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02. August 2012

Pflegekräfte aus Osteuropa : Pflege-Migration hat weitreichende Folgen

 Von Katja Irle
In Deutschland arbeiten viele Osteuropäerinnen in der Pflegebranche.  Foto: Privat

Es klingt wie eine Win-Win-Situation: Arbeitssuchende Frauen aus Osteuropa verdingen sich in Deutschland als billige Haushaltshilfen oder Pflegekräfte und entlasten so deutsche Familien. Doch die Folgen sind vor allem für ihre eigenen Familien gravierend, wie die Soziologin Helma Lutz herausgefunden hat.

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Gebildet, aber ohne Job

Im ForschungsprojektLandscapes of Care Drain“ werden Frauen aus Osteuropa über ihre Erfahrungen befragt. Hier ein Auszug aus einem Interview:

Barbara Z. (45) kommt aus Schlesien. Sie hat drei Kinder, das jüngste ist 11 Jahre alt. Die Polin hat zwar einen Abschluss in Europäischem Verwaltungsrecht, doch einen Job gibt es für sie im Heimatland nicht. Deshalb betreut sie in Deutschland alte Leute – meistens illegal.

Seit zwölf Jahren ist Barbara Z. Witwe. Aus der gescheiterten Selbstständigkeit ihres Mannes stammen Schulden, die sie abbezahlen muss.

800 Euro im Monat bekommt sie für einen 24-Stunden-Dienst.

Die Distanz zur Heimat und zur Familie belastet sie: „Ich denke die ganze Zeit an meine Kinder. Aber manchmal bin ich auch stolz auf mich, dass ich das alles schaffe“, sagt sie. In ihrer Heimat muss sie sich manchmal für ihren Job rechtfertigen. Andere Kinder sagen zu ihrer Tochter: „Deine Mutter fährt hin, um den Deutschen den Hintern abzuwischen.“

Unter der Dusche geht es Wissenschaftlern nicht anders als der nicht forschenden Mehrheit. Der Geist ist noch schläfrig, wenn erste Medien-Informationen ins Bewusstsein sickern. Manche Nachrichten aber bewirken, dass man plötzlich hellwach wird. Im Fall von Helma Lutz, Professorin an der Goethe-Universität, war es in diesen Tagen die Radiowerbung einer Vermittlungsagentur für Pflegekräfte aus Osteuropa.

„Ich befasse mich seit Jahren mit diesem Thema, aber dass ein Anbieter in Deutschland so öffentlich wirbt, ist eine neue Dimension“, sagt die Geschlechterforscherin vom Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse. Lutz beobachtet seit Jahren ein Phänomen, das sie die „Feminisierung von Migration“ nennt. Das öffentliche Marketing im Radio bestätigt für sie einen Trend: „Der Pflege-Markt wächst beständig.“

Helma Lutz forscht am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse der Goethe-Uni.
Helma Lutz forscht am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse der Goethe-Uni.

Die kommerziellen „Makler“ für Hausarbeit, Betreuung und Pflege in deutschen Familien, die meistens mit Agenturen in Osteuropa kooperieren, verdienen an einer doppelten Notlage: Auf der einen Seite stehen verzweifelte Angehörige, die Eltern oder Großeltern nicht selbst pflegen können oder wollen. Auf der anderen Seite sind es arbeitssuchende Frauen aus Polen, Ungarn oder der Ukraine, die fern der Heimat ihre Familien finanzieren müssen.

Keine Erfindung des 21. Jahrhunderts

„Care-Drain“ nennen Forscher diese Entwicklung in Anlehnung an den „Brain-Drain“, mit dem der Weggang gut ausgebildeter Akademiker ins Ausland bezeichnet wird. Helma Lutz spricht mittlerweile vom „Care-Curtain“ und spielt damit auf den Eisernen Vorhang an, der einst Osteuropa vom Westen trennte. Heute verlaufe quer durch Europa eine unsichtbare Linie, sagt Lutz, die an einem neuen Buch über die Care-Migration von Ost nach West arbeitet.

Es geht ihr dabei um die familiären, gesellschaftlichen und globalen Folgen beim Pflegen und Pflegenlassen. Denn der Deal, der auf den ersten Blick nach einer Win-win-Situation für alle Beteiligten aussieht, hat Schattenseiten – vor allem für die Frauen und ihre Familien in Osteuropa.

Für die Kinder dieser „transnationalen Mütter“ hat sich mittlerweile der Begriff „Euro-Waisen“ herausgebildet. „Manche Frauen werden in ihren Herkunftsländern als Rabenmütter beschimpft. Den Männern lastet man das jedoch nicht an, wenn sie im Ausland arbeiten müssen“, sagt Helma Lutz.

Die Weitergabe der Care-Arbeit (Fürsorge) an Fremde ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. „Das neue Dienstmädchenphänomen hat historische Vorläufer“, erzählt Lutz. So verließen auch in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts junge Frauen ihre Heimat, um in Frankreich, den Niederlanden, den USA, Australien oder in deutschen Kolonien zu arbeiten.

Drei Millionne Care-Migrantinnen

Heute gehört Deutschland selbst zu den großen „Import-Nationen“ von Care-Arbeit. Das Deutsche Institut für Angewandte Pflegeforschung geht davon aus, dass 100.000 bis 145.000 Osteuropäerinnen pflegebedürftige Menschen betreuen – meistens illegal, ohne vertraglich abgesicherten Lohn und geregelte Arbeitszeiten.

Helma Lutz schätzt, dass allein in Westeuropa drei Millionen Care-Migrantinnen unterwegs sind. Das sei die am schnellsten wachsende Migrantengruppe weltweit, sagt die Professorin.

In Deutschland gehört die Gender-Forscherin zu den Pionieren auf ihrem Gebiet. Aber auch in den USA machen Wissenschaftler auf die Folgen der Care-Migration aufmerksam. So spricht etwa die Soziologin Arlie Hochschild von einer „global care chain“ (globale Versorgungskette) und warnt, dass sich die sozialen Ungleichheiten vertieften, wenn Care-Arbeit in den Industrienationen kommerzialisiert und an Migrantinnen in ärmeren Ländern weitergegeben würde.

Ökonomen sehen das allerdings anders, schließlich trage das im Westen verdiente Geld auch dazu bei, die wirtschaftliche Situation in den Heimatländern zu verbessern und so Aufstiegschancen für die nächste Generation zu schaffen. Helma Lutz ist da skeptisch, denn sie beobachtet stattdessen, dass die Care-Arbeit oft von einer Generation auf die nächste übertragen wird – von Frau zu Frau.

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