Commerzbank

27. Dezember 2012

Commerzbank-Hybridanleihen: Kleinanleger in der Anleihe-Falle

 Von Karin Billanitsch
Das neue Logo der Commerzbank, aufgenommen am Gallileo-Hochhaus in Frankfurt am Main. Foto: dpa

Tausende Privatanleger, die in eine Hybridanleihe der Commerzbank investiert haben, können nicht ohne erhebliche Verluste aus dem Geschäft aussteigen. Sie hofften auf Rückzahlung bis zum Jahresende. Doch die Bank hat diesen Termin verstreichen lassen. Nun droht eine Klagewelle.

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Woran liegt es, wenn man den Banken nicht vertraut? In einem neuen Fernsehspot der Commerzbank wird diese Frage gestellt. Dabei läuft eine Joggerin durch halb Frankfurt, bis sie sich schließlich im Commerzbank-Tower als Angestellte entpuppt. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher, suggerieren die Werber, die Commerzbank wird eine "Good Bank", nachhaltig und bescheiden, keine Zockerbank mehr, sondern eine Bank, deren "Berater nicht belohnt werden, wenn sie möglichst viele Verträge verkaufen. Sondern erst, wenn ihre Kunden zufrieden sind".

Zufrieden ist Commerzbank-Kunde Manfred Beyer indes ganz und gar nicht mit der Beratung bei der mit Hilfe von Staatsgeldern geretteten Bank. Er gehört zu den Kunden, die im Jahr 2006 bei der Bank eine Hybridanleihe (WKN CK 4578) gezeichnet haben. Als damals Festgelder in Höhe von 40 000 Euro ausliefen, rief ihn sein Berater an. "Ich hatte davor auch schon bei der Commerzbank Geld angelegt, es war immer in Ordnung", sagt Beyer. "Aber diesmal fühlt er sich hereingelegt. "Denn ich habe betont, dass ich das Geld Ende 2012 wieder zur Ablösung einer Hypothek brauche. Das wurde mir zugesichert". So gab er telefonisch den Kaufauftrag. Auf die Rückzahlung seines Geldes muss er weiter warten. Der erstmalige Kündigungstermin für die Commerzbank am 18.12.2012 ist verstrichen und passiert ist - nichts.

"Keine Angaben"

"Die Emittentin hat gemäß dem Prospekt und den Vertragsbedingungen ihr Recht auf eine vorzeitige Rückzahlung zum erstmöglichen Rückzahlungstag nicht ausgeübt. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zu den Gründen keine Angaben machen", heißt es auf Anfrage in einer Stellungnahme der Commerzbank. Auf die Frage, wie lange die Hybridanleihe nach den Plänen der Bank noch laufen soll, teilt die Bank mit, sie könne aus heutiger Sicht hierzu keine Angaben machen. Auch auf die Frage, ob es 2013 ein Rückkaufangebot geben wird, äußert sich die Bank nicht.

Insgesamt hat die Commerzbank nach eigenen Angaben rund 300 Millionen Euro mit der Hybridanleihe "Capital Funding Trust III" eingesammelt. Emittentin ist nicht die Commerzbank selbst, sondern eine nach dem US-Recht des Staates Delaware geründete Tochtergesellschaft, wie sich aus dem Prospekt ergibt.

Unbefristete Laufzeit

Mit Hybridanleihen beschaffen sich Banken eine Art Eigenkapital. Sie sind ein Mix aus Unternehmensanleihe und Aktie, für sie gelten komplizierte Regeln. Obwohl das Papier "Anleihe" heißt, ist die Laufzeit - im Gegensatz zu klassischen Anleihen - unbefristet. Zudem wird die Hybridanleihe im Falle einer Insolvenz nachrangig bedient. Das bedeutet, der Anleger erhält erst etwas, wenn fast alle anderen Gläubiger bedient worden sind. Daher besteht das Risiko des Totalverlustes.

