Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Commerzbank

10. Februar 2014

Commerzbank: „Wir schaffen jetzt Fahrräder an“

Die Commerzbank will ihre grüne Bilanz verbessern.  Foto: dpa

Commerzbank-Vorstand Frank Annuscheit spricht im Interview über seine Dienstwagenpolitik, die Energiewende und wie sein Haus mit kritischen Kreditkunden umgeht.

Drucken per Mail
Frank Annuscheit

Karriere: Frank Annuscheit, 51, verheiratet, zwei Kinder, ist Chief Operating Officer (COO) der Commerzbank und damit unter anderem zuständig für IT und Personal. Zudem leitet er den Konzernumweltausschuss der Bank, der 2010 gegründet wurde und eine Anlaufstelle für alle Fragen des Umweltschutzes ist. Bevor Annuscheit 2003 zur Commerzbank kam, war er zehn Jahre für die Deutsche Bank tätig.

Unternehmen: In der Finanzkrise musste die Commerzbank vom Bund gestützt werden. Seither hat die Bank zwar einen Teil der Staatshilfe zurücküberwiesen, der Staat ist trotzdem noch mit 17 Prozent beteiligt. Die versuchte Neuausrichtung des Geldhauses zielt unter anderem darum darauf ab, das Privat- und Firmenkundengeschäft in Deutschland zu stärken.

Zum Interview mit der Frankfurter Rundschau hat sich Frank Annuscheit eine grüne Krawatte umgebunden. Das passt. Schließlich soll es in unserem Gespräch vor allem um den Umweltschutz gehen. Das Thema spielt für den Commerzbank-Vorstand eine wichtige Rolle, leitet er doch den Umweltausschuss einer Bank, die sich selbst als einen der Vorreiter der Energiewende sieht.

Herr Annuscheit, die Commerzbank will ein umweltfreundlicher Konzern sein. Es gibt Leitlinien zum Energieverbrauch, zum Abfall und zu Dienstreisen. Wie läuft das: Fahren Vorstandschef Martin Blessing und Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller gemeinsam zur Bafin nach Bonn, wenn sie dort einen Termin haben?
Unsere Dienstreiserichtlinie gilt natürlich auch für den Vorstand. Wenn wir zusammen irgendwo hinmüssen, fahren wir nicht hintereinander her, sondern gemeinsam. Das ist ja auch kommunikativer. Selbst wenn das Fahrverhalten der sieben Vorstände auf die Gesamtklimabilanz der Bank nicht so viel Einfluss hat: Wir sollten Vorbild sein. Die beste Dienstreise ist übrigens die vermiedene Dienstreise.

In vielen Firmen sind die Autos des Spitzen-Managements immer noch CO2-Schleudern.
Um den CO2-Ausstoß zu verringern, setzen wir Grenzwerte. Mit unserer neuen Fahrzeugflotte sind wir bereits heute nah an den Zielwerten der geplanten EU-Verordnung. Die sieht ab 2020 eine CO2-Höchstgrenze von durchschnittlich 95 Gramm pro Kilometer vor. Zum Vergleich: 2012 lagen wir noch bei 122 Gramm pro Kilometer. Kürzlich habe ich einem Kollegen auf der Ersten Führungsebene zu dessen Bedauern seinen Dienstwagen-Wunsch verwehrt, weil der CO2-Ausstoß des Wagens knapp über dem Grenzwert lag. Bei diesem Thema dürfen Sie keine Ausnahmen machen. Und als Alternative zum Auto: In Frankfurt stellen wir unseren Mitarbeitern demnächst eine Flotte Fahrräder kostenlos zur Verfügung und ab Frühsommer deutschlandweit sogar ein Leasing-Modell für Fahrräder und E-Bikes.

Ihr Aktienkurs ist im Keller, operativ klemmt es an vielen Stellen. Finden Sie mit diesen Themen überhaupt Gehör im Konzern?
Moment! Wir sind deutlich vorangekommen und auch unser Aktienkurs hat sich erholt. Die Commerzbank ist zwar kein energieintensiver Betrieb, aber man sollte unsere Rolle und unseren Beitrag bei diesem gesellschaftlich wichtigen Thema nicht unterschätzen. Außerdem besteht ja kein Widerspruch zu unseren geschäftlichen Interessen: Zum Beispiel liegt uns viel daran, auch als der moderne Arbeitgeber, der wir sind, wahrgenommen zu werden.

