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Campus
Campus-News: Studium und Studenten-Leben an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet

08. Dezember 2011

Streik: Ausbeutung statt Ausbildung

 Von Oliver Heil
Gespräche mit Patienten: Die Ausbildung zum Psychotherapeuten ist schlecht bezahlt.  Foto: dpa

Trotz Diplom schlechte Bezahlung: Am Donnerstag gehen in Wiesbaden angehende Psychotherapeuten auf die Barrikaden.

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Sie nennen sich Psychotherapeuten in Ausbeutung. An den psychiatrischen Kliniken leisten sie die gleiche Arbeit wie approbierte Psychotherapeuten. Sie haben Psychologie-Diplome. Doch sie verdienen entweder gar nichts oder gerade genug für die Fahrtkosten. Jetzt gehen die Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) auf die Barrikaden. In ganz Deutschland werden in dieser Woche Kliniken bestreikt, am heutigen Donnerstag sind in neun deutschen Städten Demonstrationen angekündigt. In Wiesbaden ziehen die PiAs um 14 Uhr vom Hauptbahnhof zu einer Kundgebung vor dem Sozialministerium. Sie fordern angemessene Bezahlung und eine Reform des Psychotherapeutengesetzes.

Privatleben eingestellt

In diesem Gesetz ist unter anderem festgelegt, dass angehende Psychotherapeuten ein Pflichtjahr in einer psychiatrischen Klinik absolvieren müssen – und dass die Kliniken entscheiden dürfen, ob sie dafür bezahlen. Die Klinik, in der Antje Fischer arbeitet, hat sich entschieden zu bezahlen, so wie viele Kliniken im Rhein-Main-Gebiet. Aber die meisten kommen mit dem Gehalt – meist wenige hundert Euro – nicht aus. „Ich habe gerade erfahren, dass meine Nebenkosten erhöht werden. Jetzt reicht mein Gehalt nicht mal mehr für die Miete“, sagt die 27-Jährige, die ihr Psychologie-Diplom an der Frankfurter Goethe-Uni gemacht hat. „Mein Leben sieht im Moment so aus, dass ich meinen Job in der Klinik habe, dann einen Nebenjob, von dem ich eigentlich lebe und am Wochenende haben wir Theoriekurse“, erzählt Antje Fischer. „Mein Privatleben habe ich mit Beginn der Ausbildung quasi eingestellt.“

Die dreijährige Fachausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten bieten in Frankfurt beispielsweise zwei Institute an. Das „Ausbildungsprogramm psychologische Psychotherapie“ in Bockenheim, das dem Uni-Institut für Klinische Psychologie angegliedert ist und die privat organisierte „Gesellschaft für Ausbildung in Psychotherapie“ im Westend. Zu der Ausbildung gehört das einjährige Klinik-Pflichtjahr dazu, ähnlich dem früheren Programm „Arzt im Praktikum“. Das wurde 2004 nach langen Protesten abgeschafft.

Ähnliche Ziele haben die PiAs. Unzufriedenheit mit den Bedingungen gebe es schon lange, berichtet Lara Aror aus Gießen, Mitorganisatorin der heutigen Demo. Dass nach zwölf Jahren eine Protestbewegung durchs Land rollt, führt sie auf die anstehende Novellierung des Gesetzes zurück. „Bisher wurde über viele wichtige Themen verhandelt, aber die Situation der PiAs fiel hinten runter.“ Das ändert sich jetzt. Für ihre Aktionen bekommen die angehenden Psychotherapeuten Unterstützung von allen Berufsverbänden.

Nicht so begeistert sind viele Klinikleitungen. Lara Aror weist zwar darauf hin, dass ihre Gruppe keinen Streik organisiert, doch weil sie gut vernetzt ist, weiß sie von PiAs aus dem Rhein-Main-Gebiet, die Streiks geplant hatten, aber nach Drohungen durch die Arbeitgeber einen Rückzieher machten. Gestreikt wird wohl nur am Frankfurter Markus-Krankenhaus, an der Uniklinik, der Klinik Hohe Mark und in Walluf. Auch Antje Fischer heißt eigentlich anders, will aber aus Angst vor Ärger mit der Klinik nicht mit richtigem Namen in der Zeitung stehen.

Gründe für den Protest kann Aror viele aufzählen. „Es ist feine Ironie, dass wir Burnout-Patienten behandeln und viele von uns selber darauf zusteuern.“ Die Ausbildungssituation sei vielerorts schlecht. Betroffene würden alleingelassen, ausgebeutet statt ausgebildet. Und über allem schwebe die psychische Belastung enormer Verschuldung. „Viele haben Bafög-Schulden, nehmen Kredite auf, um die 12000 bis 60000 Euro für die Ausbildung zu bezahlen. Und später verschulden sie sich dann nochmals in der Größenordnung, weil sie eine Kassenzulassung kaufen müssen.“

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