Frankfurt a.M. "Ich habe erst gezuckt." Mit diesen Worten beschreibt Martin Blessing seine Reaktion, als ihm klar wurde, dass er fortan Chef einer halbstaatlichen Bank sein wird. "Kann man so ein Institut weiter nach betriebswirtschaftlichen Kriterien führen?", schoss es dem Commerzbank-Chef durch den Kopf.
Einen Tag später, als er Journalisten Rede und Antwort steht, macht er sich schon Mut. "Außergewöhnliche Zeiten wie die scharfe Rezession gepaart mit der Finanzkrise, erfordern halt außergewöhnliche Maßnahmen."
Die Bank sei jetzt ein privatwirtschaftlich geführtes Institut, an dem der Staat 25 Prozent plus einer Aktie halte - also die klassische Sperrminorität.
Aber da es keine anderen Auflagen gebe, könne man die Beteiligung des Bundes auch als Vertrauensbeweis in das Geschäftsmodell der fusionierten Commerzbank und Dresdner werten. Gemeinsam mit der Allianz, deren Anteil nun auf rund 13 Prozent verwässert worden ist und der italienischen Generali, die rund vier Prozent am neuen Institut hält, habe er "stabile Aktionäre", die das Vorhaben, Deutschlands zweitgrößte Bank zu formen, unterstützten.
Und außerdem habe er erst jüngst hochrangige Kollegen amerikanischer und britischer Großbanken getroffen, die schon ein paar Wochen länger halbe Staatsbanker seien. "Die hätten sich auch nicht anders aufgeführt als früher", sagt Blessing. Das hört sich ehrlich an aus dem Mund des großgewachsenen Mittvierzigers, der aus einer traditionsreichen Bankiersfamilie stammt. Ist aber nicht einmal die halbe Wahrheit.
Die im Spätsommer eingefädelte Übernahme der Dresdner erweist sich in der Finanzkrise als Extremrisiko. Denn die Dresdner ist eine halbe Investmentbank und leidet besonders unter den Verwerfungen an den Kapitalmärkten. Die Allianz, der die Dresdner bis zum Sommer komplett gehörte, wollte sie unbedingt loswerden und Blessing hat im absolut falschen Moment zugegriffen.
Geplant ist die Ausgabe von 295 Millionen neuen Aktien, die der Rettungsfonds für sechs Euro pro Stück erhalten soll. Zudem ist eine weitere stille Einlage über 8,2 Milliarden Euro vorgesehen. Aus Sicht des Steuerzahlers, der inzwischen 18,2 Milliarden Euro in die Bank gepumpt hat, ist es ein kleiner Trost, dass auch ohne Übernahme die Dresdner hätte gerettet werden müssen.
Die Alternative wäre der Beinahekollaps des größten Versicherungskonzern des Landes gewesen, der die Altersvorsorge für Millionen Bürger verwaltet. Und der Verkauf der Dresdner an einen asiatischen Staatsfonds oder russischen Oligarchen, erscheint im Nachhinein auch nicht gerade als patente Option.
Auch die Allianz hat zur Rettung beigetragen und damit zumindest eine Teilverantwortung für die noch nicht bezifferten Verluste ihrer einstigen Tochter übernommen. Sie hat der Dresdner ein riskantes Wertpapier für 1,1 Milliarden Euro abgekauft und eine stille Einlage in Höhe von 750 Millionen Euro geleistet.
Durch die jüngste Kapitalspritze ist das fusionierte Institut auch nach den voraussichtlich horrenden Verlusten aus dem vierten Quartal immerhin auskömmlich mit Eigenkapital ausgestattet. Zehn Prozent beträgt die neue Kernkapitalquote, was in Euro rund 33 Milliarden ausmacht.
An der Börse ist die Bank dagegen nur vier Milliarden Euro wert. "Wir zählen jetzt international zu den besser kapitalisierten Instituten", so nennt es Blessing. Da inzwischen am Kapitalmarkt acht Prozent als Untergrenze angesehen würden, habe man noch einen Puffer in Höhe von rund sieben Milliarden für "Dinge, die da noch kommen mögen". Niemand wisse zur Zeit, wie schlimm die Rezession werde.
Vor einem halben Jahr habe sich niemand die Pleite von Lehman Brothers vorstellen können, niemand die Beinahepleite eines europäischen Staates (Island). Wer weiß, was die Banker im Jahr 2009 noch alles erleben werden.
Auf jeden Fall sei die neue Bank jetzt erst einmal "wetterfest" aufgestellt. Und auch die komplette Übernahme der Dresdner werde nun rasch über die Bühne gehen. "Eher in Tagen als in Wochen", sagte Blessing.
Die Anleger reagierten erleichtert auf die Teilverstaatlichung der Commerzbank. Die zuvor tief im Minus liegende Aktie startete nach Bekanntwerden der Rettungsaktion eine Aufholjagd. Sie schloss bei 5,25 Euro (minus 13,8 Prozent, nachdem sie zuvor bis auf 4,79 Euro abgerutscht war. Die Allianz verlor 5,4 Prozent.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Die Schlecker-Insolvenz - Welche Auswirkungen hat sie auf die Filialen und Mitarbeiter?
Der Insolvenzverwalter ist bestellt, jetzt beginnt die harte Zeit der Neuordnung von Schlecker. Wir erklären, wie es mit der Kette weitergeht.