Oder ist das Greenwashing – also eine Marketinggeschichte?
Nein, keineswegs. Wir nehmen das Thema ernst. Hauptziel ist die Reduktion der CO2-Emissionen, um die Commerzbank schrittweise klimaneutral zu stellen. Entscheidend ist, was dabei herauskommt.

Was kommt denn dabei heraus?
Wir messen natürlich, was wir einsparen. Ausgehend von 2007 wollen wir unseren CO2-Ausstoß bis spätestens 2020 um 70 Prozent senken. Mehr als 50 Prozent haben wir bereits erreicht. Aber wir schauen uns auch an, wie wir extern eingeordnet werden. Beim Ranking des Carbon Disclosure Projekt zählen wir 2013 erstmals zu den besten zehn Prozent der Unternehmen in der Region Deutschland, Österreich, Schweiz. Und laut Bloomberg sind wir eine der 20 grünsten Banken weltweit. Unser Umweltmanagement ist seit Februar 2009 vom DNV-GL (Det Norske Veritas – Germanischer Lloyd) zertifiziert. Unsere Zentrale in Frankfurt war bereits in den 90er Jahren Vorreiter für die Green Buildings.

Was bringen aber die Richtlinien, wenn Sie nach wie vor umstrittene Konzerne finanzieren? Laut der Organisation Facing Finance haben Sie allein beim Rohstoffhändler Glencore, der für exzessive Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht wird, ein Darlehen von gut 500 Millionen Euro ausstehen. Genannt werden auch Gazprom und Anglo American.
Vorneweg: Zu einzelnen Kreditbeziehungen werde ich mich wegen des Bankgeheimnisses nicht äußern. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass wir die in der Studie angeführten Themen aufmerksam verfolgen. Ich kann Ihnen versichern, dass wir dem im Rahmen unseres Reputationsrisiko-Managements Rechnung tragen. Im Übrigen handelt es sich bei den in der Studie genannten Aktien zum Beispiel keineswegs um strategische Investments. Das sind unter anderem Aktien, die in Indizes enthalten sind, auf die die Commerzbank Produkte begibt.

Lehnen Sie auch Kunden ab?
Wir haben seit Langem einen sehr strengen Prozess bei der Kreditvergabe, bei dem ökologische, soziale und ethische Aspekte eine Rolle spielen. Rund zehn Prozent der dem Reputationsrisiko-Management vorgelegten Anträge lehnen wir ab, weil sie unsere Kriterien nicht erfüllen. Im Fall von Palmöl-Lieferanten, von denen einige für die Verdrängung des Regenwaldes verantwortlich gemacht werden, haben wir unsere Kriterien im Kerngeschäft verankert. Nur wer die Vorgaben des Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) erfüllt, bekommt Kredit. Ob wir es damit schaffen, gar nicht mehr in diesen Reports aufzutauchen, weiß ich nicht. Denn letztlich sind das Graubereiche, da sollte man die Rolle einer Bank nicht überschätzen.

Versuchen Sie Einfluss zu nehmen auf ihre Kreditnehmer?
Ja, unsere Prozesse haben eine Signalwirkung auf unsere Kreditnehmer. Die kriegen ja mit, dass Kreditentscheidungen noch mal in eine weitere Runde müssen. Ich bin mir sicher, dass das auch zu Verhaltensänderungen führt. Bei Glencore ist Ihre Beziehung aber deutlich sichtbar. Ein Darlehen von 500 Millionen Euro ist bemerkenswert. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich – wie gesagt – zu einzelnen Engagements wegen des Bankgeheimnisses nichts sagen werde.

