Halbzeit am deutschlandweit einzigen Gebäude für ein geisteswissenschaftliches Exzellenzcluster. Der Rohbau des Forschungsprojekts für die „Herausbildung normativer Ordnungen“ steht. Das Richtfest sei ein Grund für „unbändige Freude“, sagte Unipräsident Werner Müller-Esterl am Donnerstag, bevor er mit Hessens Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann dem Setzen des Richtkranzes auf dem Rohbau an der Ecke Lübecker Straße und Hansaallee zusah.
Die Exzellenzinitiative des Bundes soll Spitzenforschung fördern und hat dabei auch die Goethe-Universität bedacht. Allein die „normative orders“ werden von 2007 bis 2012 mit 33 Millionen Euro bedacht – stellen allerdings nur ein Drittel der in Frankfurt landenden Mittel dar.
Davon abgesehen gab es auch eine Ausschreibung auf Unterstützung bei Neubauten, aus der schließlich der jetzige Bau mit einer Nutzfläche von gut 2500 Quadratmetern hervorging. „Auf Drängen des Unipräsidenten haben wir dafür einen Antrag eingereicht“, sagt Klaus Günther, der gemeinsam mit Rainer Forst als Sprecher des Clusters fungiert. Sie bezeichnen ihr zukünftiges Gebäude, in dem 145 von mittlerweile 180 Mitarbeitern Platz finden werden, liebevoll als „Denkort“.
Und genau das soll es sein: Professoren zahlreicher Geisteswissenschaften – in Müller-Esterls Worten „die kritische Instanz der Gesellschaft“ – arbeiten gemeinsam am Projekt „Gerechtigkeit für die Welt“. Nicht wie sonst in den Geisteswissenschaften üblich als Individualisten, sondern vernetzt, eben als „Cluster“, als Bündel. Das Konzept überzeugte auch das Finanzministerium und so konnte der sechsgeschossige Bau für 10,14 Millionen Euro in Angriff genommen werden. Er bindet sich am östlichen Eingangsbereich mit seiner Natursteinfassade ins Gesamtkonzept des, so Ministerin Kühne-Hörmann, „Vorzeigecampus Hessens“ ein.
Wie in Ägypten
Zwischen den zahlreichen Reden versuchten Forst und Günther auch zu erklären, was die „normative orders“ eigentlich bedeuten. Gerade die Sprachvermischung sei dafür ein passendes Beispiel, denn auch Sprachen basieren wie alles Handeln und Denken auf „normativen Ordnungen“. Die Rechtfertigungen jener Normen seien aber im ständigen Wandel. Zu beobachten etwa an den Mischformen der Sprache oder wie jüngst in Ägypten, als die Norm des herrschenden Systems nicht länger anerkannt wurde.
„Von Bedeutung ist, was im Kopf passiert“, formulierte es der Politologe und Philosoph Forst. Dabei sei „die Ressource Anerkennung“ wichtig. Veränderungen in normativen Ordnungen, etwa auch in der Finanzwelt während ihrer Krise, wollen die Frankfurter Forscher analysieren und werden für ihr Projekt, samt mittlerweile zehn neuen Professuren, sogar in Princeton beneidet. Dabei steht die Vernetzung der Mitarbeiter genauso im Vordergrund wie deren Internationalität. Kriminologe Günther sagte: „Wir machen ernst mit der Interdisziplinarität und sorgen dafür, dass hier nichts säuberlich getrennt wird.“
Dies geschieht auch mit zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen, verdeutlichte Werner Müller-Esterl. „Forscher im Elfenbeinturm“ seien passé. Im „Denkort“ solle vielmehr eine „kritische Selbstvergewisserung der Bürgergesellschaft“ erfolgen.
Der Bau befindet sich im Zeitplan und auch die Kosten, von denen der Bund 4,25, das Land 5,7 Millionen und die Uni selbst 250.000 Euro tragen, sind im geschätzten Rahmen. Die Professoren rechnen mit Fertigstellung im Frühjahr 2012. Das Richtfest – übrigens auch Teil einer normativen Ordnung – wurde nun schon mal über die Bühne gebracht. Wenngleich die Hauptpersonen, die Handwerker und Bauleute, leider weniger zahlreich erschienen waren. Möglicherweise einer Verschiebung dieser auf Tradition beruhenden Ordnung geschuldet.