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Commerzbank: Blessing geht in die Offensive

Finanzkreise sind sicher, dass die Commerzbank viel mehr Kapital braucht, als angenommen. Sollte die EU-Bankenaufsicht ihre Anforderungen verschärfen, fehlten fünf Milliarden in der Kasse. Doch Commerzbank-Chef Martin Blessing ist sich sicher: "Wir schaffen das".

Occupy-Demonstration vor der Zentrale der Commerzbank AG in Frankfurt.
Occupy-Demonstration vor der Zentrale der Commerzbank AG in Frankfurt.
Foto: dapd

Commerzbank-Chef Martin Blessing geht weiter davon aus, dass das Geldhaus die Kapitalanforderungen der EU-Bankenaufsicht EBA aus eigener Kraft schafffen kann. „Wir haben doch gesagt, wir werden das aus eigener Kraft schaffen. Im Moment gibt es keinen Grund, an irgendeiner meiner Äußerungen etwas zu ändern“, sagte Blessing am Dienstagabend.

Die neuen Kapitalanforderungen der EU drohen für Commerzbank zu einer Mammutaufgabe zu werden. Deutschlands zweitgrößter Bank fehlen wahrscheinlich rund fünf statt der bisher erwarteten 2,9 Milliarden Euro Eigenkapital, um auf die geforderte Quote von neun Prozent zu kommen, wie mehrere mit den Zahlen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters zuvor gesagt hatten.

„Ich bin nicht bereit, mich auf Vorrat zu rasieren“, ergänzte Blessing. Man müsse abwarten, welche Kapitalanforderungen die EBA am Ende tatsächlich stellen werde. Die Chance für Vertrauen am Markt zu sorgen, habe die EBA hinter sich gelassen.

Um die Auflagen zu erfüllen, will Blessing früheren Angaben zufolge die Bilanzrisiken im kommenden halben Jahr drastisch herunterfahren - möglicherweise um bis zu 20 Prozent, wie Insider betonten. Ob das gelingt, bezweifeln Experten.

Rabatt bei Bankenrettung - zu Lasten der Aktionäre

Die EU-Kommission will einem Zeitungsbericht zufolge Staaten, die mit Steuergeld ihre Banken stützen müssen, einen materiellen Ausgleich bieten - auf Kosten der anderen Aktionäre. EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia plane, dass EU-Staaten bei Kapitalerhöhungen neue Aktien mit einem Rabatt auf den Kurs erhalten sollen, berichtet die „Financial Times Deutschland“. So sollten Regierungen von Rettungseinsätzen auch dann profitieren, wenn nicht, wie bei Beihilfen in der Vergangenheit, eine Kompensation vorab festgelegt werden kann, zum Beispiel in Form von Gebühren.

Bei börsennotierten Banken wie der Commerzbank, die voraussichtlich eine staatliche Kapitalspritze brauchen, würde dies dem Bericht zufolge zu einer zusätzlichen Verwässerung der Ansprüche anderer Aktionäre führen. Der Vorschlag sei Teil einer Neufassung der Beihilferegeln für Banken, die Almunia am 30. November präsentieren will. Die Sonderregelungen für Banken sollten eigentlich am Jahresende auslaufen, werden aber wegen der anhaltenden Finanzkrise und der von den EU-Staaten beschlossenen Rekapitalisierung auf eine Kernkapitalquote von neun Prozent verlängert. Normalerweise gilt ein Beihilfeverbot. In einer Analyse der Krisenbeihilfen heißt es laut „Financial Times Deutschland“, Ziel der Kommission sei „eine angemessene Aufteilung der Kosten zwischen öffentlichem und privatem Sektor“.

Mehr Kapital nötig

Auf Basis des zweiten Quartals hatte die teilverstaatlichte Commerzbank die Lücke zur geforderten harten Kernkapitalquote von neun Prozent noch auf 2,9 Milliarden Euro beziffert. Im dritten Quartal verbuchte sie fast 700 Millionen Euro Verlust - inwieweit dieser den Kapitalbedarf erhöht hat, ist offen. Zudem will die europäische Bankenaufsicht EBA die Bedingungen für die Kapitalberechnung nochmals verschärfen, was bei zahlreichen Banken die Lücke vergrößern würde. Deutschland und andere Länder leisten aber noch Widerstand.

Die EU-Regierungen wollen mit einer Rekapitalisierung der Banken das Vertrauen der Investoren in die krisengeschüttelte Branche wiederherstellen. Die Institute leiden unter massiven Abschreibungen auf europäische Staatsanleihen, was die Kapitaldecke ausdünnt. In der Branche gibt es aber heftige Kritik am Vorgehen der EU, denn die geforderte Kapitalquote geht weit über die neuen Anforderungen des internationalen Regelwerks Basel III hinaus.

In Aufsichtskreisen hieß es am Dienstag, die endgültigen Zahlen der EBA stünden noch nicht 100 Prozent fest. Reuters hatte bereits erfahren, dass sich der Kapitalbedarf der größten deutschen Banken insgesamt auf mehr als zehn Milliarden Euro verdoppeln könnte. Die Commerzbank, deren Kapitalbedarf nach den vorläufigen Zahlen der größte aller deutschen Institut war, lehnte eine Stellungnahme ab.

Mit dem höheren Bedarf wächst der Druck auf Commerzbank-Chef Martin Blessing. Er hat sein persönliches Schicksal damit verknüpft, dass das Institut die Lücke bis Mitte 2012 schließen kann, ohne noch einmal Staatshilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Der Vorstand will die Quote in erster Linie dadurch erreichen, dass er Bilanzrisiken (RWA) abbaut, die mit Kapital unterlegt werden müssen. Dazu wird das Neugeschäft des Immobilienfinanzierers Eurohypo gestoppt. Im Mittelstandsgeschäft sollen Kredite bis auf Weiteres nur dann vergeben werden, wenn sie mit den Kernmärkten Deutschland oder Polen zu tun haben. Aber auch deutsche Länder und Kommunen müssen laut Finanzkreisen mit drastischen Einschnitten in der Kreditvergabe rechnen. (rtr)

Datum:  22 | 11 | 2011
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