Seit Jessica weiß, dass sie nicht muss, geht sie gern. Und wenn sie wiederkommt, übt sie sogar. Nicht immer so, wie sie sollte. Aber immer öfter. Geige. Manche ihrer Mitschüler finden das uncool. Aber die, findet Jessica, sind alles andere als hottie.
Ihr Vater freut sich indessen über den geglückten pädagogischen Trick. Er hat Jessica die Abmeldung vom Geigenunterricht fertig unterschrieben hingelegt. Sie könne jederzeit aufhören. Kein Zwang, kein Taschengeldentzug. Seither klappt’s mit der musikalischen Bildung ganz gut.
Mit derlei familiären Strategien scheint sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen gut auszukennen. Ihr Vorschlag für zusätzliche bargeldlose Leistungen für Kinder, insbesondere von Hartz IV-Empfängern, setzt auf den Coolness-Faktor der Chipkarte. Sie soll nicht auf den ersten Blick als „Asi-Ausweis“, wie Jugendliche das wohl nennen würden, identifiziert werden können. Eher gilt die Devise: Man hat’s drauf, wenn man was draufhat. Dumm nur, dass die Kartengläubigkeit rasch an ihre Grenzen stößt. Es ist jedenfalls kaum vorstellbar, dass die kommunalen Musikschulen bald mit handlichen Lesegeräten aufrüsten, um die in Massen vorgelegten Karten elektronisch auszulesen zu können. Bei aller technischen Flexibilität scheinen papierne Gutscheine oder schnöde Rechnungen, gegebenenfalls per Email, doch der einfachere Weg.
Die Chipkarte ist ein politisch-psychologisches Passepartout. Man ist mit ihr technologisch vorne dran und es versetzt die politischen Gegner nicht gleich in die Lage, die Diskriminierungskarte zu ziehen. Die Bildungschipkarte ist diskret, modern und weitgehend ressentimentfrei. Kein Wort darüber aus von der Leyens Mund, dass die Eltern im Fall der Bargeldvergabe den Preis für den Musikunterricht ihrer Kinder versaufen könnten, wie es der Berliner Lokalpolitiker Heinz Buschkowsky immer wieder wirkungsvoll in die Debatte eingespeist hat. Die Karte gibt nichts her, was nicht vorher draufgeladen wurde. Dass die kleinen Wunderdinger in der Tasche eine permanente Produktenttäuschung darstellen, weiß beinahe jeder, der das ein oder andere Stück regelmäßig handhabt.