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Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

01. März 2013

Hausbesetzungen Frankfurt: Wir sind den Besetzern dankbar

 Von Wolfgang Leuschner
Nur wenige Tage hielten sich Besetzer im leeren Freud-Institut.  Foto: Oeser

Im Februar besetzen Unterstützer des „Instituts für vergleichende Irrelevanz“ das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Der ehemalige stellvertretende Leiter des Freud-Instituts ist ihnen dankbar. Die Aktion werfe ein Schlaglicht auf die Verhältnisse an deutschen Universitäten.

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Die kurzzeitige Besetzung des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts durch Unterstützer des „Instituts für vergleichende Irrelevanz“ (IvI) wirft ein Schlaglicht auf die Verhältnisse an deutschen Universitäten wie auch auf die gegenwärtige Situation der Psychoanalyse überhaupt.

Das Gebäude des von Alexander Mitscherlich gegründeten Institutes konnte nur besetzt werden, weil es seit mehr als eineinhalb Jahren leer steht, um ab Sommer mit Mitteln des Landes Hessen renoviert und erweitert zu werden. So großzügig der Geldgeber hier auftrat, die baulichen Maßnahmen sind ein Danaergeschenk. Denn die fünf Millionen Euro, die das Land dafür bereitstellte, waren vorher verknüpft mit einer 40-prozentigen Kürzung der Mittel für die wissenschaftlichen Mitarbeiter auf etwa 400.000 Euro pro Jahr.

Im „Würgegriff der Ökonomie“

Gab es in den 80er und 90er Jahren noch mehr als 20 feste wissenschaftliche Mitarbeiterstellen, so ließen sich nun damit kaum fünf finanzieren. Die Zahl wird sich weiter reduzieren, da die Mittel auf diesem Niveau eingefroren wurden. Zur gleichen Zeit wurde das Institut mit Teilbereichen seiner Forschung zwei hessischen Universitäten angegliedert und ist seither weitgehend auf das Einwerben von Drittmitteln angewiesen. Drittmittelgeber und Universitäten aber, im „Würgegriff der Ökonomie“, legen Forschungen weitgehend auf Betriebswirtschaftlichkeit und Standards der Naturwissenschaften fest. Resultate haben sich durch „Objektivität“, durch von jedermann nachvollziehbare und überprüfbare Aussagen auszuweisen. Das „erledigt“ jedoch jegliche Spezifität der Psychoanalyse und damit ihre Forschungsfreiheit und gesellschaftskritische Ausrichtung.

Was die Arbeit des Instituts in Zeiten der Mitscherlichs oder von Richter gekennzeichnet hat, soll nun der „Objektivität“ weichen, wie sie etwa von dem Neurowissenschaftler Eric Kandel empfohlen worden ist. Wer das jedoch zu Zielvorgaben der Psychoanalyse macht, der hat ihr Wesen und ihren Erkenntnisreichtum nicht verstanden. Das in Psychoanalyse Erfasste betrifft Erfahrungen menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens, das aus triebhaften Wünschen, Prägungen und Hemmungen hervorgeht, wie sie sich im Verlaufe unserer Biografie herausbilden.

Der Autor
Wolfgang Leuschner

Wolfgang Leuschner ist der ehemalige stellvertretende Leiter des Sigmund-Freud-Instituts.

Seine Stellungnahme ist motiviert von der kurzzeitigen Besetzung des im Moment leerstehenden Institutsgebäudes an der Myliusstraße 20. Betreiber des vor der Räumung stehenden Instituts für vergleichende Irrelevanz (IvI) wollten dort ein Programm anbieten.

Das Sigmund-Freud-Institut in der Myliusstraße wird ab Juni saniert und um einen Hörsaaltrakt erweitert. 2014 soll es wieder eröffnet werden, 50 Jahre nach seiner Eröffnung in der Direktion von Alexander Mitscherlich.

Das ist höchst individuell und unvergleichlich. Keinesfalls kann es durch eine für jedermann nachvollziehbare Erkenntnismethode herausgefunden und dargestellt werden. Von Anfang an, beginnend mit intrauterinen Erfahrungen, sind wir gesellschaftliche Wesen. Immer gründet unsere höchst privat erscheinende Psychologie in Interaktionen mit unserer Umwelt, in den Eigenheiten unserer Beziehungsobjekte, die mit dem, was wir unsere Triebe, unseren Charakter, unser Weltwissen nennen, wesensmäßig amalgamiert sind. Als solchermaßen sozialisierte Wesen haben wir uns die Anderen und deren Erwartungen regelrecht einverleibt (!), wie immer jene beschaffen, wie gewalttätig, verrückt oder normal sie auch immer waren und sind. Was wir davon ausleben, sind Re-Inszenierungen dieser jeweils ganz eigenen „Organismus-Umwelt-Beziehungen“.

