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Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

04. Dezember 2013

Goethe-Universität Frankfurt: Angela Davis lehrt an Goethe-Uni

 Von Hadija Haruna
Immer kritisch und wachsam: US-Bürgerrechtlerin Angela Davis.  Foto: peter-juelich.com

Einst gehörte Angela Davis zu den zehn meist gesuchten Verbrechern der USA. Ihr Vergeben: Sie setzte sich für politische Gefangene ein. Jetzt lehrt die US-amerikanische Bürgerrechtlerin als Gastprofessorin für wenige Tage an der Goethe-Universität Frankfurt.

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Frankfurt. –  

Angela Davis studierte unter Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Ihr Einsatz für politische Gefangene machte sie in den 1970er Jahren in den USA zu einer der zehn meist gesuchten Verbrecher. Jetzt ist die emeritierte Professorin und Vorbild der weltweiten schwarzen Bewegung für eine Gastprofessur in Frankfurt.

Nach fast 45 Jahren ist Angela Davis zurück. Für wenige Tage lehrt sie an der Goethe-Universität Frankfurt, wo sie 1965 bis 1967 Philosophie und Soziologie studierte. Mit mehreren öffentlichen Vorträgen und Diskussionen und einem uni-internen Blockseminar eröffnet die US-amerikanische Bürgerrechtlerin die nach ihr benannte Gastprofessur für internationale Gender und Diversity Studies. Christelle Ngnoubamdjum ist eine der wenige Studentinnen, die es geschafft hat, sich einen Platz im dreitägigen Blockseminar bei Davis zu ergattern. „Die Veranstaltung war bei der Anmeldung morgens innerhalb weniger Minuten ausgebucht. Es ist eine einzigartige Chance von einer Professorin, Aktivistin und lebenden Legende direkt unterrichtet zu werden und auf dieser Ebene miteinander in Kontakt zu kommen“, sagt die 25-Jährige.

Davis, emeritierte Professorin der University of California, Santa Cruz, gilt als richtungsweisend für die weltweit geführte so genannte Race-Class-Gender-Debatte. Sie ist eine der wenigen bekannten Überlebenden der Bürgerrechtsbewegung, deren Vertreter wie Malcolm X oder Martin Luther King ermordet wurden. 1944 in den USA geboren, in schwerst rassistischer Zeit in Alabama aufgewachsen, kam sie als Jugendliche mit kommunistischen Gruppen in Kontakt und wurde früh zur Kämpferin gegen Rassismus und Kapitalismus.

1961 erhält sie ein Stipendium für die Universität Brandeis in Massachusetts und ist dort eine von wenigen schwarzen Studentinnen. Sie besucht Vorlesungen von James Baldwin und Herbert Marcuse, der ihr Mentor wird und ihr rät, zum Studieren nach Frankfurt zu gehen. Dort schließt sie sich in der heißen Phase der Studentenrevolte in Frankfurt dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an und nimmt an ersten Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg teil. Sie erlebt dabei auch den Rassismus der Nachkriegszeit in Deutschland, beispielsweise als die Zimmervermittlung in Frankfurt sagt, dass sie kein Zimmer für sie haben. „Wir bedauern, aber wir finden keine Räume für Ausländer, hießt es“, habe man ihr gesagt, erzählt Davis.

Kultfigur in der alten Bundesrepublik

An der Uni in Frankfurt arbeitet die damals 21-Jährige bei Adorno, Horkheimer, Habermas und Negt über Hegel und die Existenzialisten und greift die Marx’sche These auf, nach der die Philosophen die Welt bisher immer nur interpretiert hätten, es jedoch darauf ankomme, sie zu verändern. „Die Zeit hat mich und meine Entwicklung geformt. Vieles, was ich in Frankfurt gelernt habe, hat mir dabei geholfen meine späteren Thesen im Bereich „gender, race and class“ zu formulieren“, sagt Davis. Doch als die schwarze Freiheitsbewegung in den USA 1967 ein neues Stadium erreicht, fühlt sie sich in Frankfurt abgeschnitten – auch stößt sie in ihrer theoretischen Arbeit an ihre Grenzen.

Davis will ihre akademische Arbeit fortsetzen, weiß aber, dass sie dies nur in Verbindung mit politischem Aktivismus tun kann und will. „Bis heute kann ich mir bei meiner Arbeit nur diese Kombination zwischen Wissenschaft und Aktivismus, zwischen Theorie und Praxis vorstellen“, sagt Davis. Um aktiv zu werden tritt sie nach ihrer Rückkehr dem Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) bei und wird kurzzeitig Mitglied der Black Panther Partei. 1968 tritt sie dem Che-Lumumba Club (CPUSA) bei, einer schwarzen Zelle der Kommunistischen Partei der USA. An der University of California in San Diego schließt sie bei Marcuse ihr Studium ab. Ihr Vertrag als Dozentin wird ihr 1970 gekündigt, nachdem ihre Mitgliedschaft in der CPUSA bekannt wird. Auch den SNCC verlässt sie, als ihre politische Arbeit dort zum Problem wird.

