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19. Februar 2013

Hasskriminalität: Wenn aus Hass Gewalt wird

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Oftmals werden die Taten von jungen, rassistisch motivierten Männern begangen. Foto: dpa

"Hate Crimes" sind Attacken, bei denen die Opfer nach ihrer Gruppenzugehörigkeit ausgesucht werden. Der Frankfurter Wissenschaftler Michael Fingerle erforscht diese Hasskriminalität.

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Neulich ist Michael Fingerle Bahn gefahren. Ihm gegenüber saß eine junge Frau mit türkischem Migrationshintergrund, die ein Kopftuch trug. „Da stiegen zwei Jungs ein, so kleine Steppke“, erzählt der 50-Jährige. „Und der eine sah die Frau an und meinte ,Hier stinkt’s‘.“ Außer ihm habe keiner der Fahrgäste die Jungen zurechtgewiesen, sagt Fingerle. „Dabei fängt es da schon an – und nicht erst, wenn jemand einen Amoklauf macht.“

Vorurteile und Ressentiments führen nicht nur zu Beleidigungen in der U-Bahn, sondern auch zu Gewalt. Michael Fingerle, Professor für Sonderpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt, hat im Rahmen des EU-geförderten Projekts „When Law and Hate Collide“ zu Gewalttaten geforscht, die durch Vorurteile motiviert sind. In den USA werden sie seit Jahrzehnten als „Hate Crime“ diskutiert, in Deutschland spricht man auch von „Hasskriminalität“.

Viele Punker machen bei Umfrage mit

Als Hate Crimes werden Angriffe bezeichnet, bei denen das Opfer nach seiner tatsächlichen oder vermeintlichen Gruppenzugehörigkeit ausgesucht wird. Die Aggression richtet sich nicht nur gegen konkrete Menschen, sondern auch gegen die Gruppe, die sie repräsentieren: Ausländer, Schwule und Lesben, Transsexuelle, Obdachlose und Menschen mit Behinderungen, aber auch Angehörige von Subkulturen – etwa Punks oder Emos.

Michael Fingerle ist Professor für Sonderpädagogik.
Michael Fingerle ist Professor für Sonderpädagogik.
Foto: Sascha Rheker

Hate Crimes treffen, kurz gesagt, Menschen, die vermeintlich von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Wie viele solcher Taten es in Deutschland gibt, ist schwer zu sagen, da sie nicht gesondert erfasst werden. Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte schätzt, dass es 2010 bundesweit 22.000 Hate Crimes gab, die meisten von jungen Männern begangen, viele darunter durch Rassismus motiviert.

Das Forschungsprojekt, dessen Ziel Empfehlungen für eine europaweite Politik gegen Hasskriminalität sind und dessen Ergebnisse zum Sommer vorliegen sollen, bestehe aus drei Teilen, erzählt Fingerle.

Juristen von der englischen University of Central Lancashire untersuchten die Rechtslage in den EU-Staaten, Wissenschaftler der Uni Göteborg dächten über die Probleme des Begriffs Hate Crime nach. Fingerle und seine Mitarbeiterin Caroline Bonnes haben potenzielle Opfer befragt. „Wir wollten herausfinden, was sie sich von Gesetzen, Institutionen und Gesellschaft an Unterstützung wünschen“, so Fingerle.

Dazu haben die Forscher potenzielle Opfer in einer Online-Befragung interviewt. Mehr als 600 haben an der ersten Studie dieser Art in Deutschland teilgenommen. 61 Prozent gaben an, schon einmal einen Übergriff erlebt zu haben. Die Teilnehmer seien vor allem Schwule und Lesben, sagt Fingerle, außerdem lern- und körperbehinderte Menschen. „Und wir hatten überraschend viele Leute aus der Punk-Szene. Irgendwie hat das bei den Punks gezündet.“

"Taten sollten zentral erfasst werden"

Die Forscher hoffen auf mehr Stimmen von Migranten – die Umfrage läuft noch. Trotzdem deuten sich schon erste Ergebnisse an. So sei es offenbar besonders traumatisch, Opfer von Hasskriminalität zu werden. Um das Erlebte zu verarbeiten, helfe es den Betroffenen, ein positives Bild von der eigenen Gruppe zu haben – daher seien Beratungsstellen und stärkende Communitys wichtig.

Außerdem, so Fingerle, müssten Polizei und Justiz Diskriminierung im Blick haben. „Oft ist die nächste Traumatisierung nach der Tat der Kontakt mit der Polizei.“ Viele Opfer berichteten, sie seien von den Beamten nicht ernst genommen und erneut diskriminiert worden – viele Taten würden deshalb gar nicht erst angezeigt.

Auch erste Politik-Empfehlungen kann Fingerle abgeben: Beratungsstellen und Anti-Gewalt-Projekte müssten gestärkt, Hate Crimes als Problem anerkannt werden. Daher sollten die Taten zentral erfasst werden, wie es in den USA und England schon üblich ist: „Es geht darum, diese Gewalt offenzulegen. Die Regelung, nur ,politisch motivierte‘ Gewalttaten zu zählen, wird sich nicht halten lassen.“ Letztlich, so Fingerle, müsse es um Prävention gehen, um die Thematisierung von Hass und Gewalt schon in der Schule. „Die Täter fallen nicht von den Bäumen“, sagt er.

Daher seien auch Medien und Institutionen, sei die ganze Gesellschaft gefordert. Die werde in der Krise eher härter. „Wenn Ressourcen wegbrechen, wird Solidarität zum Luxus“, sagt Fingerle. „Dabei würde es oft schon helfen, wenn es gute Nachbarschaften gäbe, die Ausgrenzung und Vereinzelung auffangen könnten.“

Interessierte können an der Umfrage teilnehmen.

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