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Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

19. August 2014

Horkheimer-Nachlass: Flaschenpost in Pappkartons

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Max Horkheimer (1960). Nachlass und Bibliothek werden heute in Frankfurt verwahrt.  Foto: dpa

Max Horkheimers Nachlass lagert in der Frankfurter Unibibliothek. Teile davon sind ab morgen online verfügbar.

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Keiner würde solch einen Schatz in diesem unscheinbaren Raum erwarten: Im Keller der Universitätsbibliothek im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, zwischen den Bücherregalen des geschlossenen Magazins, hinter einer grauen Tür ohne Schild, liegt auf 400 Regalmetern das schriftliche Erbe Max Horkheimers, des Mitbegründers der Kritischen Theorie. Spuren seines Denkens und Handelns, aber auch seines Alltags, lagern dort in hellgrauen Schachteln, etwas größer als Schuhkartons. Ab Mittwoch werden erstmals 35 000 digitalisierte Seiten daraus online frei zugänglich sein.

Feinsäuberlich sortiert, stapeln sich die Kisten in dem Kellerraum bis unter die Decke. Darin liegen in säurefreien Pappordnern Typoskripte, Notizbücher und Briefe. Es sind sämtliche Entwürfe seiner Werke darunter, aber auch bisher unveröffentlichte Korrespondenz mit Theodor W. Adorno, Walter Benjamin oder Herbert Marcuse. Sie stammen aus Horkheimers Arbeitszimmern im Exil in New York und Los Angeles, aus dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und aus Montagnola in der Schweiz, wo er ab 1957 lebte.

Außerdem sind Fotoalben mit rund 800 Aufnahmen dort aufbewahrt, etwa 1000 Zeitungsausschnitte, Tonbänder, aber auch eine Schallplatte mit Geburtstagsgrüßen, die Horkheimer für seine Eltern pressen ließ, sagt Mathias Jehn, Leiter des Archivzentrums. Horkheimers Bibliothek, die mehr als 15 000 Bände umfasst, ist auch in Besitz der Goethe-Universität, aber sie würde nicht mehr in das Zimmer passen. Außer den Regalen stehen in dem Raum nur ein grauer Schreibtisch und ein schwarzer Stuhl. Sie stehen eher zufällig da, gehören aber zu Horkheimers Erbe: Der Architekt Ferdinand Kramer hat sie entworfen, den Horkheimer als Rektor 1952 an die Universität holte und dessen Bauten den Campus in Bockenheim prägen.

Bedingungslos wollte Horkheimer seinen Nachlass der damaligen Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt allerdings nicht überlassen. Der Philosoph bestand zunächst auf eine Klausel: „Sollte Deutschland in die Barbarei zurückfallen, muss sein Nachlass zurückgeben werden – diese Forderung entsprach einer Grundangst Horkheimers,“ sagt Jehn. In den Vertrag wurde sie dennoch nicht aufgenommen, weil Schenkungen juristisch nicht derart eingeschränkt werden könnten. Horkheimer starb 1973. Sein Nachlass ist einer der größten und bedeutendsten der Universitätsbibliothek. Insgesamt werden dort 480 verwahrt, darunter auch der von Arthur Schopenhauer.

Fotos für seine Frau.  Foto: Rolf Oeser

Bisher beschäftigten sich vor allem Wissenschaftler mit Horkheimers Papieren, sagt Jehn. „Aber jedes Interesse ist legitim.“ Er hofft, dass die Digitalisierung mehr Interessierten Zugang zu dem Archiv ermöglicht. Über drei Jahre haben sechs Mitarbeiter die 180 000 Seiten gescannt und daraus 4,8 Terabyte Daten produziert. Online verfügbar wird nur ein Teil davon sein, weil das Urheberrecht etwa bei Briefen einer Veröffentlichung im Wege steht.

Die Dokumente, die von der Universität verfügbar gemacht werden, stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz, die eine relativ freie Verwendung erlaubt. „Das hat durchaus für Diskussionen gesorgt“, sagt Jehn, „aber wir wollen, dass die Informationen frei verfügbar sind.“
Ausschlaggebend für das Projekt, das etwa 150 000 Euro gekostet hat, waren aber auch konservatorische Gründe. Bereits jetzt finden sich irreparable Schäden an einigen Stücken. Besonders das dünnere Papier der Kriegszeit und die Durchschläge von Horkheimers Briefen sind davon betroffen.

