Herr Professor Büttner, jeder kennt mindestens zwei Familien mit hochbegabten Kindern. Kann es sein, dass gefühlte 30 Prozent der nachwachsenden Bevölkerung Genies sind?
Na ja, das kommt in Wirklichkeit deutlich seltener vor. Eltern überschätzen ihre Kinder häufig.
Warum hat sich das zu so einem Massenphänomen entwickelt?
Hohe Leistungsfähigkeit ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig, und Intelligenz dafür ein wichtiger Faktor. Man wünscht sich, dass die eigenen Kinder da mithalten können.
Gerhard Büttner ist Professor für pädagogische Psychologie an der Goethe-Uni Frankfurt und wissenschaftlicher Leiter der Beratungsstelle MainKind.
MainKind hilft Kindern und Jugendlichen mit Hochbegabung und Lernschwierigkeiten. Die Einrichtung der Goethe-Universität wird unterstützt von der Karg-Stiftung, dem IDeA-Zentrum sowie der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung.
Die Beratungsstelle in der Varrentrappstraße 40 (4. OG) in Frankfurt ist zu erreichen unter Telefon 069/798-22440, E-Mail mainkind@paed.psych.uni-frankfurt.de, im Internet unter www.mainkind.uni-frankfurt.de
Wollen Sie mit MainKind an dieser Fehleinschätzung etwas ändern?
Wir wollen abklären, ob Kinder tatsächlich hochbegabt sind.
Wozu ist das gut?
Kinder werden von den hohen Erwartungen ihrer Eltern leicht überfordert. Schon deshalb ist eine Diagnose und Beratung sinnvoll. Aber oft wird Hochbegabung auch nicht erkannt. Das kann dazu führen, dass Kinder sich langweilen, im Unterricht abdriften, nicht mehr zuhören. Irgendwann können sie dem Stoff nicht mehr folgen, weil sie zu viel verpasst haben. Das kann zu komplettem Schulversagen führen.
Viele Schulen in Hessen tragen das Zertifikat für Hochbegabten-Förderung. Es gibt Pfiffikus-Angebote und Chinesisch-AG. Arbeiten diese Schulen nach dem Zufallsprinzip oder sogar komplett an den Bedürfnissen von Hochbegabten vorbei?
Die meisten Lehrkräfte können Schüler identifizieren, die für solche Arbeitsgruppen geeignet sind. Wenn dort alles klappt, ist es ja auch gut. Es gibt aber immer auch Kinder und Jugendliche, bei denen es schwierig ist, die Hochbegabung zu erkennen. Wenn Eltern oder Lehrer unsicher sind, ob ein Kind für ein Förderangebot infrage kommt oder ob es für das Kind überhaupt sinnvoll ist, daran teilzunehmen, sollte das durch eine psychologische Diagnostik abgeklärt werden.
Wonach suchen Sie?
Ein Intelligenztest gehört auf jeden Fall zur Diagnostik, um die kognitive Leistungsfähigkeit zu erfassen. Aber Intelligenz alleine reicht nicht. Weitere Faktoren sind das Arbeitsgedächtnis, die Fähigkeit durchzuhalten, sich anzustrengen und anderes mehr. Um aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren die richtigen Schlüsse zu ziehen, braucht es die Expertise und entsprechende Verfahren, wie wir sie haben.
Sie wollen mit MainKind gerade auch Kinder mit Migrationshintergrund erreichen. Warum?
Familien mit Migrationshintergrund nehmen Beratungsangebote weniger häufig wahr als Familien aus dem deutschen Kulturkreis. Das führt dazu, dass deutlich weniger Kinder aus Migrationsfamilien als hochbegabt erkannt werden – viel weniger jedenfalls, als es deren Anteil an der Bevölkerung erwarten ließe.
Wie wollen Sie diese Familien erreichen?
Wir werden auf Schulen zugehen und nicht alleine darauf warten, dass Eltern zu uns kommen. Unsere Absicht ist es, ein richtiges Netzwerk mit den Schulen aufzubauen. Wenn dort ein Kind infrage kommt, würden wir es gerne untersuchen, wenn denn die Eltern einverstanden sind.
Und wenn das Ergebnis da ist?
Sicherheit zu haben ist sicher für sich genommen schon gut. Wenn ein Kind tatsächlich hochbegabt ist, können wir es an die Hochbegabungsstelle der Stadt Frankfurt vermitteln oder an Stiftungen, die ein Stipendium bieten. Gymnasiasten können vielleicht Kurse an der Uni belegen.
Manchmal scheint es, als sei Hochbegabung eine Behinderung. Wie sehen Sie das?
Hochbegabung ist ein großes Potenzial. Sie kann sich aber zu einer Störung auswachsen, wenn sie nicht erkannt und gefördert wird, wenn deutlich schwächere Leistungen erbracht werden, als aufgrund der Intelligenz zu erwarten wären.
Das Interview führte Peter Hanack