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22. Januar 2013

NS-Schülerzeitung „Hilf mit!“: Extrem boshaft

 Von Astrid Ludwig

Frankfurter Wissenschaftler haben erstmals die NS-Schülerzeitung „Hilf mit!“ analysiert. Die Illustrierte wurde 1933 bis 1944 vom NS-Lehrerbund in einer monatlichen Auflage von fünf Millionen Exemplaren an nahezu alle deutschen Schüler ab zehn Jahren verteilt.

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Frankfurter Wissenschaftler haben erstmals die NS-Schülerzeitung „Hilf mit!“ analysiert. Die Illustrierte wurde 1933 bis 1944 vom NS-Lehrerbund in einer monatlichen Auflage von fünf Millionen Exemplaren an nahezu alle deutschen Schüler ab zehn Jahren verteilt.

Die Titelseiten zeigen eine heile Welt – einen kleinen Jungen vor Alpenkulisse mit Kuh, zwei Mädchen mit Zöpfen beim Spiel mit ihren Puppen oder die Bäuerin bei der Heuernte. Blonde, blauäugige, strebsame Menschen. Idylle pur in der arischen Volksgemeinschaft. „Sie zeigen, wie schön es ist im NS-Deutschland“, sagt Benjamin Ortmeyer, Professor für Erziehungswissenschaften. Seit einem Jahr leitet er mit seinem Kollegen Micha Brumlik die Forschungsstelle für NS-Pädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität.

Gemeinsam haben sie alle Ausgaben der Schülerzeitung „Hilf mit!“ unter die Lupe genommen. Die Illustrierte wurde 1933 bis 1944 vom NS-Lehrerbund in einer monatlichen Auflage von fünf Millionen Exemplaren an nahezu alle deutschen Schüler ab zehn Jahren verteilt. Die Propaganda-Maschinerie Goebbels‘ setzte früh an. „Eine ganze Generation ist damit aufgewachsen und indoktriniert worden“, sagt Ortmeyer.

Buchvorstellung

Benjamin Ortmeyer leitet mit Micha Brumlik die Forschungsstelle „NS-Pädagogik“ an der Goethe-Uni. Die Stelle wird drei Jahre lang von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt, mit rund 240000 Euro. Die Forscher untersuchen auch andere Zeitschriften, etwa für Lehrer, aus der NS-Zeit.

Aus der Analyse der Schülerzeitung „Hilf mit!“ ist das Buch „Indoktrination“ entstanden. Es wird am Donnerstag, 24. Januar, 16 Uhr, im Casino auf dem Campus Westend der Goethe-Uni vorgestellt. Über die NS-Moral spricht Professor Werner Konitzer vom Fritz Bauer Institut. Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Rassismus und Antisemitismus thematisiert Professor Micha Brumlik. Zur Nazi-Schülerzeitschrift „Hilf mit!“ spricht Professor Benjamin Ortmeyer.

„Hilf mit!“ war zur NS-Zeit angeblich die auflagenstärkste Jugendzeitschrift weltweit. Dennoch lag bis heute keine wissenschaftliche Analyse dieser Zeitschrift vor, sagt Ortmeyer. Das hat sich mit der Arbeit der Forschungsstelle geändert. Ein Jahr lang haben Ortmeyer, Brumlik und studentische Mitarbeiter sämtliche Ausgaben der Jahrgänge von „Hilf mit!“ auf Propaganda, Rassismus und Antisemitismus durchforstet. „Indoktrination“ heißt das Buch, das Ortmeyer über die Ergebnisse verfasst hat. Es wird am 24. Januar vorgestellt.

Die Ausgaben von zehn Jahren, 120 Ausgaben, je 36 Seiten stark: Die mussten die Forscher zunächst lückenlos in Bibliotheken ausfindig machen – und auch lesen. „Eine sehr unangenehme Lektüre“, so der Frankfurter Professor. Bücher über die menschenverachtende NS-Hetze gibt es viele. Ortmeyer nennt das „den „Blick von oben“. „Hilf mit!“ sei jedoch eine Nah- und Mikroaufnahme des Antisemitismus. „Propaganda von unten, von erschreckender Brutalität, Gehässigkeit und Raffinesse.“ Die „extreme Boshaftigkeit“ hat den Pädagogen betroffen gemacht.

