Der erste Praxis-Einsatz an der Mannheimer Schule war für die Studentin ein regelrechter Motivationsschub: „Schockiert“ sei sie gewesen, erzählt Theresa Richter, „wie schlecht die Schüler tatsächlich informiert waren“. Einige Mädchen wollten von ihr wissen, ob es denn wirklich wahr sei, dass bei der Entjungferung das Becken zerspringe. Nur mit Mühe konnte Richter sie vom Gegenteil überzeugen. Ein 16-jähriger Junge derselben Klassenstufe sei geradezu bestürzt gewesen, als er erfuhr, dass Frauen einmal im Monat bluten. „Der Junge konnte das gar nicht glauben“, berichtet die 23-Jährige. „Wenn ich etwas mitgenommen habe aus der Schule in Mannheim, dann ist es die Bestätigung, wie krass das Projekt benötigt wird“, resümiert sie.
Schon seit einem Jahr setzt sich die Medizinstudentin dafür ein, dass das Präventions- und Aufklärungsprojekt „Mit Sicherheit verliebt“ auch in Frankfurt realisiert wird. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) hatte die Initiative zur Grundlagenvermittlung über Sexualität und Verhütung erstmals 2001 in Rostock initiiert. Seitdem entstehen in immer mehr deutschen Hochschulstädten lokale Projektgruppen.
Hessen ist ein weißer Fleck
An 28 Standorten ist die Initiative bereits vertreten; nur Hessen ist noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Richter will das nun ändern: Zusammen mit Kommilitonen will sie zu Beginn des kommenden Jahres an die Frankfurter Schulen gehen und mit Jugendlichen vier Stunden zum Thema Sexualität arbeiten – ohne die Lehrer.
Genau darin sieht Richter, Medizinstudentin der Goethe-Uni im neunten Semester, den großen Vorteil des Projekts. Das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Studenten und Schülern könne ein Biologielehrer im Sexualkundeunterricht nur schwerlich aufbauen. „Wir sind einfach jünger und näher dran an der Lebensrealität der Schüler“, betont sie. Außerdem sei die Hemmschwelle der Teenager viel niedriger, weil die Studenten eben nicht am folgenden Tag wieder vor der Klasse stünden.
Der vierstündige Unterrichtsplan für die Projektgruppen aus den siebten und achten Schulklassen enthält zahlreiche spielerische Elemente. Richters „Lieblingsspiel“ soll die Schüler für die sexuelle Übertragbarkeit von Infektionen wie HIV/Aids sensibilisieren – ein Schwerpunktthema des Projekts. Dabei bekommt jeder Schüler einen Becher mit verdünnter Milch. Drei der Becher sind mit Salz versetzt. Die Jugendlichen haben dann die Aufgabe, etwas von ihrem Milch-Gemisch in die Becher von drei Klassenkameraden zu schütten, die die gleiche Menge wieder zurückgießen. Am Ende probieren alle den Inhalt. Oft schmeckte die Hälfte der Milch-Becher dann salzig. „Da kommen dann schon viele Schüler ins Grübeln“, erläutert Richter.
Zweitägiger Lehrgang für Studenten
Theoretische Grundlagen zur Sexualaufklärung hatte sich die Studentin zuvor in mehreren Workshops angeeignet. Mit dem Schulbesuch, zu dem sie die Mannheimer Projektpartner im vergangenen Sommer mitnahmen, sammelte sie die nötigen Praxiserfahrungen, um in Frankfurt loslegen zu können.
Vor gut zwei Wochen fand dann der erste Frankfurter Ausbildungs-Workshop statt. Etwa 50 Medizinstudenten der Goethe-Uni durchliefen den zweitägigen Lehrgang, zu dem externe Dozenten angereist waren. „Wir sind ja nicht irgendwelche Studis, die mal an der Schule vorbeikommen, sondern wurden professionell dafür ausgebildet“, sagt Richter. Durch den Workshop existiere nun auch hier der „nötige Pool an ehrenamtlichen Leuten“, um das Projekt umzusetzen.
Derzeit muss sie dafür viel Überzeugungsarbeit leisten. Viele Schulen der Stadt erhalten dieser Tage Anfragen von ihr. Manchmal schaut Richter auch direkt beim Schulleiter vorbei, um für die Initiative zu werben. „Unser Hauptproblem ist es zur Zeit, einen Fuß in die Tür zu kriegen“, so die Studentin. Allerdings habe die Wöhlerschule bereits Interesse bekundet.