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Darmstadt: Bis zur Bewusstlosigkeit

"Bunt statt blau": Darmstadt sagt dem Koma-Saufen Jugendlicher mit zwei Kampagnen den Kampf an.

Die Zahl der Koma-Trinker steigt.
Die Zahl der Koma-Trinker steigt.
Foto: Roman Grösser

Sieben Jungs, anderthalb Stunden, zwei Flaschen Wodka, zwei Sixpacks Bier: Bilanz einer Vorglühparty, bei der es galt, möglichst schnell einen möglichst hohen Alkoholpegel zu erreichen. Julian war 16, als er mit fast drei Promille ins Krankenhaus gebracht wurde. Diagnose: Alkoholvergiftung.

Koma-Saufen ist unter Jugendlichen ein vorhandenes Phänomen. Jetzt sind in Darmstadt zwei Kampagnen gegen diesen exzessiven Alkoholkonsum angelaufen: Die AG Kobra, ein Zusammenschluss von städtischen, kirchlichen und freien Trägern der Jugendpflege und der SV Darmstadt 98 starteten das Projekt Meine Abwehr steht. Hier geht es darum, Acht- bis Zwölfjährigen mit Fußball-Regionalliga-Spielern Vorbilder zu geben, die cool und sauber sind, weil sie sich als Sportler keinen Drogenkonsum leisten können. Spieler und Kids trainieren und diskutieren miteinander.

Immer mehr Fälle

48 Jugendliche sind nach DAK-Angaben 2008 in Darmstadt mit Alkoholvergiftung in Krankenhäusern behandelt worden, was einem Anstieg von 90 Prozent gegenüber 2007 entspricht.

Eine Umfrage in Darmstadt unter 650 14- bis 16-Jährigen im Jahr 2007 hatte ergeben, dass ein Drittel überhaupt keinen Alkohol trinkt. Ein weiteres Drittel trinkt "einmal pro Woche oder weniger" Alkohol, 28 Prozent trinken am Wochenende. In Prozentzahlen gar nicht erfassbar waren diejenigen, die angaben, drei- bis viermal die Woche, täglich oder gar mehrmals täglich zu trinken.

Mit einer Plakataktion will die DAK auf das Problem aufmerksam machen und sucht bis Ende April die besten Entwürfe von Zwölf- bis 17-Jährigen zum Thema "Bunt statt Blau". Infos gibt es unter www.dak-buntstattblau.de (rwb)

Die zweite Kampagne ist von der Krankenkasse DAK, die Jugendliche von zwölf bis 17 Jahre dazu aufruft, an einem Plakatwettbewerb mitzumachen, der "Bunt statt Blau" zum Thema macht.

Bereits seit einigen Jahren ist der exzessive Umgang mit Alkohol Thema im Kommunalen Präventionsrat. Leiter Volker Weyel ist noch immer erstaunt, wie Alkohol bei Jugendlichen so in den Mittelpunkt rücken konnte und damit auch inzwischen "wie selbstverständlich zum Stadtbild gehört". Seien es aufgetakelte Mädchen, die mit einem Mischbier in der Hand über den Luisenplatz stöckeln. Seien es Jungs, die sich im Herrngarten mit Schnaps an den Rand der Bewusstlosigkeit trinken. Oder Studenten, die im Rahmen von Orientierungswochen für Erstsemester öffentliche Sauf- und Entkleidungsspielchen veranstalten. "Wir sehen hier einen völlig unkontrollierten Umgang", stellt er fest, "und es gibt auch keine gesellschaftliche Reaktion auf 14-Jährige, die mit Bierflasche durch die Gegend laufen." Dies habe es so früher nicht gegeben.

Erwachsene, fordert Weyel, dürften nicht sagen, Alkoholkonsum sei richtig oder falsch, sondern müssten differenzieren: "Für dich ist es falsch, weil du erst 14 Jahre alt bist." Doch statt mahnender Eltern erlebt Weyel auch das Gegenteil. So habe ihm ein Tanzschulbetreiber erzählt, dass Eltern Minderjähriger darauf bestanden hätten, ihren Kindern beim Abschlussball Alkohol auszuschenken.

Zum Erwachsenwerden gehöre es, Grenzen ausloten und auch mal zu überschreiten. Wenn es allerdings keine sichtbaren Grenzen mehr gebe, verschärften sich die Aktivitäten entsprechend - solange bis endlich jemand einschreitet. "Damit sind wir zum Beispiel beim Koma-Saufen", sagt Weyel.

Werbeindustrie als Gegner

Der Kommunale Präventionsrat, in dem Vertreter von städtischen Ämtern ebenso wie die Polizei sitzen, und der mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen im Kontakt steht, "möchte möglichst viele Partner zusammenbekommen, die deutlich machen, wo die Grenze ist und erwirken, dass hingeschaut wird", sagt Weyel. Er wünscht sich einen professionellen Umgang ohne Hysterie und weiß, dass die Jugendlichen erreicht werden müssen, um etwas zu ändern. Die Werbeindustrie kann es: 1,2 Milliarden Euro stecken jährlich in der gezielten Bewerbung von Alkohol, sagt Volker Weyel. "Das ist ein mächtiger Gegner." (rwb )

Datum:  30 | 3 | 2010
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