Herr Slaby, Sie sind Juniorprofessor für Philosophie an der FU Berlin und Gast des Kongresses zur kritischen Psychologie an der Goethe-Uni mit dem Titel „Die Unberechenbarkeit des Subjekts“. Was ist darunter zu verstehen?
Der Kongresstitel verweist auf die Komplexität des Menschen und insbesondere auf die Schwierigkeit, die menschliche Psyche auf dieselbe Weise wie irgendein unbelebtes Ding wissenschaftlich zu erforschen. Der Mensch ist immer auch das, als was er sich versteht – ein „sich selbst interpretierendes Tier“, wie es der Philosoph Charles Taylor nennt. Das heißt, man muss seine Selbstdeutungen, Selbstmissverständnisse berücksichtigen, aber auch die gesellschaftlichen und kulturellen Sinnstrukturen, in denen der Mensch jederzeit steht, und das macht die Erforschung des Menschen so schwierig.
Jan Slaby ist Juniorprofessor für Philosophie an der FU Berlin und Referent beim Kongress an der Goethe-Uni.
Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Philosophie der Emotionen und Gefühle. Was ist für Sie daran so spannend?
Gefühle sind Treibstoff und Sinnquelle des Lebens – das Salz in der Suppe unserer Existenz. Es ist faszinierend, wie Gefühle uns die Welt als relevant und bedeutsam vor Augen führen, uns mit anderen Menschen verbinden oder von ihnen entfremden und uns zum Handeln motivieren – im Guten wie im Schlechten. Außerdem ist die Emotionsforschung allein aufgrund der Vielfalt der menschlichen Gefühlswelt sehr abwechslungsreich.
Wie wichtig sind Gefühle für die Philosophie gegenüber dem rationalen Verstand?
Der Gegensatz Gefühl/Verstand ist eigentlich gar keiner. Unser Verstand ist immer schon von Gefühlen durchsetzt und wir gründen unsere sogenannten vernünftigen Einschätzungen oft auf affektive Intuitionen oder gefühlsbasierte Gewohnheiten. Umgekehrt steckt in den Gefühlen bereits sehr viel Intelligenz: Gefühle sind, bei gelungener Kultivierung, ein feines Gespür für die Bedeutungen und Nuancen, auf die es im Leben ankommt. Deshalb sind die Gefühle für die Philosophie genauso wichtig wie der Verstand, und beides lässt sich nur gemeinsam sinnvoll betrachten.
Lassen wir uns also vornehmlich von unseren Emotionen leiten?
Wir sollten aufhören, Verstand und Emotion gegeneinander auszuspielen, auch wenn es gelegentlich mal Konflikte zwischen eher rational-überlegten und eher impulsiv-affektiven Einschätzungen gibt. Natürlich gibt es verschiedene Formen des Umgangs mit Emotionen: Sofort impulsiv zu reagieren – jemanden beleidigen, sich trotzig abwenden, eine Szene machen – ist oft nicht klug, und insofern kann es sinnvoll sein, seine Emotionalität zu reflektieren und gedanklich zu prüfen. Das ist in der Hitze des Moments nicht immer möglich, aber man kann solche Praktiken der Gefühlsregulation erlernen und sich zur Gewohnheit machen. In diesem Sinne lässt sich dann auch von einer Art Gegensatz von Verstand und Emotion sprechen, aber die Grenzen sind da sehr fließend.
Ein gängiges Klischee besagt, Frauen seien emotionaler als Männer. Ist dem so?
Das ist wirklich nur ein Klischee. Die emotionalen Repertoires von Männern und Frauen sind teilweise unterschiedlich ausgeprägt, was sicher hauptsächlich kulturelle Gründe hat. Das Vorurteil von der „emotionalen Frau“ ist hingegen ein Instrument der Diskreditierung, meist von Männern eingesetzt, um aufstrebende, intelligente und unangepasste Frauen mundtot zu machen. Eher noch gibt es Unterschiede im Reden über Emotionen, aber auch hier werden die Differenzen vermutlich meistens übertrieben.
Wie kann man sich den Entstehungsprozess von Emotionen vorstellen?
Das ist eine lange und komplizierte Geschichte, und es herrscht da in der Forschung nicht überall Einigkeit. Am besten – und ganz grob – kann man sich den Entstehungsprozess als ein Geschehen vorstellen, das zwei Stufen hat. Zuerst geht alles ganz schnell und läuft weitgehend automatisch ab: Man sieht zum Beispiel wie die eigene Freundin sich etwas zu warm lächelnd einem potenziellen Nebenbuhler zuwendet und wird daraufhin sogleich von einem abrupten, schmerzlichen Gefühlsimpuls durchzuckt. Dieser Affekt ist noch ganz roh und unstrukturiert, doch es bleibt nicht bei dieser ersten Reaktion. In der zweiten Stufe verbindet sich das Gesehene mit Erinnerungen, man deutet die Situation im Lichte dessen, was man über die Freundin, über den Rivalen und die sonstigen Umstände weiß und man spürt gewisse Handlungstendenzen in sich aufsteigen: Vielleicht den Impuls, einzuschreiten und das Tete-à-Tete zu beenden, oder sich schockiert abzuwenden, um das traurige Schauspiel nicht länger mit ansehen zu müssen. Nach und nach konsolidiert sich das affektive Geschehen in eine typische emotionale Episode: Eifersucht. Diese kann dann ganz verschiedene Verläufe nehmen. Man kann etwa auf den Auslöser fixiert bleiben und das Gefühl wandelt sich mit dem, was man vor sich sieht. Oder – das ist der kompliziertere Fall – die Emotion löst sich von ihrem Anlass ab und führt quasi ein Eigenleben: Vielleicht kommt es zum Eifersuchtswahn, der nichts mehr mit der auslösenden Situation zu tun hat, sondern sich eher durch vergangene schlechte Erfahrungen oder mit der neurotisch-furchtsamen Persönlichkeitsstruktur des Fühlenden erklären lässt. Insgesamt ist diese zweite Stufe der Emotionsentstehung die interessantere, weil hier Gedanken, Erinnerungen, kulturelle Skripte und Deutungsmuster mobilisiert werden und weil hier auch so etwas wie Gefühlskontrolle oder aktive Gefühlsgestaltung eine Rolle spielen kann. Nicht selten setzen wir ja unsere Emotionen auch strategisch ein, etwa um andere einzuschüchtern (Zorn) oder um uns die Zuwendung anderer zu sichern (Traurigkeit).
