kalaydo.de Anzeigen

Campus
Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

25. Oktober 2012

Senckenberg-Tagebücher: Entschlüsselung der Sauklaue

 Von 
Sie sieht was, was wir nicht sehen: Veronika Marschall kann Senckenbergs Handschrift lesen. Foto: Martin Weis

Lange waren Senckenbergs Tagebücher nicht zu lesen – zu sonderbar war die Handschrift des Gelehrten. Leidglich eine Expertin hat da den Durchblick und übersetzt das Opus nun Stück für Stück für die Normalsterblichen.

Drucken per Mail

"Lersner – aus dieser Familie kommt nichts Gutes“: Es sind harsche Worte, die der Herr Doktor da wählt. Immerhin hat im Jahr 1706 ein gewisser Achilles August von Lersner die bis dahin beste Chronik der Freien Reichsstadt Frankfurt verfasst. Doch das ficht einen wie Johann Christian Senckenberg nicht an. Mehr noch: Das ziemlich vernichtende Urteil ist typisch für diesen zweitberühmtesten Sohn der Stadt.

Der 1707 Geborene ist unter Zeitgenossen berüchtigt ob seiner spitze Zunge. Die Räte der Stadt hat er wahlweise als „Teufel“ oder „dumme Spitzbuben“ bezeichnet. Doch das Besondere an der Sentenz über die Lersners ist, dass sie mit spitzer Feder festgehalten wurde.
Nun ist es nicht so, dass der große Arzt und Forscher nichts zu Papier gebracht hätte. Im Gegenteil. Sein Tagebuch umfasst 53 Bände. Dazu 660 Mappen, in denen er Notizen archivierte.

Dieses gewaltige Opus, Dokument seines ungeheuren Universalwissen, ruht heute im Hochsicherheitstrakt der Frankfurter Unibibliothek, die genau genommen Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg heißt – und hat nur einen Nachteil: Es ist praktisch unlesbar.

Eine Geheimschrift?

Jedenfalls war es das bis vor kurzem. Noch im Senckenberg-Jahr 2007, als die Stadt mit unzähligen Veranstaltungen den 300. Geburtstag des Goethe-Zeitgenossen feierte, hieß es über die Tagebücher: Die hat der alte Querkopf in einer Geheimschrift verfasst. Damit ihm niemand auf seine skurrilen – oder boshaften – Gedanken komme.

Mutmaßlich hat der große Gelehrte Johann Christian Senckenberg von links nach rechts geschrieben - aber kann man da so sicher sein?
Mutmaßlich hat der große Gelehrte Johann Christian Senckenberg von links nach rechts geschrieben - aber kann man da so sicher sein?
Foto: Martin Weis

Doch seit knapp zwei Jahren liegt das Leben jenes Mannes, auf dessen großzügige Stiftung Senckenberg-Museum und -Gesellschaft zurückgehen, wie ein offenes Buch da. Fast wie ein offenes Buch. Denn die Einzige, die das sonderbare Geschreibsel aus fünf Jahrzehnten lesen kann, schafft am Tag etwa zehn Seiten. Bei rund 38.000 Seiten kann sich Veronika Marschall ausrechnen, dass sie eine Lebensanstellung bei der Bibliothek hat. Eigentlich – die Finanzierung der nächsten Phase ist ungewiss.

Es wäre schade, wenn das Projekt schon nach dem Start endete. Auch der ist eine Geschichte für sich: „Wir hatten 2007 im Senckenberg-Jahr einen Aufruf gestartet“, erzählt Berndt Dugall, der Direktor der Bibliothek. Viel Hoffnung habe man nicht gehabt. Schließlich hatten sich schon unzählige Schriftgelehrte an den Aufzeichnungen versucht. Von Senckenberg-Direktor Volker Mosbrugger ist überliefert, dass er das Entziffern der „Sauklaue“ nur Lateinlehrern mit luziden Kenntnissen des Frankurter Dialekts zutraue. Lediglich aus den 20er Jahren gab es ein paar entschlüsselte, oder wie der Fachmann sagt: transkribierte, Abschnitte. Die hatte seinerzeit Rudolf Jung erstellt.

Der Mond steht für Montag

Lesbar musste das mit sonderbaren Zeichen und unzähligen Abkürzungen durchsetzte polyglotte Kauderwelsch also schon irgendwie sein. Diese Aufzeichnungen vom wohl bedeutendsten Leiter des Stadtarchivs, wohin der Rat den Nachlass verfrachtet hatte, boten einen gewaltigen Vorteil: Genau daran durften die Probanden, die sich im Zuge des Jubiläumsjahres meldeten, ihr Glück beim Dechiffrieren versuchen.

Die Resultate waren, erinnert Dugall seufzend, ernüchternd. Bis das Probestück auf Umwegen zu Veronika Marschall kam. Die promovierte Germanistin las es zwar auch nicht so flüssig wie andere einen Frankfurt-Krimi – aber es stimmte. Der Trick? Eigentlich keiner. „Ich konnte es einfach lesen“, sagt die Frau aus Ellwangen von der Ostalb bescheiden. Sicher, man muss sich in die wilde Mischung mit einer Basis aus je 40 Prozent Latein und Deutsch hineinfinden. Und auch die hineingestreuten Piktogramme verstehen, die in den Wissenschaften des 18. Jahrhunderts gängig waren, etwa astrologische Zeichen wie den Mond für Montag.