Dann ihr Gefängnisaufenthalt. 1973 wird sie unter falscher Beschuldigung wegen Mord, Entführung und Verschwörung in den USA angeklagt und bleibt zwei Jahre in Untersuchungshaft, bevor sie in allen Anklagepunkten freigesprochen wird. Die weltweite Solidaritätsbewegung „Free Angela Davis“ gibt ihrem Fall internationale Bekanntheit. Davis wird zu einem Symbol für den Widerstand der Schwarzen in allen Ländern der Erde.

In der alten Bundesrepublik und insbesondere in der ehemaligen DDR wird sie zur Kultfigur. Unter dem Motto „Eine Million Rosen für Angela Davis“ schicken ihr tausende Menschen Postkarten mit Rosen ins Gefängnis. „Das war einer der bewegendsten Momente in meinem Leben, als immer mehr Säcke mit Karten von jungen Leuten bei mir ankamen. Es hat mir klar gemacht, dass dies Teil einer globalen Bewegung ist“, sagt Davis.

Befördert durch die weltweite Kampagne für ihre Freilassung vertritt Davis zu dieser Zeit eine verstärkt sozialistisch-internationalistische Überzeugung im afroamerikanischen Kampf für Gleichheit und Freiheit. „Seid kritisch, bleibt wachsam“, sagt sie bei einem ihrer Besuche in der DDR nach ihrer Entlassung zu Studenten in Magdeburg.

Armut durch Gefängnisse unsichtbar

Und wach ist Davis bis heute. Für alles, was in der Welt ungerecht und rassistisch zugeht. „Heute ist der Rassismus gefährlicher als zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung oder der Apartheid, weil er sich weltweit in den Strukturen festgesetzt hat – auch in einem postkolonialen Europa und Deutschland“, sagt Davis. Und das Thema Migration stelle dabei mehr den Dreh- und Angelpunkt dar.

Seit Jahren liegt das Hauptengagement von Davis in der Untersuchung des so genannten „Gefängnis-industriellen Komplexes“, der Verbindungen zwischen Unterdrückung aufgrund von „race, class and gender“ in Zeiten der Globalisierung in den USA und weltweit nachweist. So geht Davis beispielsweise davon aus, dass gesellschaftliche Probleme wie Armut, die politisch nicht mehr gelöst werden können, in die Gefängnisse verlagert und damit unsichtbar gemacht werden und sie liefert Erklärungen, warum mehr schwarze als weiße Menschen sich in Gefängnissen aufhalten. So entwickelte Davis in ihren Arbeiten Gedanken zum Kampf um eine Demokratie, die den Kampf gegen die Hinterlassenschaften der Sklaverei auch sozial zum Erfolg führt.

„Diese Sicht auf die Dinge will ich den Frankfurter Studenten im Seminar und Interessierten unter anderem näher bringen“, sagt Davis. „Critical Theory and Feminist Dialogues“, „Feminism & Abolition: Theories & Practices for the 21st Century“ und „Freedom is a Constant Struggle: Continuities and Closures“, lauten die Titel der drei Hauptveranstaltungen von Davis, für die man sich online bewerben musste.

Doch will Davis bei ihrem Besuch nicht nur lehren, sondern sich vor allem auch mit Aktivisten in Deutschland treffen und über Themen wie „Racial Profiling“ und Flüchtlingspolitik austauschen.

Auch die Studentin Christelle Ngnoubamdjum hofft, dass sie die Möglichkeit zu einem persönlichen Austausch bekommt. „Das erste Mal, als ich von Angela hörte, war ich 13 Jahre alt. Mein Bruder berichtete mir über ihr Leben. Diese Geschichten haben mich bei meiner Entwicklung als schwarzes Mädchen in Deutschland sehr geprägt“, sagt die 25-Jährige.

In vielerlei Hinsicht erfülle Angela Davis sicher nicht nur für sie eine Vorbildfunktion. „Eine Schwarze Frau, die ihren Weg gegangen ist, und sich den Strukturen der Gesellschaft, in der sie lebte nicht beugte, sondern dagegen ankämpfte und dies immer noch tut und das nicht nur lokal sondern auch die international sichtbar macht und weitergibt“, erklärt die Studentin.

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