Das hat unweigerlich Konsequenzen für die analytisch-klinische Forschungs- und Behandlungsmethode. Denn nur auf die nämliche Weise, auf die sie durch Interaktionen gebracht werden, können unsere leib-seelischen Strukturen auch wieder sichtbar gemacht und verstanden werden. Psychoanalyse ist, wie der Frankfurter Psychoanalytiker Alfred Lorenzer das nannte, ein Verfahren zur Untersuchung von spezifischen Interaktionsformen. Die sich zwischen Analytiker und Analysand entwickelnde Beziehung wird zu dem Beziehungsraum, der unsere triebhaften Wünsche, Erinnerungen, Hemmungen und vor allem deren „Lehrmeister“, die vergangene und gegenwärtige Umwelt als zugleich kulturelle Phänomene sichtbar machen kann. Das war Freuds große Entdeckung: Er entwickelte eine Methode, die das sich zwischen Menschen ereignende Geschehen als Ausdruck der früheren Verhaltensprägungen darstellen und verstehbar machen kann. Und zwar auf dem Wege sich hier ereignender Projektionen und Identifizierungen, Mitgefühl und Abstand, konnte es sich in Verhalten und Sprache äußern oder – wie es psychoanalytisch heißt– in unbewussten und bewussten Übertragungen und Gegenübertragungen erlebbar machen.

Institute für analytische Irrelevanz drohen

Das ist das „Mikroskop“, so und nicht anders bekommen wir unsere Prägungen und die Prägenden zu fassen. Hier gelingt es dann auch, innere Rückwirkungen auf gesellschaftliche Verhältnisse und schließlich die Ausbeutung oder den Missbrauch unseres leib-seelischen Lebens durch Gesellschaft aufzudecken. Und das übrigens eher langsam und sehr mühsam. Das gelingt also nicht am Schreibtisch in Universitäten oder im Labor, sondern in Gruppen- und in Einzelanalysen.

Akademische Psychologie mit ihrer Statistik, ihren Fragebögen, ihrer völligen Vernachlässigung des Unbewussten, sowie besonders die Verhaltenstherapie erfassen das a priori nicht, ja sie stehen im Dienste der Beseitigung dieser Erkenntnismöglichkeiten und liefern noch die Ideologie dazu. Das gilt schließlich ganz besonders für die Hirnforschung mit ihrem megalomanen Reduktionismus, ihren kühnen Behauptungen und Theorien, die sie oft nicht einmal selbst erarbeitet, sondern gerade der Psychoanalyse entlehnt hat.

Nicht wenige gerade auch in der Forschung und den Universitäten tätige Analytiker betrachten dies als so ernsthafte Bedrohung der Freudschen Lehre, dass sie die Rettung vor dem befürchteten Untergang in der Gründung eigener Kompromiss-Disziplinen wie „Neuropsychoanalyse“ suchen. Sie suchen sich mit den Gegnern, ja oft Feinden der Analyse zu arrangieren, um dabei – willentlich oder unwillentlich – Kernbestände unserer Lehre aufzugeben. Aus Freud-Instituten drohen so Institute für analytische Irrelevanz zu werden.

Es stellt sich immer die Systemfrage

Indem die Psychoanalyse das „Unbehagen in der Kultur“ in den menschlichen Beziehungen und Institutionen sichtbar macht, zeigt sich das systemkritische Potential ihrer Behandlungsmethode. Genau damit stellt sie immer auch die Systemfrage. Das ist der zentrale Punkt, warum sie bekämpft und zur Disposition gestellt wird, gerade auch von Seiten der Politik. Deshalb wird sie, anstatt ihre enormen Möglichkeiten der Erkenntnis gesellschaftlicher Konflikte umfassend zu fördern und dann zu nutzen, zunehmend an den Rand gedrängt.

Weniges macht das deutlicher als das Schicksal des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts. Die Leute vom IvI haben das, wie ihren Presseerklärungen zu entnehmen ist, erkannt und durch ihre Aktion öffentlich deutlich werden lassen. Dafür kann man ihnen nur dankbar sein und sie unterstützen.

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