Jahrzehntelang ging das Geschäft mit Hybridanleihen gut. Nicht nur Commerzbank, auch Konkurrenten wie Deutsche Bank oder WestLB sammelten auf diese Weise Geld ein. Aber "es war Usus, dass man zum ersten Kündigungstermin diese Anleihe gekündigt hat, und die Anleger ihr Geld zurück erhalten haben", sagt Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Die Zinsen lagen etwas höher als bei erstrangigen Anleihen. Bauer: "Das galt auch als ein Zeichen von Bonitätsstärke, dass man die Anleihe frühzeitig zurückzahlt." Doch dann kam 2008 die Finanzkrise - und die Commerzbank musste in der Folge unter staatliche Fittiche schlüpfen, um nicht insolvent zu gehen.

Nun wurde das Kleingedruckte plötzlich relevant. Beyer kaufte das Produkt, ebenso wie tausende andere Kunden auch, in dem guten Glauben, dass das Geld am 18.12.1012 wieder zurückgezahlt wird. Das Recht zur Kündigung liegt aber nur einseitig bei der Bank. Will der Anleger aussteigen, bleibt ihm nur der Weg über die Börse. Doch die Kurse notieren aber derzeit bei 40 Prozent des Ausgabewertes.

Für Privatanleger ungeeignet

Über die speziellen Risiken ist der Kleinsparer Beyer nach seiner Aussage bei dem Telefongespräch nicht aufgeklärt worden. Sein Rechtsanwalt, Helge Petersen, sagt, das sei kein Einzelfall. "Viele Leute haben überhaupt nicht verstanden, was sie gekauft haben". Er wirft der Bank vor, Kunden meist falsch oder ungenügend informiert zu haben. Der Kieler Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht hält die Anlageklasse generell nicht für Privatanleger geeignet. "Niemand verleiht für unbestimmte Zeit Geld für 0,0 Prozent Zins". Denn Zinsen werden nur fällig, wenn die Commerzbank Gewinn schreibt. Einige seiner Klienten hätten 60 bis 70 Prozent ihres Vermögens in die Anleihe gesteckt, sagt Petersen. Von einem solchen Klumpenrisiko im Depot raten Experten in der Regel ab.

Helge Petersen vertritt rund 90 geschädigte Anleger, die die Hybridanleihe Capital Funding Trust III
gezeichnet haben. Bereits in 2011 und Anfang 2012 hatten die Gläubiger Umtauschangebote bekommen. Hintergrund: Hybridanleihen gelten mit dem Inkrafttreten der neuen Basel-III-Regeln nicht mehr als Eigenkapital. Durch Rückkäufe will die Bank sie wohl nach und nach vom Markt nehmen. Anfang 2012 wurde Anlegern aber nur 47 Prozent des Nominalwerts geboten.

Es kommt auf den Einzelfall an

In vielen Fällen drohen nach Angaben des Anlegeranwalts Petersen zum Jahresende etwaige Schadensersatzansprüche zu verjähren. In anderen Fällen könnte die Verjährung möglicherweise schon eingetreten sein. Hier kommt es immer auf den Einzelfall an. Ansprüche auf Schadensersatz könnten entstanden sein, weil Berater gegen ihre Aufklärungs- und Informationspflichten verstoßen haben könnten. Schon eine Beschwerde beim Ombudsmann deutscher Banken kann indes den Verlauf der Verjährungsfrist hemmen, sagt Helge Petersen. Dafür reiche bereits eine Email (bankenverband@bdb.de; www.bankenombudsmann.de) aus. Petersen erwartet nun eine Klagewelle.

Commerzbank-Kunde Manfred Beyer musste sich bei einer anderen Bank Geld leihen, um seine abgelaufene Hypothek zu bedienen. Er kennt den neuen Werbespot der Commerzbank und ärgert sich maßlos darüber. Er ist einer der Kunden, dessen Vertrauen die Commerzbank nicht mehr zurückgewinnen wird.

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