Fest installierte Videokameras sollen künftig das Geschehen rund um das Böllenfalltor-Stadion sowie auf den Tribünen überwachen. Herzstück des neuen Überwachungssystems der Polizei sind vier Kameras, die im März am Stadionrand auf Masten oder am Dach der Haupttribüne installiert wurden. Die Kameras können rundum schwenken. "Sie erfassen das gesamte Stadioninnere sowie den Außenbereich bis zur Nieder-Ramstädter Straße", erklärt Polizeikommissar Peter Hohenstein. "Man kann damit sehr nah heranzoomen." In der Tat können die Kameras gestochen scharf Gesichter in Großaufnahme auf den Bildschirm bringen.
Geschulte Polizisten wie Hohenstein steuern die Anlage von der Haupttribüne aus. Doch ein menschlicher Eingriff ist gar nicht in allen Fällen erforderlich. Mit Hilfe eines automatischen Trackingsystems kann das Überwachungssystem die Bewegungen verdächtiger Personen verfolgen. Sogar Übergaben von einer Kamera zur anderen sind automatisch möglich. Auf Wunsch wird der Laufweg einer ausgewählten Personen mit einer Linie festgehalten. Standbilder können ausgedruckt und an die Einsatzkräfte vor Ort weitergegeben werden.
"Die Kameras werden bei Risikospielen zum Objektschutz einige Tage vor Spielbeginn eingeschaltet", erklärt Polizeidirektor Helmut Biegi. So sollen auch Sachbeschädigungen im Stadionumfeld verhindert oder gegebenenfalls aufgeklärt werden. Die Aufnahmen bleiben 14 Tage lang gespeichert.
Fans fühlen sich kontrolliert
"Es geht nicht in erster Linie darum, Straftäter zu fassen", betont Biegi. "Im Vordergrund steht der präventive Charakter. Wenn man weiß, dass man gefilmt werden kann, wird man es sich überlegen, ob man Gewalt anwendet oder Pyrotechnik abbrennt." Der Polizeidirektor erinnert an die Ausschreitungen nach dem Regionalliga-Spiel des SV 98 gegen Hessen Kassel mit mehr als einem Dutzend Verletzten. Von allen Seiten wird aber betont, dass die Videoanlage keine Reaktion auf diese Vorfälle sei. Vielmehr habe der Deutsche Fußballbund bei der Lizenzierung vom SV 98 verlangt, "spätestens bis zum ersten Spiel der Rückrunde der Spielzeit 2009/10" ein Überwachungssystem zu installieren.
Stadionbesucher werden künftig beim Eintritt auf die Videoüberwachung hingewiesen. Das sei heute "Standard in deutschen Stadien", erklärt der Präsident des SV Darmstadt 98, Hans Kessler: "Der erfahrene Fußballanhänger hat damit keine Probleme."
Die Anschaffung der rund 40 000 Euro teuren Anlage sei von der Stadt als Betreiber des Sportparks Böllenfalltor und des Stadions mit Mitteln aus dem Konjunkturprogramm finanziert worden, erklärt Bürgermeister und Sportdezernent Wolfgang Glenz (SPD). Er lobt den "Schulterschluss von Stadt und Polizei auf diesem schwierigen Terrain, auf dem einige wenige gewaltbereite Randalierer dem Sport schaden."
Seinen ersten Ernstfall-Einsatz soll das Überwachungssystem beim Spiel des SV 98 gegen die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt am 15. Mai haben. "Bei den Fans brechen deswegen keine Jubelstürme aus", sagt Michael Kirchner, Leiter des SV 98-Fanprojekts. "Die fühlen sich jetzt natürlich beobachtet und kontrolliert." Er äußert Zweifel, ob durch das Überwachungssystem Straftaten verhindert würden. Schließlich sei schon bisher gefilmt worden, von Polizisten per Hand. Die neuen Kameras seien sehr auffällig, "ein Symbol für Repression". Zwar würden die Lilien-Fans deswegen wohl nicht in nennenswertem Umfang den Spielen fernbleiben, aber Protestaktionen gegen die Überwachung seien durchaus denkbar. (bad)

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