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Campus
Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

09. Oktober 2014

Goethe-Universität: „Mission Impossible“

 Von 
Nikita Dhawan wechselt vom Frankfurter Exzellenzcluster an die Uni Innsbruck.  Foto: Alex Kraus

Nikita Dhawan, Professorin für Politikwissenschaft, verlässt die Frankfurter Goethe-Universität. Die Inderin erforscht, wie sich europäische Normen und Vorstellungen durch den Kolonialismus global durchgesetzt haben. Sie fordert, die Hochschulen zu dekolonisieren.

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Vom Kolonialismus geprägte Denkmuster seien bis heute vorherrschend, wenn sich die Forschung mit den Ländern des globalen Südens beschäftigt, sagt Nikita Dhawan. Als Juniorprofessorin in Frankfurt habe sie versucht, postkoloniale Theorie in der deutschen Hochschullandschaft zu verankern. Seit Anfang Oktober ist sie Professorin in Innsbruck und befürchtet nun, dass der Schwerpunkt in Frankfurt verloren geht. Als Dhawan die Stelle am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Uni 2008 antrat, hat sie das Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies (FRCPS) gegründet. Ein Beitrag zu dem, was die indische Feministin „Dekolonisierung der Universität“ nennt.

Das FRCPS sollte nicht-eurozentristischen kritischen Theorien zu Aufmerksamkeit verhelfen, sagt Dhawan. Sie hat gemeinsam mit María do Mar Castro Varela die erste Einführung in postkoloniale Theorie geschrieben. Eine eigene Bibliothek habe das Zentrum zusammengestellt, international diskutierte Wissenschaftlerinnen wie Gayatri Chakravorty Spivak, Judith Butler und Angela Davis nach Frankfurt eingeladen, und Lehrveranstaltungen abseits des Mainstreams geboten. Mitunter kamen bis zu 250 Studierende in die Seminare, um über Dhawans, auch unter linken Studierenden nicht unumstrittenes Verständnis, politischer Theorie zu diskutieren.

Europa provinzialisieren

„Es kommt darauf an zu reflektieren, dass europäische Normen und Vorstellungen durch den Kolonialismus global durchgesetzt wurden“, sagt sie über postkoloniales Denken. Mit einer einfachen Zurückweisung der Ideen der Aufklärung habe ihr Ansatz jedoch nichts gemein. Man müsse Europa provinzialisieren. Dazu gehöre, „anzuerkennen, dass der Kontinent kein Monopol in der Wissensproduktion hat“. Nicht zuletzt in Deutschland sei die koloniale Vergangenheit und ihr Nachwirken ernst zu nehmen.

Dhawan wurde 1972 in Bombay geboren. Ihren Vorname hat sie zu Ehren Nikita Chruschtschows bekommen. „Ein russischer Männername für eine indische Frau – der ‚Gender Trouble‘ fing bei mir früh an“, sagt sie lachend. Schon als Studentin beschäftigte sie sich mit deutscher Philosophie, kam später nach Bochum, um zu promovieren. Auf die Stelle in Frankfurt bewarb sie sich aus New York, wo sie an der Columbia University Visiting Scholar war.

Als Dhawan einen Ruf an die Universität Innsbruck erhielt, nahm sie mit der Frankfurter Uni Verhandlungen auf. Trotz der Unterstützung des Exzellenzclusters, des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und der Studierendenvertretung habe die Universität ihr keine unbefristete Stelle angeboten, sagt Dhawan. „Das kommt leider auch der Demontage des FRCPS gleich.“ Dieses bestehe zwar zunächst noch fort, eine Verstetigung habe aber nicht erwirkt werden können. „Damit wurde die Chance verpasst, postkoloniale Perspektiven fest in Frankfurt zu etablieren.“

Uni bedauert Weggang

Dhawan sei „im Rahmen der universitären Möglichkeiten“ ein Angebot vorgelegt worden, teilt das Präsidium mit. Man bedauere, dass die Uni „eine hervorragende Wissenschaftlerin verliert“. Auch das Exzellenzcluster beklage Dhawans Weggang, sagt Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Sprecher des Clusters. Sie habe „ein international sichtbares Forschungszentrum aufgebaut und in Forschung und Lehre großen Erfolg gehabt“. Der Dialog zwischen der Kritischen und der postkolonialen Theorie habe sich als „sehr fruchtbar erwiesen“. Die Fachschaft kritisiert indes, dass Interessen des Fachbereichs vom Präsidium „ignoriert und übergangen“ wurden.

Nachvollziehen kann Dhawan die Entscheidung nicht. Bisher habe die Uni das FRCPS unterstützt, jetzt hätten „die Früchte geerntet werden können“. Auch ökonomisch, mache das keinen Sinn. Es werde zwar immer von Internationalisierung und Diversity geredet, aber Professorenschaft und Lehrinhalte seien doch recht homogen. Für innovative Perspektiven gäbe es in Deutschland zwar manchmal Anschubfinanzierungen, aber sie könnten sich selten etablieren. Dieser „Widerstand gegen nicht-eurozentrische kritische Theorien“ müsse grundsätzlich diskutiert werden.

Obwohl Dhawan eine grundsätzliche Veränderung im deutschen Hochschulsystem als „Mission Impossible“ begreift, sei es wichtig, dass das FRCPS seine Arbeit bis 2016 mit der Unterstützung des Exzellenzclusters fortsetze. „Ich halte es mit dem marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci: Was wir brauchen ist ein Pessimismus des Verstandes, einen Optimismus des Willens.“

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