Man sieht es selbst dem abgedruckten Faksimile an: die Typen der Schreibmaschine waren angeschlagen, das schwarze Kohleband hatte schon bessere, farb-kräftigere Zeiten gesehen. Aber alles ist trotzdem noch gut lesbar.
"Mit sozialistischem Gruß!" lud Adam Büdinger alle "Genossen, Freunde und Interessierte" zur Neukonstituierung der Ortsgruppe Ueberau der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) am 20. November 1968 in der Gaststätte "Germania" - ausgerechnet dieser Name - ein.
Ueberau, schrieb Büdinger in die Einladung, sei eine "traditionsreiche Gemeinde der kommunistischen Bewegung". Das gilt 40 Jahre später noch genauso für Reinheim, in das Ueberau inzwischen eingemeindet worden ist. Die DKP hat beharrlich überlebt und wird weiter gewählt. Ein kommunistisches Biotop in Südhessen.
Im Wohnzimmer von Arno Grieger, Fraktionsvorsitzender der DKP in der Stadtverordnetenfraktion Reinheim, sitzen sie beieinander: DKP-Kreisvorsitzender Reiner Keil und Manfred Büdinger, "Rechner" (Kassierer) bei dem ehemaligen Arbeitersportverein 1919, auch eine dieser Keimzellen für die Stärke der Kommunisten in Reinheim. Am Bücherregal lehnt ein gerahmtes Plakat von Che Guevara. "Nur vorübergehend. Er wird wieder aufgehängt", meint Grieger, der bekennender Kommunist ist.
Der Name Büdinger ist ein Teil der DKP-Ortsgeschichte in Reinheim. Unter den Nazis wurden die Kommunisten verboten und verfolgt, im Adenauer-Deutschland waren sie anfangs noch als Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) aktiv, bis auch die verboten wurde. Die Kommunisten in Ueberau konstituierten sich als Unabhängige Wählergemeinschaft(UWG) neu und stellten in den 1950er Jahren prompt den Bürgermeister. "Mein Vater", sagt Manfred Büdinger mit Arbeiter- und Familienstolz, "wurde nie abgewählt". Er wurde abgesetzt, obwohl in der Demokratie mit Mehrheit gewählt. Bei der Bundestagswahl 1957 hatten die Kommunisten noch zur Wahl der SPD aufgerufen, weil die KPD nach dem Verbot nicht mehr antreten durfte.
Die große Politik holte die kleine Gemeinde ein. Sozialdemokraten, eben noch unterstützt, beschimpften die "Ostagenten von der UWG". 1960 wird die "getarnte kommunistische Liste" aufgelöst. Bürgermeister Adam Büdinger und die UWG-Beigeordneten werden ihrer Ämter enthoben. Der hessische SPD-Innenminister in Wiesbaden setzt einen Staatskommissar ein. Die UWG gilt als kommunistische Ersatzorganisation.
Acht Jahre später ist sie als DKP wieder da, wird am 25. September in Frankfurt/Main für die Bundesrepublik neu konstituiert. Die Reinheimer und Ueberauer greifen auf alte Strukturen und das bekannte Personal zurück.
Im Ort spielen wie weiter eine wichtige Rolle. Sie sitzen in Stadtverordnetenversammlung und Magistrat, sind Ansprecherpartner für die Bürger. Die neuen Linksableger PDS, WASG und Linkspartei finden die drei Reinheimer überflüssig. Die DKP konnte in den vergangenen Jahren kontinuierlich und beharrlich ihre Ergebnisse steigern, organisiert konkrete Aktionen für die Benachteiligten der Gesellschaft, wie zum Beispiel eine Kinderkleideraktion, die jetzt schon zum 48. Mal angeboten wurde.
"Unser Weg - Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei für Reinheim", die die Mitstreiter selbstbewusst verteilen, verstehen sie als Bestandteil von gelebter Bürgernähe. In der jüngsten Ausgabe des Blättchens wird traditionsbewusst zum gemeinsamen "Marx-Lesen" im Herbst eingeladen.
Für die DKP geht es auch darum, bewusst an ihre Ursprünge anzuknüpfen. Denn die Aktiven aus Reinheim zweifeln nicht daran, dass eine stabile DKP auch die neuen Linken überleben wird - als Traditionspartei, verwurzelt in einer Kommune, die bislang allen Politstürmen und modernen Strömungen zäh getrotzt hat.

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