Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Campus
Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

22. Mai 2012

Islamische Theologie: Boomfach - und viele Abbrecher

 Von Ursula Rüssmann
Der Lebenslauf des Propheten: Thema beim Islam-Studium.  Foto: Andreas Arnold

Die islamische Theologie wächst an der Frankfurter Uni rasend schnell: Mehr als 400 Studierende büffeln jetzt schon Arabischvokabeln, betreiben Koran-Exegese, diskutieren über islamische Ethik oder Rechtsmethodik, um den Bachelor in „Islamischen Studien“ zu erwerben.

Drucken per Mail

Es ist atemberaubend, wie schnell die islamische Theologie an der Frankfurter Goethe-Uni wächst. Mehr als 400 Studierende büffeln jetzt schon Arabischvokabeln, betreiben Koran-Exegese, diskutieren über islamische Ethik oder Rechtsmethodik, um den Bachelor in „Islamischen Studien“ zu erwerben. 160 Erstsemester sind allein im Wintersemester dazugekommen, im Herbst rechnet Ömer Özsoy mit „mindestens wieder 100“. Ist das nicht ein bisschen viel für einen Studiengang, der gerade knapp zwei Jahre existiert? „Ist es“, stimmt der Direktor des „Instituts für Studien und Kultur des Islam“ zu. Denn es fehlt überall an Personal. Alle arbeiten bis zum Anschlag, sagt Özsoy lachend: „25 Stunden am Tag.“ Die Motivation ist hoch, auch wenn die Kräfte manchmal erschöpft sind. „Wir arbeiten hier in überaus menschlicher, freundlicher Atmosphäre miteinander.“

Das Frankfurter Institut, angesiedelt im Fachbereich 9 (Sprach- und Kulturwissenschaften), leistet Pionierarbeit. Es bildet zusammen mit der Uni Gießen einen von bundesweit vier Hochschulstandorten, an denen die Bundesregierung den Aufbau islamischer Theologie seit kurzem mit Millionensummen fördert. Bis 2016 werden rund vier Millionen Euro nach Frankfurt fließen. Die Hoffnung dabei: mit der Ausbildung von Religionslehrern und Islamkundigen für die Moscheen einen modernisierten Islam zu fördern, einen, der traditionelle, mit der pluralen Gesellschaft unvereinbare Lesarten ablösen kann.

Was treibt die vielen Studierenden – 60 Prozent sind übrigens Frauen – ans Institut? „Viele kommen mit der Hoffnung, dass sie mit dem Islam-Studium ihre Frömmigkeit vertiefen können“, sagt Özsoy. Die Realität aber sieht anders aus: Der hohe wissenschaftliche Anspruch und die historisch-kritische Sicht auf den Koran lassen viele abspringen. Einige scheitern auch am Fach Arabisch, der Sprache des Korans. So schätzt der Institutschef, dass von 100 Studienanfängern am Ende nur etwa ein Drittel die Bachelorprüfung absolvieren werden.

Derzeit treiben Özsoy vor allem Probleme bei der Besetzung der Wissenschaftlerstellen um. Zehn Professorenstellen benötigt das Institut langfristig, um den Fächerkanon optimal abzudecken – von der Koran-Exegese über islamisches Recht, Ethik, Systematische Theologie (Kalam) und Ideengeschichte bis zu Hadithwissenschaft (Überlieferungen über Mohammed) und Religionspädagogik. Aber qualifizierte Bewerber sind Mangelware, denn im deutschsprachigen Raum ist die Hochschulausbildung muslimischer Theologen absolutes Neuland. Außerdem suchen auch die neuen Islaminstitute in Hamburg, Tübingen, Osnabrück oder Erlangen händeringend Fachleute.

Die Frankfurter Uni strebt deshalb zunächst fünf ordentliche Islam-Professuren an. Eine hat Özsoy inne, zwei werden vielleicht bald besetzt. Bis dahin behilft man sich mit einer von der türkischen Religionsbehörde Diyanet finanzierten Stiftungsprofessur, einem Gastprofessor und jeder Menge Lehraufträge an externe Kollegen. „Das macht unheimlich viel Arbeit. Wir müssen die Lehrinhalte mit ihnen absprechen, Lehrpläne abstimmen, Gelder beantragen“, stöhnt Özsoy: „Das ist eigentlich ein Job für Superman.“ Immerhin: Mit der Univerwaltung ist man im Gespräch über neue Verwaltungsstellen. „Wir sind auf gutem Weg.“

Überhaupt fühlt er sich von der Universitätsspitze gut unterstützt. „Auch wenn wir sehr schnell groß geworden sind“, fehle es nicht an Räumen: Neben einer alten Villa in der Gräfstraße kann das Institut bald ein weiteres Gebäude in der Nähe nutzen, hinzu kommen Räume im Jügelhaus in der Mertonstraße. Wenn die 2013 für den Kulturcampus geräumt werden müssen, hofft Özsoy, alle Einrichtungen des Instituts in zwei Standorten der Gräfstraße konzentrieren zu können. Kurze Wege für Studierende und Lehrer sind das Ziel.

Ein anderes, über allem stehendes Ziel ist allerdings noch auf der Kippe: dass endlich bekenntnisorientierter islamischer Religionsunterricht an Hessens Schulen eingeführt wird. Die Islam-Lehrer für die Sekundarstufe sollen in Frankfurt ausgebildet werden, die für die Grundschule in Gießen – wenn Wiesbaden endlich das Okay gibt. An diesem Punkt gerät auch ein zurückhaltender Mann wie Ömer Özsoy in Wallungen. Schon jetzt bekomme das Institut „sehr viele Anfragen von Schulen“, sagt er; meist geht es um Probleme, oft fällt das Wort Salafisten: „Das zeigt, dass wir den Religionsunterricht brauchen, um Kindern und Jugendlichen andere, gemäßigte Stimmen zum Islam zu präsentieren.“

Das Frankfurter Institut hat ein Kerncurriculum mitentwickelt, derzeit prüft das Land mögliche islamische Träger eines Religionsunterrichts. Anträge haben der türkischstämmige Moscheenverband Ditib und die Ahmadiyya gestellt; Letztere sind aber bei vielen sunnitischen Gruppen umstritten. Auch Özsoys Sympathien liegen bei der Ditib.

Das letzte Wort hat die Landesregierung, doch aus der CDU wurden zuletzt wieder Vorbehalte gegen islamische Religion an Schulen laut. Die Opposition kritisiert das lautstark. Koranexperte Özsoy setzt auf die Zeit: „Wenn nicht diese Regierung, dann wird eine andere den Islamunterricht einführen.“

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie bitte auf das orange Symbol.

Regionale Startseite

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden

Twitter

Anzeige

Mountainbike-Touren im Video
ANZEIGE
- Partner