Frank Annuscheit, IT-Vorstand der Commerzbank.
Frank Annuscheit, IT-Vorstand der Commerzbank.
 Foto: christoph boeckheler*

Der norwegische Ölfonds hat eine Liste mit Firmen, in die er nicht investiert. Eine Orientierung?
Wir haben einen Blick darauf, bilden uns aber unsere eigene Meinung. Seit 2011 prüfen wir alle unsere Angebote für Privatkunden: Wir schließen Unternehmen aus, die gegen UN-Prinzipien verstoßen. Darüber hinaus bieten wir nachhaltige Geldanlagen in Form einzelner Fonds oder als Depot an.

Grüne Anlagen sind in aller Munde in diesen Tagen. Was sind denn Ihre Lehren aus der Schieflage des Windkraftbauers Prokon?
Zu Prokon kann ich gar nichts sagen. Generell geht es natürlich immer auch um die Frage, welches Produkt der Kunde haben möchte und wie das Risiko aussieht. Einige Anleger wollen eben hohe Renditen und blenden dabei die Risiken teilweise aus.

Unser Eindruck ist, dass die Geldinstitute das Thema Öko-Anlagen dem Graumarkt überlassen haben.
Nein, das sehe ich anders. Natürlich bieten wir diese Produkte an, denn unsere Kunden fragen sie nach. Außerdem wäre es nicht klug, wenn wir das dem Graumarkt überlassen hätten. Schließlich spielt das Thema bei uns eine große Rolle. Wir sind ja auch einer der größten Finanzierer der Energiewende.

Was machen Sie da genau?
Vorweg eine Zahl: Insgesamt vermeiden die von der Commerzbank finanzierten Windenergie-, Solar- und Bioenergieanlagen jährlich die Emission von rund zehn Millionen Tonnen CO2. Das entspricht etwa zehn Prozent aller CO2-Emissionen, die in Deutschland 2012 durch die Nutzung von regenerativem Strom vermieden wurden. Alles in allem haben wir per Ende Juni 2013 rund 5,1 Milliarden Euro an Krediten für Erneuerbare Energien vergeben.

Vor gut einem Jahr wollten Sie dieses Volumen über die nächsten Jahre noch verdoppeln. Bleibt es dabei?
Das ist ein attraktives Geschäft, das wir weiterentwickeln wollen. Aber langfristig orientierte Projektfinanzierung ist auch mit Risiken versehen. Da müssen die Bedingungen klar sein: Wir brauchen Investitionssicherheit. Die Regulierung rund um Basel III macht es den Banken außerdem schwerer, ihre Rolle als Finanzierer der Energiewende zu erfüllen. Wir haben unsere Ziele daher angepasst – von einem Portfolio-Ziel auf ein jährliches Arrangierungsvolumen, das heißt, wir finanzieren die Projekte künftig verstärkt zusammen mit institutionellen Investoren. Das neue Ziel liegt daher bei 750 Millionen Euro neuem Arrangierungsvolumen im Jahr.

Wie sieht Ihre Bilanz der Energiewende aus?
Eine Bilanz zu ziehen, wäre zu früh. Die Ziele gelten und haben an Bedeutung gewonnen. Ich glaube, es ist der richtige Weg. Im Ergebnis ist die Energiewende eine Chance für die deutsche Volkswirtschaft. Und wir sind Vorreiter. Dass das Thema bei der neuen Regierung oben auf der Agenda steht, ist ein wichtiges Signal.

Es gab Forderungen, dass staatlich gestützte Banken gezwungen werden sollen, die Energiewende stärker zu finanzieren. Was sagt der Bund, Ihr wichtigster Anteilseigner?
Der Bund hat in der Vergangenheit keinen Einfluss auf unsere Geschäftspolitik genommen und wird es sicherlich auch in Zukunft nicht tun.

Interview: Meike Schreiber

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial: Commerzbank
Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.


Spezial

Die Schlecker-Insolvenz - Welche Auswirkungen hat sie auf die Filialen und Mitarbeiter?


Insolvenz

Der Insolvenzverwalter ist bestellt, jetzt beginnt die harte Zeit der Neuordnung von Schlecker. Wir erklären, wie es mit der Kette weitergeht.

Anzeige