Sind Emotionen kulturell unterschiedlich bedingt oder gibt es auch universelle Emotionen?
Es gibt eine Reihe von sehr grundlegenden emotionalen Ausdrucksmustern, die sich in weitgehend vergleichbarer Form in allen menschlichen Kulturen finden – etwa die typische Mimik und Verhaltensreaktion, die wir mit Furcht, Freude, Trauer, Zorn oder Überraschung verbinden. Aber die kulturellen Unterschiede in der Ausprägung und in den Auslösern der Emotionen überwiegen die Gemeinsamkeiten. Insgesamt sind unsere Emotionen so komplex und mit sehr spezifischen Bedeutungen geladen, dass nicht mehr viel übrig bleibt, wenn man nach einem transkulturell stabilen Kern sucht. Kulturvergleichende Emotionsforschung ist ein spannendes Feld, das unsere oft sehr einseitigen westlichen Annahmen und Vorurteile über Gefühle von Grund auf in Frage stellen kann.
Wenn Menschen keine Regungen zeigen, werden sie als „emotionslos“ beschrieben. Hat dieses Attribut der „Emotionslosigkeit“ in der Wissenschaft Bestand, oder ist nicht eher das Verbergen von Emotionen nur wiederum eine spezielle Art von Emotion?
Echte Emotionslosigkeit ist im Grunde unmöglich – jedenfalls jenseits schwerster psychischer Störungen. Emotionen sind viel zu grundlegend mit den zentralen Operationen der menschlichen Psyche verwoben, als dass sie einfach ausgeschaltet werden könnten. Und selbst wenn ein schwer depressiver Patient über Gefühlsabstumpfung klagt, ist das etwas, worunter er meist selbst noch leidet, also auch eine Form von Emotionalität. Was es aber natürlich gibt, sind sehr unterschiedliche Ausprägungen emotionaler Expressivität, so dass uns manche Menschen als ungemein cool und abgebrüht vorkommen, während andere bei jeder Kleinigkeit an die Decke gehen. Es gibt unterschiedliche emotionale Stile und unterschiedliche Haltungen im Umgang mit den Wechselfällen des Lebens. Vieles hängt auch am Temperament – also einer sehr fundamentalen Schicht von Hintergrundgefühlen, die geradezu die Persönlichkeit ausmachen. Manche sind da einfach mit einer größeren Ruhe und Ausgeglichenheit gesegnet als andere, und das kommt dann schon mal fälschlich als Emotionslosigkeit rüber.
Emotionen sind bislang nur Menschen und Tieren vorbehalten gewesen. Doch mit zunehmender Technologisierung versuchen Computerwissenschaftler Robotern immer realistischere Abbilder von uns Menschen zu erzeugen. Ist es für Sie denkbar, dass der Roboter dem Menschen irgendwann einmal ebenbürtig sein wird?
Den Roboter will ich sehen, der echte Emotionen hat! Bisher war die Künstliche-Intelligenz-Forschung so unglaublich erfolglos, dass sich meine Erwartungen hier in sehr engen Grenzen bewegen. Das Problem ist aber weniger technisch-praktischer als vielmehr grundlegender Natur: Emotionen verweisen auf eine Dimension echter, existenzieller Anteilnahme – etwas, das man sich ernstlich nur bei sterblichen und um ihre Sterblichkeit wissenden Naturwesen vorstellen kann. Wir haben nicht den Hauch einer Ahnung, wie sich dergleichen in einer Konfiguration unbelebter Materie künstlich erzeugen lassen soll, allen vollmundigen Versprechungen der Robotiker zum Trotz.
Der US-Zukunftsvisionär Ray Kurzweil denkt, es wäre sogar möglich, dass sich in nicht allzu weiter Zukunft der Mensch mit dem Computer und dem Internet mit der entsprechenden Technologie verschmelzen lassen könne. Für wie realistisch halten Sie diese Vorstellung?
Hochtrabend und medienwirksam zu reden, ist das eine – die Dinge dann auch tatsächlich umzusetzen, das andere. Solche Zukunftsvisionen sind pseudo-wissenschaftlich und vor allem dann ärgerlich, wenn sie von Leuten kommen, die es eigentlich besser wissen. Bei allem wissenschaftlichen Fortschritt ist nach wie vor sehr klar, dass wir erst ganz am Anfang eines Verständnisses der materiellen Grundlagen des menschlichen Geistes stehen. Man sollte daher aufhören zu träumen und sich stattdessen an die harte und kleinteilige wissenschaftliche Arbeit machen. Die Wissenschaft vom Menschen ist gerade dann spannend und faszinierend, wenn man sie illusionslos und in vollem Bewusstsein der gigantischen Komplexität ihres Gegenstands betreibt. Alles andere ist Science Fiction.
Interview: Björn Eenboom