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Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

17. Januar 2013

Nahost: Geschichte falsch interpretiert

Neuer Blick auf den Nahen und Mittleren Osten

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Der Arabische Frühling ist der Hintergrund für das neue Zentrum für Regionalstudien, das in den kommenden Monaten an der Marburger Philipps-Universität eingerichtet wird. Unter Federführung des Orientzentrums wird sich ein Forschungsnetzwerk mit den Umwälzungen in Nahen und Mittleren Osten beschäftigen. „Dass wir vom Arabischen Frühling so überrascht wurden, deutet darauf hin, dass wir diese Ecke der Welt in der Vergangenheit falsch interpretiert haben“, erklärt Netzwerk-Sprecher Rachid Ouaissa. Klassische Orientwissenschaftler interessierten sich eher für die Kultur, hätten soziologische und politische Fragen nicht gestellt. Und Politologen reisten selten in arabische Länder und sprächen die Sprache nicht. Deshalb haben sich in dem neuen Zentrum 19 Forscher aus Orientwissenschaften, Soziologie, Politik, Jura, Geschichte, Religionswissenschaften sowie Friedens- und Konfliktforschung zusammengeschlossen.

Ouaissa nennt Beispiele für die „blinden Flecke“ der Vergangenheit: Allein von 2008 bis zu Beginn des Arabischen Frühlings gab es mehr als 4000 soziale Unruhen in Ägypten. „Das hat keiner beachtet. Jeder dachte, dass Mubarak das im Griff hat“, sagt der Professor für Politik des Nahen und Mittleren Ostens. „Wir haben diese Länder durch die Brille der herrschenden Regime angeschaut.“ Auch Tunesien gelte als Beispiel für Stabilität, weil die Europäer vor allem Touristeninseln wie Djerba mit dem Land verbinden. Dabei gebe es große sozio-ökonomische Probleme, weil 70 Prozent der Jugendlichen ohne Perspektive seien.

Aus Algerien kamen mehr als 40000 Menschen mit Schlauchbooten über das Mittelmeer – 14000 starben bei der Flucht. „Keiner nimmt Notiz davon“, so der Deutsch-Algerier Ouaissa. Angesichts der Arbeitslosenquote von 25 bis 30 Prozent brauche die arabische Welt bis 2020 mindestens 100 Millionen Jobs.

Die Marburger Wissenschaftler beschäftigen sich nun in vier Themenbereichen mit der Region: Die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens soll von unten betrachtet werden, aus der Sicht von Jugendlichen, Frauen und Minderheiten. Die kulturelle Aufarbeitung der Geschichte wollen sie an Romanen, Filmen, Theater und Kunst ablesen. Das Marburger Zentrum für Kriegsverbrecherprozesse kümmert sich um die juristische Aufarbeitung. Außerdem werden externe Einflüsse wie Globalisierung, Migrationsbewegungen oder die Krise der Finanzmärkte untersucht. (gec.)

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