr an der Goethe-Universität am Campus Westend, Grüneburgplatz 1, im IG Nebengebäude in Raum NG 2.731 statt.  

Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden?

Im Zuge meines ersten Buches „Aimee Semple McPherson and the Resurrection of Christian America” wurde mir bewusst, dass diese apokalyptischen Tendenzen tief in vielen Aspekten der amerikanischen Kultur verankert sind. Ich fing an zu verstehen, woher diese Tendenzen kamen, wie sie sich über die Zeit entwickelt haben und wie sie durch den amerikanischen Evangelikalismus zum Ausdruck kamen.

Spielt in der aktuellen Politik der Antichrist eine Rolle?

Ja, ich denke schon. Als ich mit diesem Projekt begann, fing ich an zu verstehen, warum konservative Christen, die eine enorme politische Macht in den letzten Dekaden erreichten, die Macht des Staates fürchten. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ihre Theologie und vor allem Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sie dafür empfänglich machten, die Regierung als von grundauf böse zu betrachten, anstatt sie als Mittel zu verstehen, das sowohl für Gutes wie Schlechtes instrumentalisiert werden kann.

Zerstörung gepredigt

Barack Obama ist nun als neuer Antichrist auserkoren. Weshalb?

Tatsächlich glauben nur sehr wenige amerikanische Christen daran, dass Obama der Antichrist sei. Das ist eine verschwindende Minderheit. Allerdings gibt es viele konservative Christen, die wegen fadenscheiniger Theorien um Obamas Geburt, seinem Glauben an die Macht des Staates und seinen internationalen Bemühungen dieses als Vorankündigung des Antichristen interpretieren. Sie glauben, das Obama, wie auch Franklin Roosevelt und andere Präsidenten vor ihm, die USA für die Endzeit vorbereiten, was letztendlich im großen apokalyptischen Kampf von Armageddon enden wird.

Von welcher Größenordnung ist bei dieser apokalyptischen Bewegung auszugehen?

In Bezug auf Zahlen, ist das schwer zu beziffern. Ich erforsche vielmehr ihre Geschichte und die dahinter stehenden Konzepte als ihre Soziologie. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass der apokalyptische Gedanke in signifikanten Teilen der größeren evangelikanischen Bewegung in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat. Als Evangelikale mehr an Einfluss gewannen, besonders unter der Präsidentschaft George W. Bushs, waren sie eher dazu geneigt ihren Schwerpunkt darauf zu legen, die Welt aus ihrer Sicht zu verbessern als Zerstörung und Untergang zu predigen.

Historiker Matthew Sutton.
Historiker Matthew Sutton.

Was mit Bushs Rhetorik, die Welt in Gut und Böse einzuteilen und seinem religiös motiviertem Rachefeldzug, sie in ihrer Apokalyptik nur noch bestärkt haben sollte.

Genau. Beides passierte bei Bush zur gleichen Zeit. Einerseits bekamen Evangelikale mehr Macht als je zuvor und andererseits hat sie die Bedrohung des radikalen Islams in ihren apokalyptischen Vorstellungen nur noch bestärkt.  

Keine große Gefahr

Stehen nun wegen dem apokalyptischen Hype um den 21. Dezember Obama schwere Zeiten bevor?

Ich bezweifele das. Ich vermute, dass der 21. Dezember keinen sonderlich großen Einfluss auf die amerikanische Politik haben wird. Nichtsdestotrotz nährt die Popularität der Maya-Vorhersage über das Ende der Welt das apokalyptische Denken der Amerikaner.

Wie gefährlich ist diese Bewegung für die Demokratie?

Das Schöne an der Demokratie ist, dass all diese Randgruppen kommen und gehen, einige erreichen etwas Macht, die meisten jedoch nicht. Ich denke nicht, dass diese der Apokalypse gesinnten Gläubigen eine große Gefahr darstellen.

Ist dieses Phänomen ein typisch amerikanisches oder auch in anderen Ländern denkbar?

Es ist ziemlich speziell im US-Kontext zu sehen, doch da sich der amerikanische Evangelikalismus auf dem Globus ausgebreitet hat, ist ein Anstieg dieses apokalyptischen Gedankenguts zu verzeichnen.

Würde Angela Merkel einen adäquaten Antichristen abgeben?

Das ist schwer für mich zu beantworten. Ich gerate schon genug in Schwierigkeiten, wenn ich mich zur amerikanischen Politik äußere. Das sollen lieber die Deutschen entscheiden, ob Merkel eher der Typ Antichrist oder ein Engel des Lichtes ist.

Interview: Björn Eenboom

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