Hakenkreuze, Hitlergrüße, Hasstiraden: Mit einem „Köfferchen voller Patentrezepte“ kann der Marburger Politikwissenschaftler Reiner Becker nicht dienen. Der 40-Jährige leitet die an der Philipps-Universität angesiedelte Landeskoordinierungsstelle, die mobile Intervention gegen Rechtsextremismus bietet. 25 Berater des Netzwerks reisen in Dörfer und Schulen, zu Vereinen, Eltern und Opfern, wenn rechte Parolen gegrölt, Ausländer angepöbelt oder Linke zusammengeschlagen werden.
Der promovierte Experte kennt das Problem nicht nur aus dem akademischen Elfenbeinturm. Er stammt aus Oberscheld, einem ehemaligen Bergmannsdorf bei Dillenburg, das vor zwölf Jahren zu einem Szenetreff für rechtsextreme Jugendliche wurde. Mit Lichterketten und Konzerten gegen rechts zu reagieren, schien den Dorfbewohnern damals nicht passend. Schließlich waren es Nachbarsjungen, die da in Springerstiefeln und Bomberjacken vor dem Kriegerdenkmal standen. Altgediente Vereinsvorsitzende stellten selbstkritisch fest, dass sie wohl etwas falsch machen, wenn sie die Jugendlichen mit ihrer Arbeit nicht mehr erreichen.
Wer sich beraten lassen möchte, kann sich unter Tel. 06421-2821110 oder www.beratungsnetzwerk-hessen.de melden. Das Netzwerk verspricht schnelle, unbürokratische, kostenlose und vertrauliche Hilfe.
Besonders viele Beratungsfälle in Hessen gab es in der Vergangenheit im ländlichen Raum, vor allem im Schwalm-Eder-Kreis, im Vogelsberg und an der Bergstraße.
Zahlreiche Organisationen von den Ausländerbeiräten über das Landeskriminalamt bis zu Jugend-projekten unterstützen das Netzwerk bei seiner Arbeit.
Becker gehörte dann zu denen, die eine neue, offene Jugendarbeit mit eigenem Jugendraum aufbauten. Den rechten Treffpunkt am Denkmal gibt es heute nicht mehr. Ein Thema muss der Rechtsextremismus trotzdem bleiben, meint Becker: „Das Problem ist keine Eintagsfliege.“
Solche Dörfer gehören heute zu den typischen Fällen der mobilen Helfer gegen Rechtsextremismus. Die Berater sind Pädagogen, Sozialwissenschaftler und Theologen, die eine Zusatzausbildung – etwa als Mediatoren – haben. Sie fragen danach, wie so eine Szene entstehen kann. „Die Jugendlichen geben oft das wieder, was sie in der Dorfschänke hören“, weiß Becker. Zudem kennen die Ortsansässigen Rechtsextreme auch als nette, hilfsbereite Jungs. „Da hilft der empörte Zeigefinger von außen überhaupt nicht“, sagt der Wissenschaftler.
Besonders häufig melden sich Lehrer und Schulen bei der vom Bund finanzierten Koordinierungsstelle. Rund 50 Schulen wurden seit der Gründung des Netzwerks in 2007 beraten. Da geht es etwa um rechte Parolen im Geschichtsunterricht, um NPD-Werbung vor dem Schultor oder verprügelte Migranten.
„Schulen neigen manchmal zu Extremen“, weiß Becker. Auf der einen Seite wollen sie das Thema unter dem Deckel halten, weil sie um den Ruf der Schule fürchten. Auf der anderen Seite gibt es mitunter schon Schulverweise für ein Hakenkreuz auf dem Schultisch.
Becker rät eher dazu, nach den Motivationen des Schülers zu fragen. Ist er auf dem Weg in den Rechtsextremismus? Wie könnte das verhindert werden? Wie können Opfer geschützt und das Schulklima verbessert werden? „Solche Beratungsprozesse sind langwierig“, berichtet er. Meist ziehen sie sich über Wochen und Monate hin, reichen von Fortbildungen über die Symbole des Rechtsextremismus bis zu konkreten Handlungsstrategien. Die Beratungen sind selbstverständlich vertraulich.
Oft werden auch Vereine betreut, vor allem Sportler und Feuerwehrleute. Manchmal geht es um Fans, die mit fremdenfeindlichen oder antisemitischen Parolen gegen Spieler nichtdeutscher Herkunft vorgehen. Oder es stellt sich heraus, dass ein Jugendtrainer oder Mitglieder bei der NPD aktiv sind. Funktionäre mit rechtsextremer Gesinnung müssten meistens gehen, sagt Becker. Bei einfachen Mitgliedern sei dies anders.
Besonders sensibel ist die Unterstützung von Eltern, deren Kinder in die rechte Szene abrutschen. „Sie stecken in einem enormen Dilemma“, sagt Becker: „Sie können die Einstellung ihres Kindes nicht akzeptieren, wollen es aber nicht verlieren.“
Von einem NPD-Verbot hält der Politikwissenschaftler übrigens wenig. Die Einstellung der Menschen ändere sich dadurch nicht. Becker: „Wir müssen uns fragen, was die NPD vielerorts so attraktiv macht.“