Gezielt holt Jehn eine der grauen Schachteln aus dem Regal. „Da müssten die Typoskripte der Dialektik der Aufklärung drin sein“, sagt er. Und wirklich liegt dort einer der Schlüsseltexte der Kritischen Theorie in einem Ordner, auf dünnem Papier, eng mit Schreibmaschine beschrieben. Vor 70 Jahren, noch während des Zweiten Weltkriegs, erschien die Erstausgabe als „Philosophische Fragmente“ in New York. Die Schrift wurde oft als „Flaschenpost“ bezeichnet, so unsicher waren sich die Autoren, ob es zu jener Zeit überhaupt Adressaten gäbe, für die ihre Gedanken von Bedeutung wären.

Nichts weniger als „die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“ strebten Horkheimer und Adorno mit dem Buch an, wie es im Vorwort heißt. Die Autoren versuchen mit marxistischer und psychoanalytischer Theorie zu ergründen, wie es in Deutschland, einem der fortschrittlichsten Industrieländer der Zeit, zum industriellen Massenmord kommen konnte, während die von Marxisten erhoffte Revolution ausblieb.

Ein Blick auf das Online-Portal. Hier wird ein Teil des Horkheimer-Nachlasses verfügbar sein.  Foto: Rolf Oeser

Horkheimer und Adorno betonten stets, dass sie die Schrift gemeinsam diktiert hätten, aber auch Adornos Frau Gretel hat einen Anteil daran. Wie aus Diskussion und Diktat der Text entstand, der uns heute vorliegt, lässt sich auf jenen Typoskriptseiten nachvollziehen. Am Rand einiger Bögen sind handschriftliche Anmerkungen in blauer Tinte und feiner Schrift zu erkennen, zwischen den Maschinen geschrieben Lettern finden sich Korrekturen und Streichungen. „Die könnten von Gretel Adorno sein“, sagt Jehn, „aber das müsste ein Spezialist sagen, Horkheimers Handschrift ist es jedenfalls nicht.“

Es sind vor allem US-amerikanische Wissenschaftler, die sich in den letzten Jahren für solche Fragen interessieren, berichtet Jehn. Dort widme man sich derzeit verstärkt den europäischen Emigranten. Gerade für diesen Nutzerkreis sei es ein Gewinn, mit Teilen des Nachlasses online arbeiten zu können. Wissenschaftlich werden Nachlässe aus seiner Sicht immer bedeutender, weil sie über die Person hinaus auch Aufschluss über die jeweilige Zeit geben, ergänzt mit anderen Quellen, wie Verwaltungsakten.

Die Mitarbeiter des Archivzentrums haben als Teil der Digitalisierungsarbeiten den Katalog des Nachlasses modernisiert, den Gunzelin Schmid Noerr, einer der Herausgeber von Horkheimers Gesammelten Schriften, angelegt hat. Er kann online nach Schlagworten, Personen und Orten durchsucht werden. Die Systematik soll weiter verfeinert werden. Ein halbes Jahr Arbeit werde es noch kosten, bis etwa einzelne Briefe genau verschlagwortet sind.

Einer der Briefe ist Jehn besonders in Erinnerung: Adorno hat ihn mit „alles erdenklich Liebe, wie immer dein G. R.“ unterschrieben – G. R. für „großes Rindvieh“. Es ist zumindest fraglich, ob es Horkheimer recht gewesen wäre, dass derart private Korrespondenz im Netz zu finden ist. Vielleicht hätte es ihn aber auch überzeugt, dass sein Nachlass dann in gewisser Hinsicht nicht länger nur in Deutschland lagert. Sicherheitshalber.

Durch das Archiv führt Jehn heute ab 17 Uhr, um 18.30 Uhr sprechen Gunzelin Schmid Noerr und Martin Jay in der Bibliothek. Der Nachlass ist ab Mittwoch zugänglich unter: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/horkheimer

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