Zur derzeitigen Ausstellung "Jüdisches Leben in Dieburg" im Schloss Fechenbach gibt es jetzt auch eine Filmdokumentation zu sehen. Sie besteht aus Interviews, die vor allem den letzten Abschnitt jüdischen Lebens in Dieburg bis zur Vertreibung und Ermordung der jüdischen Mitbürger nach der Machtergreifung Hitlers 1933 behandeln.
Die Uraufführung war am Mittwochabend im Rathaussaal. Bürgermeister Werner Thomas erinnerte an die einstige aktive jüdische Gemeinde, die noch 1928 ihre Synagoge auf dem Marktplatz feierlich eingeweiht hatte.
Die Macher des Films kommen größtenteils aus dem Filmclub Dieburg, der für die Erarbeitung der Dokumentation mit dem Stadtjugendring und der ehemaligen Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith kooperiert hat.
Peter Liste als Kameramann reiste mit Stadtjugendpfleger Paul Huttarsch, Hanna Haibach und Nina Schepp in die USA - auf eigene Kosten - und flog die Ostküste ab, um jüdische Zeitzeugen zu treffen, die in den 30er Jahren nach Amerika geflohen waren. In nur zehn Tagen trafen sie auf Menschen, die sich noch nach 70 Jahren genau an die Schrecken der Diskriminierung und Verfolgung erinnern.
Als "Mosaik an Erinnerungsschätzen", beschreibt Huttarsch den dreißigminütigen Film. "Aus jedem Schicksal hätten wir eine eigene Geschichte abdrehen können." Fast im Minutentakt erzählen die einstigen Dieburger mit jüdischer Religion aus ihrer Kindheit. Helen Hansi Kleban (Jahrgang 1920) etwa von dem durch die Nazis zwangsweise herbeigeführten Wechsel vom Gymnasium auf die Volksschule. Harry Lorsch (geboren 1921) von den Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung in Amerika.
Herbert Hein, der eine Stiftung gegründet hat und mit dessen Geld die Ausstellung im Schloss Fechenbach ermöglicht wurde, kehrte viele Male nach Dieburg zurück und fühlt sich immer besser. "Jetzt sowieso, wo alle Nazis tot sind", erklärt er. Auch Bernd Strauss hat mittlerweile "ein warmes Gefühl", nach so langer Zeit auf den jüdischen Friedhof zu kommen.
Deborah Vlock, die Enkelin von Nelly Lehmann, die unlängst im Alter von 103 Jahren starb, erinnert sich daran, dass ihre Großmutter nach der Flucht so schnell wie möglich Amerikanerin werden wollte, um das Erlebte zu vergessen.
Zu Wort kommen in der Dokumentation im Wechsel jüdische Bürger wie auch Klassenkameraden, Nachbarn und Geschäftsleute. Der schnörkellose Film erzählt von dem blühenden Leben zwischen Christen und Juden im Café Goldschmitt, Treffpunkt aller Dieburger. Da gibt es unbeschwerte Kindheitserinnerungen, vom Teilen der Matze, vom Paschafest mit Nachbarskindern, aber auch Berichte von der Schmach, über Nacht von der Gesellschaft ausgegrenzt worden zu sein. (eda)
Der Film wird während der Öffnungszeiten der Ausstellung noch bis 14. Februar dienstags bis samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr im Schloss Fechenbach gezeigt.

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