Versteckte Hetze in alltagsnahen Geschichten

Ergebnis der einjährigen Analysearbeit: Die Macher der Jugendzeitschrift waren äußerst professionell und subtil. „Das war keine plumpe Propaganda oder plumper Antisemitismus wie im Stürmer“, sagt Ortmeyer. Zwei Drittel der Berichte seien nicht direkt rassistisch oder antisemitisch gewesen. „Entscheidend aber war das restliche Drittel.“ Die kleinen Alltagsgeschichten, mit denen sich die Schüler identifizieren konnten, die vermeintlich lustigen Anekdoten über Juden oder die Aktionen, bei denen die Kinder mitmachen sollten.

Etwa, wenn sie in den Kirchenbüchern ihrer Gemeinde nach konvertierten Juden suchen und diese denunzieren sollten. Oder wenn die Figur des Till Eulenspiegel mit der Taschenlampe durch die Stadt irrte, um vergeblich nach dem einen anständigen Juden zu suchen. „Diese Geschichten sind im Gedächtnis hängen geblieben“, berichtet Ortmeyer von einem Mann, der sich 60 Jahre später noch an diese Stelle in der Schülerzeitschrift erinnern konnte. „Die versteckte Hetze in den kleinen alltagsnahen Geschichten war viel wirkungsvoller und gefährlicher“, sagt der Professor und blättert zu der Stelle, wo der kleine Karl-Albert vor dem Bücherschrank des Vaters sitzt und diesen nach „Judenbüchern“ durchsucht. „Gift im Bücherschrank“ ist der Bericht im Novemberheft 1936 überschrieben.

In pseudowissenschaftlich belehrenden Texten wird über Rasse und Eugenik geschrieben, wird in Dialogen scheinbar objektiv das Pro und Kontra abgewogen, um nationalsozialistisches Gedankengut als die wahre Lehre zu verbreiten. „Das war „‚gut‘ gemachte Volksverhetzung“, sagt Ortmeyer. Gemacht von hoch qualifizierten Leuten, „die die Neugier und die Ängste der Kinder ausgenutzt haben“. Einer der Autoren war Johann von Leers, hochrangiger SS-Mann und Professor für Geschichte an der Universität Jena. Nach dem Krieg konnte er zunächst nach Südamerika fliehen und später nach Kairo. In Ägypten übersetzte er Hitlers „Mein Kampf“ ins Arabische.

Die Frankfurter Forscher haben die Jahrgänge der Zeitschrift auch auf Veränderungen hin analysiert. Die anfangs subtile Propaganda wird mit den Kriegsjahren direkter. Laut Ortmeyer dominierten dann nicht mehr Kindergeschichten, sondern die vom internationalen Judentum und dem Feind. „Da ging es nur noch darum, den Krieg zu gewinnen.“

Die Ergebnisse der Arbeit der Forschungsstelle – die sich im übrigen auch noch eine Vielzahl anderer Zeitschriften der NS-Zeit vorgenommen hat – fließen auch ein in Vorlesungen für und Projekte mit Lehramtsstudenten. Sie sollen die subtilen Mechanismen der Diskriminierung erkennen, sollen als angehende Erziehungswissenschaftler umgehen können mit diesen pädagogisch verpackten Methoden der Indoktrination. Ortmeyers Vorlesungen sind immer brechend voll.

Wie prägend „Hilf mit!“ für die damalige Generation von Kindern war, zeigt ein Beispiel. Der mittlerweile in die Kritik geratene Günter Grass berichtet in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“, dass ihn ein Wettbewerb in „Hilf mit!“ zu ersten Schreibversuchen animiert hat.

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