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Campus
Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

05. August 2010

Hilfe für Demenzkranke: Für mehr Menschenwürde im Alter

 Von Friederike Tinnappel
Doris Bredthauer, Studiengangsleitung Case Management für barrierefreies Leben  Foto: Michael Schick

Die Psychiatrie-Professorin Doris Bredthauer sucht nach technischen Alternativen, um Demenzkranken nicht mehr festbinden zu müssen.

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Das Projekt ReduFix

Das Reduzieren von Fixierungen hat dem Projekt „ReduFix“ seinen Namen gegeben. Mit dem Projekt wurde bereits 2004 begonnen und zwar in Altenpflegeheimen. Es zeigte sich, dass
sogenannte freiheitseinschränkende Maßnahmen wie Fixierungen und Bett-Gitter weit verbreitet sind: Fünf bis zehn Prozent der Heimbewohner werden fixiert, 40 Prozent dürfen sich nur eingeschränkt bewegen.


Die häusliche und ambulante Pflege stehen jetzt im Mittelpunkt des Projekts. Mit den ersten Befragungen wird demnächst begonnen. Ziel ist es, für die Familien Lösungen zu erarbeiten, damit sie ohne die „freiheitseinschränkenden Maßnahmen“ auskommen. Es können noch Familien mitmachen. Kontakt:
Susanne Karner, Fachhochschule Frankfurt, Nibelungenplatz 1, 60318 Frankfurt, Telefon 069/153 328 60.

In der Klinik hat Doris Bredthauer früher selbst sogenannte Fixierungen verordnet und sich dabei nicht wohl gefühlt. Die Psychiatrie-Professorin, die jetzt für die Fachhochschule Frankfurt forscht, spricht von einer mittelalterlichen Methode. „Nur die Materialien sind flauschiger geworden.“ Mit ihrem Projekt „ReduFix“ will sie herausfinden, wie häufig und warum „freiheitseinschränkende Maßnahmen“ angewandt werden. Vor allem aber will sie Alternativen anbieten. Es geht um die Menschenwürde im Alter, um Bewegungsfreiheit und Selbstbestimmung – und um die Angst der Pflegekräfte und Angehörigen, dass der Demenzkranke sich und anderen schadet. Er könnte stürzen oder das Haus abfackeln. Er könnte weglaufen und sich verirren. Bredthauer spricht von dem schwierigen „Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Lebensqualität“. Keiner, weder Altenpfleger oder Angehöriger, sperrt einen alten Menschen gerne ein – das ist mehr Notwehr und Hilflosigkeit.

Da ist die Scham vor den Nachbarn, weil der alte Mann plötzlich so seltsame Sachen sagt und nicht mehr weiß, wo er sich gerade befindet. Und die Ratlosigkeit. Einerseits möchte die Tochter ihre pflegebedürftige Mutter nicht ins Heim geben. Aber was soll sie tun, wenn sie täglich fünf Stunden zur Arbeit muss? Bredthauer möchte auf zwei Ebenen agieren. Zum einen sucht sie mit ihren Studenten und Studentinnen interdisziplinär nach technischen Lösungen, andererseits möchte sie einen Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit initiieren, hält Kurse für Angehörige, Betreuer und Pflegekräfte mit dem Ziel, dass Demenzkranke nicht ausgegrenzt, sondern integriert werden. Zwei Frauen, zwei Beispiele. Die eine zieht jeden Tag los, um Handtaschen zu kaufen. Die Verkäuferinnen wissen: „Aha, das ist Frau Soundso, die kommt jeden Tag“ – und später bringt die Tochter die Taschen zurück. Die andere geht immer wieder zur Bank und hebt 50 Euro ab, obwohl kein Geld da ist. „Dann kann man mit den Bankangestellten ein Abkommen schließen, dass sie die 50 Euro bekommt“ – und auch das später wieder ausbügeln. Gefragt sind auch städtebauliche Lösungen, meint Bredthauer und denkt an die vielen Alten, die klar im Kopf sind, aber im 4. und 5. Stock wohnen und sich deshalb nicht mehr hinaus trauen.

Das Hausnotruf-System funktioniert bei Demenzkranken nicht

Im „Labor für barrierefreie Technik“ deutet die Professorin auf einen „Low Tech“-Stuhl, der – viel besser als der Rollator – ein sturz-sicheres Gehen ermöglicht. Leider ist „der Walker“ so breit und sperrig, dass man ihn in einer normal geschnittenen Wohnung nicht nutzen kann. Es gibt bereits viele „Einzellösungen“, sagt Bredthauer. So gibt es einen Wasser-Stopp für die Badewanne, der dafür sorgt, dass ab einem gewissen Pegel kein Wasser mehr läuft. Eine andere Vorrichtung schaltet den Herd ab, wenn die Platten über einen gewissen Zeitraum hinaus nicht genutzt werden. Auch das Licht kann automatisch an- und ausgeschaltet werden. Das Hausnotruf-System, das nach einem Sturz für Hilfe sorgt, wird nach Einschätzung von Bredthauer bei Demenzkranken nicht funktionieren: „Sie werden nicht auf den Knopf drücken, wenn sie gestürzt sind.“

In dem Labor werden ein „intelligenter Boden“ und ein „emotionaler Roboter“ entwickelt. Sie sollen verschiedene Techniken kombinieren. Unter dem im Labor ausgelegten Parkett befinden sich Sensoren, die Bewegungsmuster nachzeichnen und erkennen können, ob jemand gefallen ist, also am Boden liegt. Der intelligente Boden soll das Licht an- und ausschalten, er kann aber auch registrieren, wie oft jemand zum Kühlschrank geht und ob jemand unruhig ist. Ziel ist, den Wunsch der alten Menschen zu erfüllen, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben zu können. Einzelne Sensormatten sind bereits jetzt im Handel. Sie können, wenn der pflegende Angehörige unterwegs ist, vor die Haustür gelegt werden und zum Beispiel Nachbarn alarmieren, wenn ein Demenzkranker das Haus verlässt. Die Angehörigen könnten per SMS benachrichtigt werden und müssten die Tür nicht vorher verriegeln.

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