Was die Autoren der Landbücher eint, ist: Sie alle liebten und lebten das schnelle urbane Leben in Hamburg, Berlin oder Frankfurt. Das ist die Fallhöhe, die eine simple Lebensentscheidung zur großen Lebensgeschichte macht. Sie garantiert außerdem die Distanz, die nötig ist, um fern der ländlichen Realität seine persönliche Utopie des Landlebens umzusetzen. Niemand muss sich in eine dörfliche Gemeinschaft mit all ihren Zwängen einfügen oder als Zugezogener Ausgrenzung fürchten. Zum einen, weil das Land durch den Niedergang bäuerlicher Kultur und Fluktuation zersiedelt ist. Zum anderen, weil die Neu-Dörfler sich zur Erfüllung ihres Traums den perfekten Ort aussuchen.
So gelingt es „Teilzeit-Landei“ Hochreither ebenso wie Reichert, ironische Distanz zu sich selbst und den natürlich „schrulligen“ Dorfbewohnern einzunehmen. Klar: wer jedes Wochenende Bauernhof spielt, braucht Land-Klischees als Staffage. Sonst gibt es nichts zu erzählen in der großen Stadt, in der man sich außerdem moralisch über seine ahnungslosen Mitmenschen erhebt. Fernsehmoderator Moor wiederum gab sich nicht mit einem Häuschen zufrieden – er wollte ein ganzes brandenburgisches Dorf seinen Träumereien unterordnen. Mit Bio-Hof, Tante-Emma-Laden, Dorfgenossenschaft, Kulturangeboten und einem gläsernen Stall auf dem Marktplatz als Touristenattraktion. Die Dörfler zeigten sich wenig begeistert – die Touristen kamen trotzdem.
Sezgin hingegen lebt bereits seit Jahren mit Schafen, Ziegen, Hühnern, Gänsen und gülleresistenten Gummistiefeln in der Lüneburger Heide. Die FR-Kolumnistin beschäftigt sich außerdem seit langer Zeit mit der ländlichen Realität: Die schlimmen Folgen der industriellen Landwirtschaft und Tierhaltung werden auch im Buch hinterfragt. Das persönliche Glück auf dem Land aber folgt Idealvorstellungen: Dem Umzug ging die Suche nach dem perfekten Haus voran. Wozu auch gehört, Wahlergebnisse zu durchforsten, um nicht in einem Nazi-Kaff zu landen. Das Glück findet Sezgin schließlich auf einem Häuschen am Rand eines Öko-Guts in einer Gemeinschaft „voller kulturinteressierter, herzlicher, fantasiebegabter und ökologisch gesonnener Leute“. Hier feiert man kein Schützenfest, sondern schwedische Abende.
Gleichzeitig in der Stadt und auf dem Land
Das wiederum klingt mehr nach Prenzlauer Berg – und tatsächlich findet man klassische Dorfstrukturen heute eher in den gentrifizierten Vierteln der Großstädte. Zum Beispiel Tante-Emma-Läden, die auf dem Dorf längst ausgestorben sind. Während die Cafés und Restaurants in den In-Vierteln Wildkräuter-Gerichte servieren und im neoromantischen Landhausstil („Shabby-Chic“) gehalten sind, ist das reale Land der Gewerbegebietisierung zum Opfer gefallen. Als traurige Reminiszenz ans alte Landleben ist allenfalls Landhaus-Kitsch aus dem Baumarkt geblieben: schmiedeeiserne Riesenzäune, Terrakotta-Figuren.
Geschmackvoll restaurierte Bauernhäuser werden meist von Manufactum-Auswanderern bewohnt. Sie sind vermutlich auch die letzten, die Gemüse pflanzen und Hühner halten. Auf den Wiesen grasen keine Kühe mehr, weil sich die Haltung außerhalb von Großbetrieben nicht mehr lohnt – stattdessen wächst dort Energie für den Energiekonsum der Städte. Die Neubaugebiete wachsen in die Kreisstädte hinein, deren Ortseingänge von Murnau bis Plön vom Dreiklang Discounter, Baumarkt und Getränkegroßhandel dominiert sind. In Berlin hingegen sprießen „Urban Villages“ aus dem Boden – kleine homogene Siedlungen für Gemeinschaften, die, wie einst auf dem Dorf, unter sich bleiben wollen. „Kann man gleichzeitig in der Stadt und auf dem Land wohnen? Ja, das geht!“, lautet der Slogan der Marthas-Höfe im Prenzlauer Berg.
Axel Brüggemann, Autor des Buchs „Landfrust“, ist ebenfalls von Berlin aufs Land gezogen. Auch er hätte gern ein begeistertes Buch darüber geschrieben. „Aber nach einem halben Jahr habe ich gemerkt, wie schnell man beginnt, sich seine Umgebung schönzureden – nur um eventuelle Zweifel an der eigenen Lebensplanung gar nicht erst aufkommen zu lassen.“ Brüggemanns Buch ist ein trauriger Report über den Niedergang des Landes. Über Arbeitslosigkeit, sterbende Bauernhöfe, Naturzerstörung, Gewalt und überschuldete Gemeinden. „Nirgends“, schreibt er, „sind die Deutschen ärmer, ungebildeter und frustrierter.“
Natürlich ist auch das nicht die einzige Realität. Brüggemann, der selbst auf dem Land groß geworden ist, sagt: „Statt uns das Landleben schönzureden, müssen wir es retten.“ Das ist die Land-Sehnsucht derer, die darin aufgewachsen sind. Sie spüren vor allem den Verlust. Der Städter hingegen kann sich darauf konzentrieren, nur das Schöne zu sehen. Er kennt es ja nicht anders.