Das kann angesichts des ungeheuren Interessens- und Wissensspektrums von Senckenberg natürlich zur Herausforderung werden. Doch es ging. Und so sitzt Marschall in ihrem Zimmer in der Bibliothek und hält fein säuberlich fest, was der große Frankfurter unverblümt von sich gab.

Eine Fundgrube aus Alltagsbeschreibungen

Und das hat es in sich. Denn der Stadtphysicus – sozusagen das heutige Stadtgesundheitsamt in einer Person – hielt praktisch alles fest. Nicht nur den Klatsch und Tratsch der Zeitgenossen oder seine eigene Meinung etwa über die Familie Lersner. Ob Goethe, Textor, Diesterweg, Gontard, de Neufville oder von Wiesenhütten – er blättert ein Who is who der alten Stadtgesellschaft auf. So ungeschönt, wie Senckenberg die Tage festhielt, sind seine Einträge eine überreiche Quelle für das Alltagsgeschehen.

Gewiss, Urkunden von Majestäten oder gelehrte Bücher aus dem 18. Jahrhundert gibt es zuhauf. Doch nicht genau jene ungeschönten Notizen aus dem normalen Leben.

Das Projekt
Erste Phase
Die Originale

Getragen wird das Pilotprojekt zur Transkribierung der Senckenberg-Tagebücher von Universitätsbibliothek und der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Allerdings ist es auf zwei Jahre befristet. Ein Antrag auf Verlängerung ist gestellt.

Im ersten Schritt werden die Tagebücher aus der Zeit 1762/63 erfasst – quasi als Morgengabe zum 250. Bestehen der Stiftung im Jahr 2013.

Die Originale kann man im Internet ansehen: www.ub.uni-frankfurt.de bei „Bibliothek online“ auf dem „Publikationsserver“ nach „Senckenberg“ suchen. Später werden auch die Transkribierungen dort zu finden sein.

Davon liefert schon der junge Senckenberg reichlich. Etwa von seiner Reise 1730 nach Halle, wo er das Studium aufnahm. Minuziös zeichnet er auf, über was er mit seinem Reisebegleiter, einem Garde-Kommandanten, parlierte, wo übernachtet wurde, wie ihm ein Apotheker in Weimar von Drachenblut bis Kokosnuss die Arzneien erläuterte. Dass neben wissenschaftlichen Notizen zu Pharmazie, Botanik, Chemie, Physik und Mineralogie unvermittelt ein Kochrezept steht oder Exzerpte von Zeitungsberichten oder spitze Bemerkungen zu zeitgenössischen Strömungen in Theologie und Philosophie – das macht die Sache für Marschall als erste Leserin schwierig. Doch für jene, die später einfach nur noch die transkribierten Originale digital auf den Seiten der Unibibliothek aufrufen, zu einer Fundgrube.

Dazu dürften auch Medizinhistoriker zählen. Denn natürlich hat der Arzt eine Unzahl Fallbeschreibungen hinterlassen. Sein Rat galt etwas – Kaiser Karl VII., 1742 in Frankfurt gekrönt, schätzte die offene und ehrliche Art sehr, obwohl er ihm den Tod seiner Tochter Theresia vorhergesagt hatte.

Um Tod und Sterben dürften sich auch viele biografische Notizen drehen. Das Leben des Doktors erscheint als unfassbare Ansammlung von Schicksalsschlägen. Dass er 1772 bei einer Inspektion des von ihm begründeten Bürgerhospitals vom Uhrturm in den Tod stürzte, ist da fast folgerichtig.

Dreimal hatte er geheiratet, alle Frauen starben. Ebenso die Kinder. In den Tagebüchern findet sich eine anrührende Stelle von 1747 nach dem Tod der zweiten Frau. „Hier sitze ich nun mit dem Kater“, schreibt er. Das Katzenvieh, das er von Johann Benjamin Ehrenreich sogar malen ließ, sei alles, was ihm geblieben sei.

Jetzt kommentieren

Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie dazu bitte auf das orange Symbol.

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Mainz

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden

Twitter
FR-Event

Ferien zu Hause

Ferien zu Hause

Leser-Touren: Die FR führt Sie in Unternehmen und Institutionen. Programm und Anmeldeformular.

Einzigartige Erlebnisse: Praktikant in der Schokokuss-Fabrik, Tierpfleger bei den Wölfen oder Kapitän eines Mainschiffs - jeden zweiten Tag gibt's unsere große Verlosung. Programm und Teilnahme-Gewinnspiel.

Rabatte: Jeden Tag Coupon aus der Zeitung schneiden und günstig in Zoo, Schwimmbad oder Kino gehen. Mit dem FR-Sommerabo verpassen Sie keine Zeitung. Bestellformular.

Alle Informationen in unserem Online-Dossier.

Online-Kataloge
Anzeige
Sonderheft

Die Siebziger sind die Frankfurter Jahre. Von hier aus strahlt in die Republik, was das Jahrzehnt bestimmt: das Aufbegehren der Jugend, der Häuserkampf in und ums Westend, die terroristische Bedrohung der RAF - und die Flügelzange der Eintracht mit Grabowski und Hölzenbein.

FR-Geschichte: 70er Jahre in Frankfurt

Unser Sonderheft blickt zurück, dokumentiert Originaltexte und zeigt das Jahrzehnt in Bildern.

Mountainbike-Touren im Video
ANZEIGE
- Partner